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Mit dem Taxi in die Schule

Spezieller Schülerverkehr in Prignitz und Ruppin Mit dem Taxi in die Schule

Kein Gedränge im Bus, direkter Stopp vor der Haustür – Dutzende Kinder in der Prignitz und im Ruppiner Land werden mit dem Taxi zur Schule gefahren. Dieser sogenannte „freigestellte“ Schülerverkehr ist jedoch kein überflüssiger Luxus, sondern bittere Notwendigkeit. Viele Busse fahren nicht zu abgelegenen Gehöften, allein schon deshalb, weil dahin kein Durchkommen ist.

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Startbereit: Roland Arndt fährt Hailie Jade (von rechts), Liv und Callu nach Hause.

Quelle: Christian Bark

Wittstock. Es ist seine zweite Runde an diesem Donnerstag, als Roland Arndt kurz vor zwölf Uhr mittags den Hof des Taxiunternehmens Schmidt in Wittstock mit einem Kleinbus verlässt. Der 58-Jährige ist Taxifahrer bei Schmidt und sein nächster Fahrgast ist nicht etwa ein Geschäftsreisender, der zum Bahnhof möchte, sondern der neunjährige Luca Buchholz.

Der Drittklässler wartet bereits vor der Grundschule in Blumenthal auf seine Mitfahrgelegenheit. Der Taxiservice ist für den Jungen, den Arndt bereits ein halbes Jahr fährt, nach wie vor etwas Besonderes. Seine Mitschüler, die zumeist den Bus nehmen, fragten ihn immer, wie es denn im Taxi sei, berichtet Luca. „Hier ist es schön gemütlich und ich muss mich nicht mit den anderen zu einem Platz im Bus drängeln“, schmunzelt er. Nach wenigen Minuten hält Roland Arndt vor Lucas Elternhaus in Blandikow. Mutter Sabine schaut schon aus dem Fenster und begrüßt ihren Sohn. „Da weiß ich Luca in guten Händen“, lobt sie den Taxiservice. Zudem müsse er dann nicht den weiten Weg von der Bushaltestelle nach Hause laufen.

Vor Lucas Haustür wird Roland Arndt von den Hunden Flecki und Max begrüßt

Vor Lucas Haustür wird Roland Arndt von den Hunden Flecki und Max begrüßt.

Quelle: Christian Bark

Als Roland Arndt den Motor startet, fährt ein anderer Kleinbus an ihm vorbei. Er grüßt per Handzeichen. „Das ist meine Kollegin, die fährt regelmäßig eine Dialyse-Patientin“, sagt er. Überhaupt machten Krankentransporte mittlerweile über die Hälfte der Fahrten des Unternehmens aus. „Nur mit klassischem Taxifahren verdienst Du heute kein Geld mehr“, erklärt der 58-Jährige. Er selber sei ja auch nicht immer Taxifahrer gewesen. In den 70er Jahren war der gebürtige Dessauer in die Ostprignitz gekommen. Seitdem habe er schon viele Jobs hinter sich. Zum Beispiel Koch oder Autoverkäufer.

Seit zweieinhalb Jahren fahre er nun Taxi. „Der Kontakt zu verschiedenen Menschen macht mir am meisten Freude an dem Beruf“, verrät Arndt. Und damit die Fahrgäste ein sauberes Taxi vorfinden, reinige er die Fahrzeuge nahezu täglich. „Mein rollendes Büro soll ordentlich sein“, sagt er. Und bei Touren über Feldwege zu entlegenen Winkeln, wo Schüler und andere Fahrgäste wohnen, blieben Dreckspuren nun mal nicht aus.

Taxifahrer sind auch Vertrauenspersonen

Zurück in Blumenthal warten die nächsten Schüler auf ihren Chauffeur. Roland Arndt dirigiert die Sitzordnung danach, welches Kind zuerst aussteigen muss. Ihren „Roland“ duzen sie zwanglos. „Zum Siezen sind wir schon zu persönlich miteinander“, erklärt Arndt. Das Vertrauen sei wichtig, manchmal erzählten die kleinen Taxigäste ihrem Fahre vom Schulstress, vertrauten ihm Alltagsprobleme an oder wollten einen Rat.

