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Wittstock: Polka, Punk und Zufälle

Alte Band lebt neu auf Wittstock: Polka, Punk und Zufälle

Polka, Punk und Edelschnulzen – damit reißen die vier Musiker der neuen Band „Eisenbahn Wittstock“ das Publikum von den Sitzen. Sie wäre aber wohl nie zusammengekommen, wenn es in den 1950-er Jahren nicht schon einmal eine Gruppe gleichen Namens gegeben hätte, von der die neuen musikalischen „Eisenbahner“ zunächst aber gar nichts wussten.

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Die Band „Eisenbahn Wittstock“: Christian Richter, Beate Corbach, Frauke Hoffmann und Gerhard Richter (v.l.).

Quelle: Björn Wagener

Wittstock. Vier Wittstocker Hobby-Musiker schlagen sogar die „Rolling Stones“, was die Langlebigkeit der Band angeht. Der Gruppe „Eisenbahn Wittstock“ aus der Dossestadt. jubelten die Fans schon Anfang der 1950er Jahre zu.

Wer sie damals verpasst haben sollte, kann sie ganz einfach heute erleben – in verjüngter Form. Die Geschichte der Eisenbahn-Band ist so ungewöhnlich wie einzigartig und gibt bis heute Rätsel auf.

Um das Jahr 1950 herum fanden sich in Wittstock drei Hobbymusiker zusammen. Einer von ihnen war der Akkordeonspieler Reinhold Lui. Um die anderen beiden hüllt sich der Nebel der Geschichte. Sie sorgten auf Hochzeiten und anderen Festen rund um Wittstock einige Jahre lang ordentlich für Stimmung. Band-Chef Lui arbeitete bei der Bahn und war in ganz Wittstock als versierter Schweißer bekannt. Nach Feierabend machte er Musik. Irgendwann aber müssen sich die Drei aus den Augen verloren haben. Die Eisenbahn-Band war am Ende – jedenfalls für einige Jahrzehnte.

Schlagzeug auf dem Sperrmüll gefunden

Das änderte sich, als Gerhard Richter aus Goldbeck eines Tages im Sperrmüll in Liebenthal ein Schlagzeug fand, das ihm durch einen auffälligen Schriftzug ins Auge fiel. „Eisenbahn Wittstock“ stand da auf dem Trommel-Fell. Zum Wegwerfen zu schade, fand er, nahm es mit und brachte es wieder in Schuss. Von einer Eisenbahn-Band allerdings hatte er noch nie etwas gehört. Hobby-Musiker Gerhard Richter trommelte daraufhin buchstäblich eine Band aus befreundeten Musikern zusammen – Frauke Hoffmann aus Dossow am Akkordeon, Beate Corbach aus Berlinchen am Bass und Sänger Christian Richter, der aber auch gern mal zum Saxofon oder zur Harmonika greift. Das neue alte Schlagzeug animierte Gerhard Richter dazu, sich auf diesem Instrument einzufuchsen. Der Name der Band war schnell gefunden – schließlich stand er ja schon auf dem Schlagzeug: „Eisenbahn Wittstock“. Das Repertoire ist eine mitreißende Mischung aus Polka, Punk und Edelschnulzen – Dorfmusik in ihrer reinsten Form. „Wir experimentieren gern und suchen nach der richtigen Mischung, die bei Jung und Alt gleichermaßen ankommt“, sagt Richter. Etwa einmal im Monat wird geprobt.

In Goldbeck für mächtig Stimmung gesorgt

Am Osterwochenende sorgten die „Eisenbahner“ an der Burg in Goldbeck mächtig für Stimmung und zogen viele Besucher an – unter anderem auch Gerhard Lui. Als der die Trommel mit dem markanten Schriftzug erblickte, traute er seinen Augen kaum. „Ich kannte sie aus unseren privaten Fotoalben. Das war die Trommel der Eisenbahn-Band, in der mein Vater in den 1950ern gespielt hatte“, erzählt er. Schnell war der Kontakt hergestellt – und Lui konnte das Rätsel um die alte Band zumindest zum Teil auflösen. Das Schlagzeug soll sogar aus den 1920-er Jahren stammen. Fraglich ist aber nach wie vor, wer noch dabei war und was das „IG“ auf dem alten Schlagzeug bedeutete. Interessengemeinschaft? Instrumentalgruppe? Gerhard Richter hofft, dass es noch Menschen gibt, die sich an die alte Eisenbahn-Band erinnern oder Fotos von damals besitzen und damit etwas Licht ins Dunkel bringen könnten. Wo und was haben sie gespielt?

Weiterer Auftritt in Berlinchen

Um diesem Geheimnis vielleicht doch noch auf die Spur zu kommen, stand bei einem weiteren Auftritt am 2. April in der Schmökerstuw in Berlinchen ein Bild der ursprünglichen Band mit auf der Bühne, zur Verfügung gestellt von Gerhard Lui, der der neuen Band auch alte Noten gab. „Wir stöbern gerade in Schlagerheften der 1950er Jahre mit Titeln wie ’Tanzmusik für die Jugend’“, erzählt Richter einige Tage später. Es könne also sein, dass es bald Edelschnulzen aus den 1950er Jahren wie „Eventuell eventuell“ oder „Komm ein bisschen mit nach Italien“ von „Eisenbahn Wittstock“ zu hören gibt. In der Schmöker­stuw war das Quartett – stilecht, aber locker in Uniformteile gehüllt – der Anheizer für das Blackbird Café Orchestra. Mit der „Sauerkrautpolka“ oder „Rosamunde“ ging es im Zweivierteltakt rund. Die Besucher hielt es nicht lange auf den Stühlen. Kein Zweifel: Die neue Eisenbahn-Band ist bereit für ihr zweites Leben.

Hinweis: Der nächste Auftritt von „Eisenbahn Wittstock“ ist am 7. Mai in Suckow (Mecklenburg-Vorpommern) zur Eröffnung der Erzeuger- und Verbrauchergemeinschaft „Kramer & Kutscher“. Noch nicht sicher, aber laut Gerhard Richter „gut möglich“ ist ein Auftritt zum 2. Geburtstag der „Bühne 11“ am 4. Mai in der Galerie Wittstock.

Von Björn Wagener

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