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Und plötzlich schweigen die Fahrgäste

Eine Fahrt mitdem ORP-Hybridbus in Wittstock Und plötzlich schweigen die Fahrgäste

Natürlich war auch ein werbewirksamer Auftritt der Hersteller eingeplant, die Freude über eine technische Novität hat klar dabei überwogen. Am Dienstag konnte Bodo Libert von der Niederlassung Wittstock der Ostprignitz-Ruppiner Personenverkehrsgesellschaft Kyritz für zwei Testwochen einen Hybridbus für den Alltags-Einsatz im Stadtverkehrsbetrieb in Empfang nehmen.

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Der Hybridbus fährt schnell und ohne ruckeln wie eine Straßenbahn an.

Quelle: Gerd-Peter Diederich

Bei der Übergabe wurde ein Hybridbus der Ostprignitz Ruppiner Personennahverkehrsgesellschaft direkt am Rathaus vorgestellt, Bürgermeister Jörg Gehrmann war sofort begeistert. Er bedauert, dass es zunächst nur ein Testbus für die Verkehrsgesellschaft ist. „Den würde ich gerne für Wittstock spätestens bis zur möglichen Landesgartenschau 2019 hier haben wollen und dazu einsetzen“, sagt er ungeniert zum ORP-Geschäftsführer und den beiden Service-Ingenieuren vom Hersteller. Kaufmann Senol Tsakintsi hat das gerne gehört, man könne darüber verhandeln.

Während Hybridtechnik bei Pkws meistens bedeutet, dass sie mit einem Verbrennungsmotor als Hauptantrieb angetrieben werden und einen Elektromotor dazu schalten oder kurze Strecken ganz mit Elektromotor und Batterie fahren, ist bei diesem Bus alles anders. Der hat zwar einen Dieselmotor und selbstverständlich der Umwelt, speziell für dicht bebaute Stadtstraßen, zuliebe eine Abgasreinigung. Doch angetrieben wird dieser Bus direkt von zwei wuchtigen Elektromotoren mit je 75 kW, die wiederum ihren Strom direkt von einem Generator des Dieselmotors bekommen. Deshalb braucht der Selbstzünder auch nur im mittleren Drehzahlbereich zu laufen, was ebenfalls Abgase und Dieselverbrauch senkt.

Soll der Bus beschleunigen, dann bekommt er aus einem elektrischen Kraftpaket, das im Frontdachbereich versteckt ist, zusätzlichen Strom aus Hochleistungskondensatoren geliefert. Im Bruchteil einer Sekunde steht dieser Strom sofort zur Verfügung. Rollt der Bus ebenmäßig ohne Anstrengung, dann werden die Kondensatoren vom Dieselgenerator nebenher sofort voll wieder aufgeladen.

Mit dem elektrischen Energiespeicher, ohne dass dafür extra ein zusätzliches großes, teures und schweres Batteriepaket mitgeführt werden muss, fährt dieser Bus sogar ohne hörbares Motorengeräusch an die Haltestelle heran und so geräuschlos wieder ab.

Seit Mittwoch im Stadtlinieneinsatz in Wittstock, hatten die Fahrgäste in diesem Bus das Fahrgefühl mit dem in einer Straßenbahn verglichen, es sei sogar noch leiser als in der Tram.

Der moderne Bus kommt nämlich ganz ohne Getriebe aus, die Elektromotoren wirken direkt auf die Hinterachse und sie beschleunigen tatsächlich ohne Unterlass. „Das ist auch für mich eine Umstellung, mit dem Gaspedal ganz behutsam zu arbeiten. Der Bus beschleunigt sonst so schnell, dass die Fahrgäste sich alle im hinteren Bereich wiederfinden würden“, sagt Busfahrer Reinhard Wiedebusch. Er hat deshalb eine Einweisung und Probefahrten als Buslenker bekommen. Im Stadtlinienverkehr ist ihm damit sofort aufgefallen, dass sich der Bus auch ganz ohne Automatikgetriebe anders, angenehmer und viel leiser fährt. „Sogar die Fahrgäste sind hier drin plötzlich leiser, als sonst in unseren anderen Bussen. Als würden sie selbst auf die Fahrgeräusche lauschen“, sagt Wiedemann.

Immer, wenn die Kondensatoren genug elektrische Energie geladen haben, schaltet sich der Diesel ganz ab. Wenn die Stromkapazität abnimmt, braucht Wiedemann nicht einzugreifen, der Dieselmotor mit dem Generator schaltet sich dann auch automatisch wieder dazu.

ORP-Geschäftsführer Ulrich Steffen ist von dieser Technik begeistert. Das verspricht gute Einspareffekte, ist umweltverträglicher und zudem ein prima Aushängeschild für das Unternehmen. Einzelexemplare würde er gerne in den Verkehrsbetrieb übernehmen, wegen des viel höheren Preises sei das aber erst genau nachzurechnen, wie sich die Einspareffekte gegenrechnen lassen. Steffen wies darauf hin, dass im Verkehrsunternehmen bereits gemeinsam mit Wittstocks Bürgermeister eine Konzeption für die künftige Versorgung der Menschen in dünn besiedelten ländlichen Gebieten mit öffentlichem Personenverkehr weiterhin wirtschaftlich gewährleistet werden kann. „Wir werden auf Dauer nicht nur so große Busse im Linienverkehr einsetzen. Wir überlegen uns andere Mobilitätslösungen, wie Linientaxi und verstärkt Kleinbusse als Rufbusse“, sagt Steffen. Gehrmann geht gedanklich noch weiter und sieht Potenzial, für die Personenbeförderung von wenigen Menschen künftig ebenfalls bevorzugt auf Elektromobilität zu setzen. „Dieser Bus ist auch an die Menschen ein Signal, dass wir gemeinsam daran arbeiten, sie noch weniger Abgasbelastungen und künftig auch noch weniger Lärmbelastungen auszusetzen“, sagt Gehrmann. Auch aus diesem Grund würde er schon lieber sofort statt erst morgen mehr solcher Busse in und um Wittstock fahren sehen. Jedenfalls sollte einer oder mehrere davon auch bei der Laga 2019 in Wittstock schon den Umweltaspekt für diese Stadt bekräftigen und deshalb freue er sich, dass Wittstock jetzt auch den Testeinsatz durch den ORP zugeordnet bekommen habe.

Der Hybridbus

  • Der 12 Meter lange MAN-Hybridbus wird von zwei 75-kW-Elektromotoren stufenlos angetrieben. Zum Bremsen und Verlangsamen führen die Elektromotoren Strom ab und laden Hochleistungskondensatoren auf.
  • Mit dem Kondensatorstrom kann der Bus geräuschlos anfahren. Ein sparsamer Dieselmotor treibt nur einen Generator zur Stromerzeugung an und schaltet sich bei vollen Kondensatoren selbständig ab sowie bei Stromentnahme auch selbst wieder zu.
  • Der Busfahrer hat ein Gaspedal, das die Drehzahl der Elektromotoren regelt. Alle Aggregate wie die Klimaanlage sind elektrisch. Durch diese Hybridtechnik können laut Herstellerangaben bis zu 30 Prozent Dieselkraftstoff gegenüber herkömmlichen Dieselmotorbussen eingespart werden.
  • Dafür kostet der Bus gegenüber den in konventioneller Antriebsart fast das Doppelte. Die Stadt Hannover hat die Stadtverkehr-Busflotte bereits auf Hybridbusse umgestellt.

Von Gerd-Peter Diederich

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