Soviel Zeit muss sein

Soviel Zeit muss sein: Roland Arndt hilft Liv mit dem Schulranzen.

Quelle: Christian Bark

Als erste setzt das Arndt die elfjährige Hailie Jade Broschat ab. Sie wohnt auf einem Gehöft zwischen den Heiligengraber Ortsteilen Grabow und Blandikow. Vor drei Jahren ist sie erst von Berlin in die Ostprignitz gezogen. Dort wohnt sie mit ihrer Großmutter. „Vorher hat mich Oma auch mal von der Schule abgeholt“, erzählt sie. Jetzt arbeite die aber im Schichtsystem.

Weiter fährt der Kleinbus nach Herzsprung. Dort setzt Arndt die zehnjährige Liv Schuran ab. „Ich bleibe im Hort, bis Mutti mich abends abholt“, sagt sie. Beim Aussteigen und Ranzenaufsetzen hilft Roland Arndt dem Mädchen. Soviel Zeit müsse sein, auch wenn der Fahrplan oft eng gestrickt sei.

Jetzt muss Arndt noch den zwölfjährigen Callu Lange sicher nach Wittstock bringen. Mit ihm unterhält er sich über seine große Leidenschaft: das Angeln. Der Junge ist frisch in einen Angelverein eingetreten. „Am liebsten angel ich in der freien Natur“, sagt der Zwölfjährige. Arndt nickt zustimmend, so ginge es ihm auch. In der Region kenne er auch so einige ruhige Plätzchen.

Nur die wenigsten Kinder werden mit dem Taxi gefahren

Etwas Ruhe kann sich der Taxifahrer erst später gönnen. Zunächst müssen noch drei Schüler aus Wittstock in die entlegeneren Ortsteile kutschiert werden. Dann will Arndt sich etwas hinlegen. „Heute Abend fahren wir Reisegäste zu ihrem Bus nach Berlin.“ Die nächste Schülertour am frühen Morgen übernehmen Arndts Kollegen. Mit drei Kleinbussen seinen sie so regelmäßig auf Schultour.

Das Taxi-Unternehmen Schmidt fährt die Kinder im Auftrag der Ostprignitz-Ruppiner Personenverkehrsgesellschaft (ORP) in Neuruppin. „Die Taxis sind für den freigestellten Schülerverkehr unterwegs“, erklärt ORP-Geschäftsführer Ulrich Steffen. Es gebe auch Taxis, die den regulären Bus-Linienverkehr unterstützen. Von den täglich 5000 Schülern müsse aber nur bis zu 30 Schüler und auch nicht regelmäßig via Taxi zur Schule und zurück gelangen. „Das sind unsere Exoten“, sagt Steffen. Aber große Busse könnten nun mal nicht jeden kleinen Ort anfahren. Das rechne sich nicht.

Landkreise zahlen hunderttausende Euro für Taxifahrten

Ähnliche Argumente sind von der Verkehrsgesellschaft Prignitz in Perleberg zu hören. Besonders in Ortschaften entlang der Elbdeiche sei mit Bussen schwer durchzukommen, so Fahrplantechnologin Liane Jochinke. Auch im Raum Glöwen greife das Unternehmen verstärkt auf den freigestellten Schülerverkehr zurück. Dort gebe es für die hiesiegen Schulen einen großen Einzugsraum. Von täglich 3000 beförderten Schülern werden im Landkreis Prignitz 100 mit dem Taxi gefahren.

Bezahlt werden die Taxis wie auch die Linienbusse von den jeweiligen Auftraggebern, also zumeist den Landkreisen. Und die lassen sich die Beförderung einiges kosten. Insgesamt 1,4 Millionen Euro wendet der Kreis Prignitz jährlich dafür auf. Darunter 190 000 für den freigestellten Schülerverkehr. In Ostprignitz-Ruppin waren es im vergangenen Jahr rund 3,3 Millionen Euro und 1,1 Millionen für die Schülerspezialbeförderung sowie für den Taxi-Service . „Für uns Taxifahrer ist das ein Segen“, sagt Roland Arndt. Das bringe Abwechslung ins Fahrgeschäft und sei auch finanziell nicht zu verachten.

Von Christian Bark

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