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Wittstock/Dosse Unfallopfer kämpft um Teilhabe
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wittstock/Dosse Unfallopfer kämpft um Teilhabe
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01:32 02.06.2018
Peter Pozorski ist seit einem Unfall vor 21 Jahren schwerstbehindert. Mutter Manuela pflegt ihn seit mehr als 20 Jahren. Quelle: Björn Bethe
Herzsprung

„Schreib vernünftig!“, verabschiedet Peter Pozorski den Reporter. Ein kurzer Satz, schelmisch hervorgebracht. Peter Pozorski bracht etwa 15 Sekunden, ehe er ihn zu Ende gebracht hat. Er ist seit seinem 13. Lebensjahr schwerstbehindert.

Es ist jetzt 21 Jahre her, dass ein Lastwagen mit etwa 75 Stundenkilometern den Teenager Peter Pozorski ungebremst rammte. Der Junge überlebte schwer verletzt, verbrachte mehr als ein Jahr in Krankenhäusern und Reha-Kliniken und ist seitdem zu 100 Prozent schwerbehindert und ein Pflegefall.

Die Mutter wurde zum gesetzlichen Vertreter bestellt

Mit dem 18. Geburtstag wurde er unter gesetzliche Betreuung gestellt, die seine Mutter Manuela übernahm. In den vergangenen 21 Jahren hat die heutige Mittfünzigerin ihren Sohn gepflegt. Peter Pozorski hat die höchste Pflegestufe 5.

Laut einem Urteil des damals zuständigen Landgerichtes Leipzig wurde der finanzielle Aufwand für die Pflege von Peter Pozorski auf rund 5200 Euro im Monat beziffert.

Knapp die Hälfte davon kann Peter Pozorski aus Ansprüchen an die Versicherung des Unfallgegners sowie Pflegegeld und Erwerbsschadensausgleich bezahlen. 3000 Euro fehlen jedoch.

Familie stemmt die Pflege seit 20 Jahren ohne Hilfe

Die Lücke schloss bisher Mutter Manuela Pozorski. Mit ihrer Pflegeleistung, aber auch mit Geld. So musste ein anderes Auto angeschafft werden, das Peter Pozorski samt Rollstuhl an Bord nehmen kann. Möglich war ihr das nur, weil sie Mieteinnahmen aus geerbten Häusern hat. Denn für die Pflege ihres Sohnes musste Manuela Pozorski ihre Arbeit aufgeben. Von zu Hause aus kann sie für zehn bis zwölf Stunden pro Woche im eigenen Büroservice arbeiten.

„Aber jetzt geht es so nicht mehr weiter“, sagt sie. Ein langgezogenes „Ja“ von Peter signalisiert dessen Zustimmung. Eine eigene Wohnung im gemeinsam bewohnten Haus in Herzsprung hat er schon seit Jahren. Breite Türen, keine Stufen, speziell ausgestattetes Bad – sogar ein Zimmer für eine Pflegekraft ist vorhanden.

Gebaut von seiner Mutter, die mit dem Lebensgefährten ihr Reich im Obergeschoss hat. „Wir wollen, dass Peter selbstbestimmt leben kann“, betont sie.

Die Mutter kommt nun an ihre körperlichen Grenzen

„Ich komme körperlich langsam an meine Grenzen“, sagt die zierliche Frau. Knapp 55 Kilogramm bringt sie auf die Waage – ihr Sohn wiegt gut 70 Kilo. Zurückziehen wolle sie sich, und sicher sein können, dass es Peter gut geht – auch wenn sie selbst einmal nicht mehr sein sollte.

Für Fälle wie den von Peter Pozorski steht die Eingliederungshilfe nach Paragraf 53 Sozialgesetzbuch (SGB) XII zur Verfügung. Das Gesetz hat das Ziel, die Folgen einer Behinderung zu beseitigen oder zu mildern und die behinderten Menschen in die Gesellschaft einzugliedern.

„Hierzu gehört insbesondere, den behinderten Menschen die Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen oder zu erleichtern, ihnen die Ausübung eines angemessenen Berufs oder einer sonstigen angemessenen Tätigkeit zu ermöglichen oder sie so weit wie möglich unabhängig von Pflege zu machen“, heißt es.

Pozorskis brauchen finanzielle Unterstüztung

Dafür brauchen die Pozorskis aber finanzielle Unterstützung. Das Geld, das künftig – statt dem seiner Mutter – Peter Pozorskis Pflege und Teilhabe am Leben sichern soll, müsste vom Landkreis kommen, vom Amt für Familie und Soziales.

