Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Wie weiter mit der „Installationslandschaft“?

Pritzwalk/Kyritz Wie weiter mit der „Installationslandschaft“?

Seit 1992 das erste Windrad in Gerdshagen gebaut worden ist, hat die Prignitz in Sachen „Erneuerbare Energien“ eine beispiellose Entwicklung hingelegt. Im MAZ-Interview spricht der Sozialforscher Ludger Gailing über Chancen und Risiken des massiven Ausbaus der Anlagen.

Voriger Artikel
24. Kongress Städtebaulicher Denkmalschutz
Nächster Artikel
Baustellenparty in der Innenstadt

Windräder prägen das Bild in weiten Teilen der Prignitz – wie hier bei Stüdenitz.

Quelle: Archivfoto: Matthias Anke

Pritzwalk. Die Energiewende ist in vielen Regionen Deutschlands Thema, in der Prignitz ist die Debatte besonders ausgeprägt. Ludger Gailing beschäftigt sich seit 2012 wissenschaftlich mit den Veränderungen der Kulturlandschaft im Nordwesten Brandenburgs. Gailing arbeitet im Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner und ist dort stellvertretender Leiter der Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“. Die MAZ hat mit dem Forscher gesprochen.


MAZ
: Herr Gailing, 1992 wurde in Gerdshagen die erste Windkraftanlage Brandenburgs errichtet. Welche Entwicklung haben die erneuerbaren Energien in der Prignitz seither genommen?

Ludger Gailing : Der Ausbau der erneuerbaren Energien in der Prignitz hat eine beeindruckende Entwicklung genommen. Viele Regionen in Deutschland haben sich ja auf den Weg gemacht, eine „100%-EE-Region“ zu werden, das heißt, dass sie Anstrengungen unternehmen wollen, ihren eigenen Strombedarf zu 100 Prozent aus regenerativ erzeugtem Strom aus ihrer jeweiligen Region zu decken. Die Prignitz hat dies längst erreicht, sie war im letzten Jahr im Vergleich der Landkreise in Brandenburg Spitzenreiter mit einem Stromversorgungsgrad von über 270 Prozent. Zum allergrößten Teil ist das Windstrom.

Sie sprechen in ihren Studien von „Chancen“ und „Herausforderungen“ des Klimawandels. Wo liegen diese für die Prignitz?

Gailing : Ganz allgemein ist es ja so, dass alle Regionen vom Klimawandel betroffen sind. Entscheidend ist, inwieweit vor Ort ganz besondere und auf die Bedingungen der Region abgestimmte Strategien entwickelt werden, wie man mit den Herausforderungen des Klimawandels umgeht. Durch Einbindung der Akteure vor Ort können so aus den Herausforderungen des Klimawandels Chancen werden. In der Prignitz besteht beispielsweise eine große Herausforderung darin, wie mit dem Zubau erneuerbarer Energien umgegangen wird; denn dieser Zubau erfolgt ja – das dürfen wir nicht vergessen – nicht nur, um in Deutschland den Atomausstieg zu schaffen, sondern auch, um Klimaschutz zu betreiben, um Kohlendioxid zu sparen.

Welchen Eindruck haben Sie im bisherigen Dialog mit den regionalen Akteuren in der Prignitz gewonnen? Wie ist das „Klima“ in der Debatte um die erneuerbaren Energien?

Gailing : Es ist nicht eindeutig negativ, aber auch nicht eindeutig positiv. Natürlich hat der bisherige und auch der geplante künftige Zubau von Windkraftanlagen, teilweise auch von Biogasanlagen, Proteste hervorgerufen sowohl bei Bürgerinitiativen als auch bei einigen Kommunen. Ein Problem war dabei auch in der Vergangenheit, dass zwar im Bundesvergleich viele neue Anlagen zugebaut wurden, die Bevölkerung vor Ort davon aber leider nicht in ausreichendem Maße profitiert hat. Ökonomische Teilhabe an den Gewinnen der Energiewende war hier bei vielen Energieprojekten ein Fremdwort. Manche haben sogar davon gesprochen, dass man sich in der Prignitz kolonialisiert fühle von den Windkraftinvestoren, nach dem Motto: Die Probleme haben wir, aber profitieren tun andere. Es gibt aber auch diejenigen, die den Ausbau der erneuerbaren Energien wollen, es gibt sogar viele Kommunen, die den Ausbau vorantreiben wollen, es aufgrund der Vorgaben der Regionalplanung für die Konzentration der Windeignungsflächen aber nicht dürfen. Mehr erneuerbare Energien können nämlich, wenn man es geschickt macht, auch mehr ökonomische Einnahmen für die Kommunen und die Dorfgemeinschaften bedeuten.

Sie schreiben, die Prignitz sei eine „Installationslandschaft“. Können Sie den Begriff kurz erläutern?

Gailing : Mit „Installationslandschaft“ ist genau das gemeint: Hier wurden viele Anlagen errichtet, aber Aspekte der ökonomischen Teilhabe für die Menschen vor Ort oder die landschaftliche Gestaltung auf kommunaler Ebene standen nicht im Vordergrund. Damit steht die Prignitz nicht allein da: Viele ostdeutsche Regionen haben dieses Problem. Das hat auch mit ganz praktischen Fragen zu tun, wie: Wem gehört eigentlich der Boden? In einer bäuerlich strukturierten Kulturlandschaft wie in Schleswig-Holstein fließen die Profite automatisch an die Menschen vor Ort, denn sie sind Bodeneigner. Wenn die Menschen mitreden können, wird aus der reinen Installationslandschaft eine Gestaltungslandschaft.

Im Landesdurchschnitt wird in großen Teilen der Prignitz deutlich mehr Strom erzeugt als andernorts. Bedeutet dies nicht, dass die Kapazitäten ausgeschöpft sind?

Gailing : Rein technisch sind die Kapazitäten natürlich längst nicht ausgeschöpft. Ihre Frage ist eher eine politische: Wenn wir die Klimaziele nach dem Pariser Abkommen erreichen wollen, dann wird es bundesweit auch wieder einen Ausbau erneuerbarer Energien geben. Ob und inwieweit dieser Ausbau in Zukunft auch weiterhin in der Prignitz erfolgt, hängt dann davon ab, welche bundes- und landespolitischen Vorgaben getroffen werden – und ob es in technischer Hinsicht so bleibt wie heute, dass die ländlichen Räume wie die Prignitz die Großstädte wie Berlin und Hamburg weiterhin mit Strom versorgen müssen. Allerdings sollte man dann stärker als bislang daran denken, die Menschen vor Ort an den Gewinnen der Energiewende partizipieren zu lassen.

Ein Aspekt des Gutachtens ist der Punkt der „touristischen Vermarktung“. Wie lassen sich Windräder, Biogasanlagen und Solarparks als Attraktionen verkaufen?

Gailing : Touristische Vermarktung ist ein Beispiel dafür, dass man erneuerbare Energien nicht immer nur als „Probleminfrastruktur“ sehen muss. Es kann auch darum gehen, Touristen die besondere Technik und ihre Bedeutung für die Bekämpfung des Klimawandels oder den Atomausstieg nahezubringen. Es gibt sogar schon einen Baedeker-Reiseführer zu EE-Projekten in Deutschland.


Interview: Mischa Karth

Von Mischa Karth

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin

Ein neues Geheimdienst-Gesetz steht an: Sollte der BND mehr Befugnisse erhalten?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg