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„Wir schießen nicht aus Spaß“

Kyritz „Wir schießen nicht aus Spaß“

Die Vorsitzenden des Kreisjagdverbands Ostprignitz-Ruppin, Jürgen Rinno und Sebastian Paul, berichten im MAZ-Interview über sturmbedingt abgesagte Treibjagden, neue Methoden in der Nachwuchsarbeit und ihre Sorgen wegen der heranrückenden Afrikanischen Schweinepest.

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Sebastian Paul und Jürgen Rinno (r.) vom Kreisjagdverband OPR und Jagdhund Odin, ein siebenjähriger Kleiner Münsterländer.

Quelle: Matthias Anke

Kyritz. Es ist Treibjagdzeit. Über Medieninfos oder Beschilderungen an Straßenrändern bekommt mancher Laie überhaupt erst mal wieder mit, dass es die Jagd gibt. Für viele besteht sie ansonsten nur im Anblick von Hochsitzen am Waldesrand. Über die aktuelle Bedeutung der Jagd samt ihrer Probleme und Herausforderungen in der Region sprechen Jürgen Rinno (66) als Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Ostprignitz-Ruppin und dessen Stellvertreter Sebastian Paul (61).

Es gibt ja so einige Begriffe neben der Treibjagd. Ich kenne Drückjagd, Bewegungsjagd, Gesellschaftjagd. Was trifft die Sache denn nun am ehesten?

Sebastian Paul : Es gibt kleine Unterschiede, aber wir sprechen in der Regel von Gesellschaftsjagden. Sie sind sehr beliebt, da die Aussicht auf einen Jagderfolg relativ groß ist, aber auch, weil viele Jäger zusammenkommen und auch Nichtjäger, die ihnen als Treiber das Wild ins Schussfeld bringen. Im Besonderen aber ist es immer auch dem Ort dienlich, an dem das Ganze stattfindet.

Jürgen Rinno: Da ist manchmal ein halbes Dorf eingebunden, geht es etwa um die Treiber. Betrachtet man noch die eingebundenen Gastwirtschaften, Hotels und Pensionen, hat das schon einen wirtschaftlichen Aspekt. Und dann ist da noch die Brauchtumspflege vom sogenannten Verblasen des Wildes bis hin zu seiner würdevollen Präsentation auf dem Streckenplatz. Jagdtraditionen, das sogenannte Brauchtum, zu erhalten und zu pflegen, daran ist uns als Verband sehr gelegen.

In der Prignitz wird die Presse seitens der Kreisverwaltung über Treibjagdtermine regelmäßig auf dem Laufenden gehalten, aus Neuruppin aber kommt nichts. Woran liegt das?

Rinno: Das ist eine Frage der Zusammenarbeit. Wer seine Jagd ausschildern muss, das weiß ja die Verkehrsbehörde. Die bräuchte das nur weiterreichen.

Paul: Obwohl ich darin wenig Sinn sehe. Die betroffenen Kraftfahrer sehen die Schilder doch auch so, und allen anderen bringt die Info an sich, wo etwas stattfindet, nichts.

Dann gibt es auch in Ostprignitz-Ruppin derzeit kein Wochenende, an dem nicht irgendwo eine Treibjagd erfolgt?

Rinno: Im Prinzip ist das ab Anfang November immer so, ja. Nur sind in diesem Jahr sehr viele Jagden verschoben oder auch abgesagt worden, weil es nach dem Sturm vom Anfang Oktober oft noch zu gefährlich ist. Ein Schwerpunkt ist beispielsweise das Gebiet der Landesoberwaldförsterei Alt Ruppin.

Paul: Es geht dabei ja auch nicht nur um die vielen schiefen oder angebrochenen Bäume als Gefahr für Treiber und Hunde. Wo keine Rettungswege befahrbar sind, findet ebenso keine solche Jagd statt. Alles andere wäre unverantwortlich.

Rinno: Um auf die Prignitz zurückzukommen – es gibt was ganz anderes, das wir von den Nachbarn mal übernehmen könnten, nämlich die Prignitzer Wildwochen. Die organisiert der Jagdverband zusammen mit dem Tourismusverein und Gastronomen. Das könnte ich mir auch hier vorstellen wegen des Werbeeffekts für das Produkt Wildfleisch als hochwertiges Lebensmittel.

Was wird denn in Sachen Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Jagd derzeit überhaupt unternommen? Wie steht es um den Nachwuchs?

Paul: Der Nachwuchs ist auch bei uns weniger geworden. Wir sind zwar noch in etwa so viele wie vor gut zehn Jahren, aber insgesamt älter. Eine Kampagne des Deutschen Jagdverbandes, von der wir uns einiges versprechen, heißt „Lernort Naturmobil“. Das ist ein Pkw-Anhänger voller Lehrmaterial.

