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Wittstock/Dosse Als ein Dorf seinen Mut bewies
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wittstock/Dosse Als ein Dorf seinen Mut bewies
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16:37 08.11.2018
Wolfgang Dost und Nicole Rösler verfolgen die Geschichte anhand von Aurel von Jüchens Biografie. Quelle: Christian Bark
Rossow

Vor genau 80 Jahren kam es in ganz Deutschland in aller Öffentlichkeit zu Gewalttaten gegen Juden. Ihr Eigentum wurde zerstört, Synagogen in Brand gesetzt – was unter der nationalsozialistischen Herrschaft bisher weitgehend im Verborgenen geschehen war, trat nun offen zu Tage.

„Reichskristallnacht“ wurde das Pogrom gegen die Juden von den Nazis genannt. Und es ereignete sich nicht nur in großen Städten, auch in kleinen Dörfern wie Rossow, das erst 1937 von Mecklenburg an Preußen übergeben worden war, gab es Ausschreitungen gegen die Juden.

Elsa Golisch erinnert sich an ihren Vater, der als Feuerwehrführer nicht löschen durfte. Quelle: Christian Bark

In Rossow besaß die Familie des jüdischen Geschäftsmanns Abraham und seiner Frau Martha, einer Rossowerin, ein Wochenendhaus. Die Familie lebte mit ihren beiden Kindern in Berlin, machte regelmäßig Urlaub im Dorf und schien sehr beliebt gewesen zu sein.

„Abrahams waren immer sehr gut zu uns Kindern, wir haben mit ihren Kindern gespielt“, erinnert sich Elsa Golisch. Die 88-Jährige war am 11. November 1938 gerade mal acht Jahre alt. Doch was an dem Abend geschah, wird sie wohl ihr Leben lang nicht vergessen.

Lange jüdische Geschichte in Rossow

Während die „Kristallnacht“ fast überall im Land vorüber ist, fängt sie in Rossow gerade erst an. Angehörige der Sturmabteilung (SA) reisen als Blandikow, Wittstock und Pritzwalk an. Laut eines Medienberichts, der vor fünf Jahren im Dorf gedreht worden ist, soll der NSDAP-Kreisleiter Geburtstag gehabt haben und sein Geschenk sollte das einzige „Judenhaus“ im Ort werden.

„Rossow hat seit dem 18. Jahrhundert eine bemerkenswerte jüdische Vergangenheit“, informiert der Wittstocker Historiker Wolfgang Dost. Aufgrund seines Status als mecklenburgische Exklave habe dort der kleine Grenzverkehr und Schmuggel lange Zeit floriert. Das habe auch viele Juden angelockt.

„Die sind aber immer gut mit den Rossowern ausgekommen“, sagt Rossows Ortsvorsteherin Nicole Rösler. Bis heute zeugten die Reste des jüdischen Friedhofs von der Vergangenheit.

An der Stelle soll das die Wochenendlaube der Abrahams gestanden haben. Quelle: Christian Bark

1938 lebten keine Juden mehr im Dorf und auch Familie Abraham war an dem Abend in Berlin geblieben. Ihr Haus hatten die angetrunkenen SA-Leute, die in Zivil gekleidet kamen, dennoch im Visier. Sie zertrümmerten das Mobiliar, setzten das Gebäude in Brand. Laut Nicole Rösler muss es sich um die ehemalige Gaststätte Ecke Bahnhof-, Ecke Brinkstraße gehandelt haben.

„Das Wochenendhaus war aber mehr eine Laube“, erinnert sich Elsa Golisch. Sie habe den Brand aus ihrem Fenster, die Familie wohnte nahe der Kirche, mitverfolgen können. Ihre Mutter soll sie noch auf Platt ermahnt haben: „Guck nicht so genau da hin, sonst schießen die noch auf Dich.“

Einzelaktionen waren von der Regierung verboten

Der Brand fiel auch dem Rossower Pfarrer Aurel von Jüchen auf. Der ohnehin als Gegner des Nationalsozialismus geltende Geistliche wandte sich mutig an die SA. „(...) machte die Brandstifter darauf aufmerksam, daß das eine seit 48 Stunden (...) ausdrücklich verbotene Handlung sei“, gab er später zu Protokoll. Im Rundfunk soll Reichsminister Josef Goebbels nach den Ereignissen des 9. November 1938 mitgeteilt haben, dass „weitere Unternehmungen in bezug auf die Kristallnacht abgeblasen sind“.

Neben dem Verweis auf die Gesetzeslage soll den Pfarrer auch die Sorge um ein Übergreifen des Brandes auf das nahe gelegene Sägewerk umgetrieben haben. Laut Bericht Aurels von Jüchen an den Oberkirchenrat vom 23. November 1938 hat der Pfarrer dann selbst angefangen, den Brand zu löschen. „Die Männer der Feuerwehr weigern sich, die Feuerglocke zu läuten“, schrieb von Jüchen.

Pfarrer Aurel von Jüchen im Zweiten Weltkrieg als Flaksoldat. Quelle: Christian Bark

Wehrführer in Rossow war damals Elsa Golischs Vater, Ernst Füllgraf. „Der NSDAP-Kreisleiter wollte meinen Vater einsperren lassen, weil er den Brand löschen wollte“, berichtet die 88-Jährige. Die tatsächlich drohende Gefahr habe Ernst Füllgraf dazu bewogen, sich an dem Abend lieber von der SA fernzuhalten.

Nicht so der Pfarrer, der eifrig löschte. „Von Jüchen war so ein Mutiger“, sagt Elsa Golisch. Und auch die Rossower machten sich so langsam Sorgen um ihren Pfarrer. Als sich von Jüchen in sein Pfarrhaus zurückgezogen hatte, bewarfen die SA-Leute es mit Steinen.

Nach 1945 wurde das Pogrom wieder Thema, wie Verhörprotokolle belgen. Quelle: Christian Bark

Daraufhin sollen sich zunächst die Rossower Frauen schützend vor das Haus gestellt haben. Die Frau des von den Nazis abgesetzten Amtsdirektors soll dann mit dem Auto nach Pritzwalk gefahren sein und dem Landrat Meldung gemacht haben. Dieser schickte Gendarmen, die die SA-Leute nach Hause schickten.

„Gerettet haben mich die Frauen, meine Frauenhilfe“, hielt der Pfarrer im Bericht fest. Und auch sie sollen Unterschriften gesammelt haben, als von Jüchen ein Disziplinarverfahren seitens der Kirche drohte.

Familie von Jüchen 1935. Wenig später wurde Aurel von Jüchen Pfarrer in Rossow. Quelle: Christian Bark

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Rossower Pogrom noch ein Nachspiel. Männer wie Ernst Füllgraf wurden von den Sowjets beschuldigt, beim Brand mitgewirkt zu haben. „Nach einem Verhör haben die Russen meinen Vater aber wieder gehen lassen“, erinnert sich Els Golisch.

Familie Abraham konnte 1939 noch rechtzeitig nach Australien auswandern. Aurel von Jüchen diente im Krieg als Flaksoldat, desertierte 1945 und versteckte sich in Rossow. Als Sozialdemokrat und Abweichler geriet er in Opposition zum DDR-Regime, wurde 1950 von den Sowjets als Spion verhaftet und musste fünf Jahre Zwangsarbeit in einem Lager leisten. 1955 ließ er sich in West-Berlin nieder.

„Wir wollen auf jeden Fall gebührend an Aurel von Jüchen erinnern“, sagt Nicole Rösler. In welcher Form müsse aber noch geklärt werden.

Von Christian Bark

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