„Persönliches Budget“ nennt sich das, wovon die Pflege und Teilhabe der Betroffenen finanziert werden, erläutert der Neuruppiner Rechtsanwalt Jens Thormeyer. Er berät die Familie. Denn das Amt hat den Antrag auf Hilfe bisher abgelehnt. Gegen diese Ablehnungsbescheide geht Thormeyer vor – jedoch sind Verfahrenszeiten von zwei bis drei Jahren keine Seltenheit in diesem Bereich.

„Die Mitarbeiter dieses Amtes haben wohl mit Familie nicht viel am Hut“, ärgert sich Manuela Pozorski. Stattdessen wollte das Amt ihren Sohn in ein Pflegeheim stecken, vermutet sie. „Die Begründung für die Ablehnung unseres Antrages lautete sinngemäß, dass er da unter seinesgleichen sei und auch dort Ausflüge getätigt werden“, berichtet sie.

Peter Pozorski will in der Familie bleiben

Was Peter will, würde die Behörde nicht interessieren. Dabei habe er zwar körperlich einen Behinderungsgrad von 100 Prozent, geistig kann er jedoch gut folgen.

Das bestätigt Peter Pozorski: „Hier bin ich in meinem Tagesablauf bei meiner Familie, und die brauche ich bei mir. Wenn das nicht mehr ist, fällt für mich alles wie ein Kartenhaus zusammen“. Das Sprechen fällt ihm schwer, und körperlich verkrampft er mit jedem Wort mehr – schon die Vorstellung an ein Heim bereitet ihm Stress.

Das bestätigt auch Christoph Degener. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie hat im Auftrag des Amtes für Familie und Soziales ein Gutachten erstellt. Darin heißt es: „... dass das gegenwärtig festzustellende psychokognitive Leistungsvermögen auch das Ergebnis der jahrelangen persönlichen Pflege und Förderung der Mutter des Untersuchten sein dürfte“.

Geistig kann er gut folgen

Es sei „mithin festzustellen, dass Herr Peter Pozorski über die notwendige Einsichts- und Steuerungsfähigkeit verfügt, die in seinem Namen abgegebenen Anträge und rechtlichen Veranlassungen (Anmerkung d. Redaktion: gemeint sind die Anträge, die seine Mutter als Betreuerin stellt) zu verstehen und willentlich zu vertreten.“

Bei der Ablehnung des Antrags auf Eingliederungshilfe gingen die Vertreter des Landkreises nicht auf das von ihnen selbst in Auftrag gegebene Gutachten des Mediziners ein.

Doch es sollte noch schlimmer für die Familie kommen. Im Oktober vorigen Jahres beantragte die Betreuungsbehörde des Landkreises OPR einen Betreuerwechsel für Peter Pozorski. Nicht mehr Mutter Manuela Pozorski soll gesetzlicher Vertreter ihres Sohnes sein, sondern eine fremde, vom Gericht bestellte Person. Das Verfahren läuft noch.

„Die wollen mich in ein Heim stecken“

Für Peter Pozorski ist aber eines klar: „Die wollen mich dann in ein Heim stecken.“

Weitere Verfahren werden wohl folgen. Denn auch finanzielle Hilfe – etwa damit Peter Pozorski mobil sein kann – lehnt die Behörde bislang ab. Die Sachbearbeiterin erklärt der Familie, dass zwei monatliche Fahrten zum Einkaufen und ein Besuch im Kino oder im Schwimmbad ausreichend seien. Das könne man auch mit Taxis realisieren.

Zwar stellt die zuständige Mitarbeiterin des Amtes für Familien und Soziales beim Landkreis fest, dass eine wesentliche Behinderung vorliegt und die gesellschaftliche Teilhabe wesentlich eingeschränkt ist. Sie schreibt aber: „Sie verfügen über ausreichende Selbsthilfekräfte und Umfeldhilfen“.

Kreisverwaltung will sich nicht äußern

„Wir sollen uns also weiter allein behelfen, damit es das Amt nichts kostet“, schimpft die Mutter. Pflege in häuslicher und familiärer Umgebung sei so durch die Behörden in ihrer Familie kaum realisierbar.

Die Kreisverwaltung will sich zu dem Fall öffentlich nicht äußern. Kreissprecherin Britta Avantario lehnt jede Stellungnahme mit Verweis auf ein schwebendes Verfahren ab.

Manuela Pozorski ist eigentlich am Ende ihrer Kräfte. Aber aufgeben ist für sie keine Option. Sie ist überzeugt, dass ein selbstbestimmtes Leben für ihren Sohn das Beste ist und wird weiter gegen die Ablehnungen vorgehen.

Von Björn Bethe

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