Rinno: Von denen gibt es in Brandenburg schon einige. Wir haben nun beantragt, einen solchen Anhänger dauerhaft zugeordnet zu bekommen. Diese Art der Öffentlichkeitsarbeit bietet nämlich viele Möglichkeiten. Da sind Tierpräparate an Bord, aber auch ein Beamer. So lässt sich in Schulen und Kitas schon frühzeitig über unser Tun informieren.

Was für Aufgaben stehen sonst noch bevor? Welche Sorgen bestehen?

Paul: Mit Sorge betrachten wir die weiter heranrückende Afrikanische Schweinepest. Die ist für Menschen zwar ungefährlich, aber rafft die Tiere dahin, auch Hausschweine. Noch haben wir das Problem nicht. In Gebieten nahe Polen oder Tschechien aber gibt es bereits Abschussprämien für Wildschweine.

Rinno: Eine unserer Aufgaben wird es ansonsten sein, uns als Verband weiter zu konsolidieren. Das war schon die wichtigste Aufgabe der zurückliegenden Zeit. Es geht darum, den Zusammenschluss unserer drei Regionen Kyritz, Neuruppin und Wittstock von 2015 zu festigen, die Kommunikation mit den Jägerschaften weiter zu verbessern. Als Veranstaltungen, die uns zusammenbringen, haben sich etwa das Bläsertreffen in Netzeband und die Hubertusmessen in Dreetz, Bork und Krangen ja längst bewährt.

Wie steht es eigentlich um das „Problemtier“ Waschbär?

Paul: Der Nesträuber ist weiterhin eine große Gefahr für die Vogelwelt und das Niederwild. Mit seiner Bejagung wurde es bisher aber nicht geschafft, ihn zu reduzieren. Erfolge gibt es durch Fallenstellen. Bei Treibjagden lässt er sich schon besser aufspüren, so auch Marderhunde.

Welches Wild steht bei Gesellschaftsjagden ansonsten im Vordergrund?

Rinno: Die Treibjagd gilt allen Wildarten. Sie dient ja auch dazu, die Abschusspläne einzuhalten. Die legen die sogenannten Hegegemeinschaften fest, die Pächter und Eigenjagdbesitzer mehrerer benachbarter Reviere.

Nur der Wolf bleibt weiterhin außen vor. Wie viele Sorgen bereitet er denn den Jägern?

Rinno: Der Wolf übt einen gewissen Druck auf das Wild aus. Es rückt zusammen oder es zieht weg. Wildschweine sind weniger betroffen, da sie wehrhaft sind und der Wolf leichtere Beute wählt. Muffel kommen gar nicht mehr vor, wo der Wolf ist. Und weil er es in einem Gatter am leichtesten hat, ist die Frage des Herdenschutzes viel wichtiger als die, ob Wölfe erlegt werden sollten.

Paul: Wir Jäger schießen ja auch nicht aus Spaß oder freuen uns, wenn da wieder einer dazukommt, der geschossen werden kann. Das ist immer dieser Mythos. Es geht um den Erhalt von gesunden Beständen, richtiges Ansprechen des Wildes und die Frage, was abschusswürdig und abschussnotwendig ist.

Rinno: Ziel der Jagd ist eine gesunde Einheit von Wild und Natur. Wild gehört nun mal in die Natur. Es richtet aber nicht allein Schäden in der Landwirtschaft an, sondern verbeißt auch junge Bäume. Die Jagd ist also wichtig. Mit dem Naturmobil junge Menschen für das Thema zu interessieren, die noch keine Meinung von anderen übernommen haben, darauf freuen wir uns.

Seit 2015 ein gemeinsamer Verband

Der Kreisjagdverband Ostprignitz-Ruppin zählt derzeit etwa 610 Mitglieder. Er wurde 2015 gebildet aus den Verbänden Kyritz, Wittstock und Neuruppin.

Jürgen Rinno aus Kyritz, einst Förster, wurde für vier Jahre zum Vorsitzenden gewählt, Sebastian Paul aus Dossow, ein Elektromeister, zu seinem Stellvertreter. Peter Linke vom Kyritzer Verband wurde Schatzmeister. Weitere Vorstandsmitglieder kümmern sich um Themenbereiche wie Hundewesen, Jagdhornblasen oder jagdliches Schießen.

Als Dach ist der Verband Sprachrohr aller Jägerschaften der Region. Er vertritt sie damit gegenüber der Politik, Verwaltung, anderen Verbänden und der Bevölkerung.

Von Matthias Anke

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