Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Wer sich doch noch anmeldet, wird nicht bestraft

Im Landkreis Ostprignitz-Ruppin gibt es eine große Menge illegaler Feuerstätten Wer sich doch noch anmeldet, wird nicht bestraft

Wie alle Bezirksschornsteinfeger ist Karsten Valentin verpflichtet, innerhalb von sieben Jahren jede Heizung in seinem Kehrbereich zweimal zu überprüfen. Er geht dabei nach seinem elektronischen Kehrbuch – und stellt bei der sogenannten Feuerstättenschau immer wieder fest, dass viele Eigentümer ihre Heizungen und Öfen gar nicht angemeldet haben.

Voriger Artikel
Zu schade für den Schrott
Nächster Artikel
Neuruppin: Grundstücksdeal platzt wohl

Mathias Wittmoser (l.) und Karsten Valentin mit dem Handyfoto eines von Ruß zugesetzten Ofenrohrs.

Quelle: Foto: Christian Schmettow

Neuruppin. Irgendwann rufen die meisten dann doch beim Kaminkehrer an: In einem Dorf nahe Neuruppin war es eine ältere Dame, die meinte: „Mein Ofen brennt nicht mehr.“ Der Bezirksschornsteinfeger Karsten Valentin öffnete das Abzugsrohr und stellte darin eine Art Infarkt fest: Das Rohr hatte sich nahezu komplett mit Ruß zugesetzt. Nur eine winzige Öffnung in der Mitte war noch frei. Nicht bloß, dass der Kamin nun nicht mehr ziehen konnte – der Ruß im Rohr hätte auch leicht selbst Feuer fangen können. Dem Kaminbrand wäre dann womöglich mehr als nur das Haus zum Opfer gefallen, denn der Bungalow ist umgeben von Wald.

„Mein Mann hat den Kamin immer selbst gekehrt“, bekannte die Dame. Doch der Mann war mittlerweile gestorben. Und wie sich herausstellte, hatte er den Kamin nie beim Schornsteinfeger angemeldet.

Wie alle Bezirksschornsteinfeger ist Karsten Valentin verpflichtet, innerhalb von sieben Jahren jede Heizung in seinem Kehrbereich zweimal zu überprüfen. Er geht dabei nach seinem elektronischen Kehrbuch – und stellt bei der sogenannten Feuerstättenschau immer wieder fest, dass viele Eigentümer ihre Heizungen und Öfen gar nicht angemeldet haben. Inzwischen sucht der Schornsteinfeger nun gezielt nach Gebäuden, die als leerstehend gemeldet, aber trotzdem bewohnt sind. 20 bis 30 Mal im Jahr wird er dabei fündig.

Die meisten, die erwischt werden, reagierten durchaus positiv, hat der 49-Jährige beobachtet, etwa in der Art: „Mensch, Herr Valentin, wir denken schon lange, ob das mal richtig ist, was wir hier machen.“

Eine Strafe haben die schwarzen Schafe nicht zu befürchten, wenn sie erwischt werden. Eine nicht angemeldete Feuerstätte zu betreiben ist zwar eine Ordnungswidrigkeit und kann mit bis zu 5000 Euro Geldbuße belegt werden, sagt Mathias Wittmoser. Er leitet das Amt für öffentliche Sicherheit und Verkehr beim Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Trotzdem will Wittmoser es in der Regel nicht zum Bußgeldverfahren kommen lassen: „Die Leute sollen sich ja anmelden“, sagt er. Die Behörde will nicht, dass eine drohende Strafe jemanden davon abhält, endlich einen rechtmäßigen Zustand herzustellen.

Viel teurer als die Geldbuße wird es nämlich, wenn etwas passiert: Ist die Feuerstätte nicht angemeldet, zahlt bei einem Kaminbrand auch keine Versicherung. „Man spart sich vielleicht die Gebühr für den Schornsteinfeger, verliert aber sein Haus“, malt Karsten Valentin den Teufel an die Wand.

Vor allem aber können nicht überprüfte Heizungen lebensgefährlich sein. In Frankreich gebe es 800 Tote im Jahr durch Kohlen­mon­oxid-Vergiftung, sagt der Schornsteinfeger. So etwas sei in Deutschland undenkbar – auch wenn es immer wieder zu tragischen Einzelfällen kommt. In Wulkow beispielsweise sei vor Jahren ein junges Mädchen in der Badewanne erstickt, weil die Luftzufuhr zur Heizung nicht funktioniert hat. Kohlenmonoxid ist geruchlos und schwerer als Luft – das macht das Gas so tückisch. Der Tod kommt ohne Vorwarnung.

Gefährlich kann es zum Beispiel sein, alte Holzfenster gegen dicht schließende aus Kunststoff auszutauschen. Wenn keine Luft mehr in den Raum zieht, kann das eine Veränderung der Feuerungsanlage bedeuten – kleine Fehler mit verheerenden Auswirkungen.

In seinen 35 Jahren als Schornsteinfeger hat Karsten Valentin allerdings nicht nur kleine Fehler gesehen. Da gab es Heizungsrohre, in denen das Kondensat zurücklief – verlegt von einer Fachfirma, bis hin zum Holzbalken, der quer durch einen Kamin führte.

Dank der Kontrollen ist Deutschland das Land mit den wenigsten Kohlenmonoxid-Vergiftungen. Manchmal gehen die Kontrolleure sogar mit Polizeischutz zum Kaminkehren. Mathias Wittmoser erinnert sich an einen Fall in Neuruppin. Karsten Valentin ist ein eher sportlicher, durchtrainierter Typ. Trotzdem nahmen er und Mathias Wittmoser noch zwei Polizeibeamte mit, um den Kachelofen eines älteren Mannes zu begutachten, von dem sie wussten, dass er auf Krawall gebürstet ist.

Der Neuruppiner behauptete erst, sein Ofen werde gar nicht mehr benutzt. Aber als der Schornsteinfeger verbrannte Rechnungen darin fand, meldete der Mann die Feuerstätte schließlich doch an.

Absolute Sicherheit gibt es aber auch dann nicht, wenn der Schornsteinfeger regelmäßig kommt. Vor drei Wochen brannte in Alt Ruppin der Dachstuhl eines Einfamilienhauses. Als Brandursache vermutet die Polizei eine Gastherme. Die Therme wird derzeit noch von Experten untersucht. Die Gasheizung war ordnungsgemäß beim Schornsteinfeger angemeldet. Karsten Valentin hatte sie erst vor einem Jahr überprüft und für einwandfrei befunden.

Von Christian Schmettow

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg