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Wittstocker sorgen für Feuer und Explosionen

Atelier für Spezialeffekte in Niemerlang Wittstocker sorgen für Feuer und Explosionen

Bei unzähligen Filmproduktionen haben Elke Trapp-Schneyer und Gerd Voll vom Berliner Spezialeffekte-Atelier mit Sitz in Niemerlang bei Wittstock für Explosionen und Feuersbrünste gesorgt. Silvester wird bei ihnen ohne Knall und Fall gefeiert: Da lassen es die beiden Spreng- und Waffenmeister lieber ruhig angehen.

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Filmisches Großfeuer: Ein Flugzeug mit vier Menschen als Besatzung wird von einer Bombe getroffen und gerät in Brand.

Quelle: privat

Niemerlang. Eigentlich galt der Schuss dem Ex-CIA-Agenten Jason Bourne, der mit seiner Freundin Marie im indischen Goa untergetaucht war. Kiril, der Killer, hat die beiden dennoch entdeckt und sie in wilder Verfolgungsjagd durch Märkte und Straßen gejagt. Auf einer Brücke stoppt er, baut ein Jagdgewehr mit gewaltiger Zieloptik zusammen. Sein Schuss, dieser Bruchteil einer Sekunde, ist Grund und Auftakt zu einer der rasantesten Actionstorys Hollywoods – der „Bourne Verschwörung“. Verzweifelt versucht Jason (Matt Damon), seine Freundin (Franka Po­tente) aus dem sinkenden Auto zu retten. Zu spät: Der Schuss hat sie tödlich getroffen.

Wenn Elke Trapp-Schneyer und Gerd Voll vom Berliner Spezialeffekte-Atelier, das seinen Sitz in Niemerlang bei Wittstock hat, am Film-Set auftauchen, dann ist meist völlig klar: Entweder etwas explodiert im ganz großen Stil, ein Feuer legt alles in Schutt und Asche, eine Sturmflut bricht über Schauspielern zusammen, sie stehen im Regen, im Nebel oder sie werden erschossen. Kurz: Wenn die Katastrophe die Kinozuschauer auf den Plätzen erstarren lässt, hat oft das Niemerlanger Duo Infernale die Finger im Spiel.

Elke Trapp-Schneyer und Gerd Voll mit der „Sauer 202 Take Down“ aus dem Actionfilm „Die Bourne Verschwörung“

Elke Trapp-Schneyer und Gerd Voll mit der „Sauer 202 Take Down“ aus dem Actionfilm „Die Bourne Verschwörung“.

Quelle: Claudia Bihler

Dabei wusste Gerd Voll nicht einmal, dass er Spezialeffekte produziert, als er vor drei Jahrzehnten bei seiner Arbeit für Theater wie die Berliner Schaubühne von einem Filmregisseur entdeckt wurde. Das wurde ihm später klar, als dessen Assistentin einen Auftrag für einen Film an ihn übermittelte und immer mehr Anfragen von Filmproduktionen kamen. „Spezialeffekte zu machen, bedeutet immer Neues zu entwickeln“, sagt Gerd Voll. „Wenn etwa ein Schlag mit dem Hammer nicht schmerzen darf oder ein Einschuss das Sakko blutig zerfetzt, sind das Spezialeffekte. Zu mir kamen die Leute mit dem, was Maske, Kostüm und Beleuchtung nicht übernehmen.“

Nach einem Jahr stieg Elke Trapp-Schneyer ins Geschäft ein. Nicht geplant – eigentlich. „Bei einer Veranstaltung, die ich privat besuchte, sollte es ein Bühnenfeuerwerk geben“, erinnert sich die Sprengstoffexpertin: „Aber der Auftrag hat 24 Stunden beansprucht, dann habe ich eben mitgearbeitet.“ Bis heute hält das Atelier die Zulassung für die laufenden Flammen, die in Räumen eingesetzt werden können, weil sie so erzeugt werden, dass keine brennenden Teile abfallen. Viele weitere Innovationen sollten folgen: So genannte „Tiptanks“, die riesige Gischtwolken erzeugen und die etwa auf den Bahamas für „Der Seewolf“ konstruiert wurden. Oder auch die so genannten „Movie Safety Weapon Systems“ – Waffenmodifikationen, auf die Gerd Voll besonders stolz ist, weil sie weltweit anerkannt sind: Er modifiziert echte Waffen wie das Sauer-Jagdgewehr aus der Bourne-Verschwörung so, dass sie nach bloßem Wechsel des Laufes mit Platzpatronen verwendet werden können und so die Sicherheit der Schauspieler gewährleistet ist.

Das spektakuläre Autodrehen nach einer Explosion war eine Zeit lang in vielen Filmen angesagt

Das spektakuläre Autodrehen nach einer Explosion war eine Zeit lang in vielen Filmen angesagt.

Quelle: privat

Im Gegensatz zu anderen Sprengaktionen unterscheiden sich Filmsprengungen in zwei wesentlichen Aspekten: „Sie müssen kunstvoll aussehen. Und sie unterschreiten die üblichen Sicherheitsabstände, sie sind sehr nah an den Menschen“, sagt Elke Trapp-Schneyer. Sie zeigt schmunzelnd alle fünf Finger ihrer rechten Hand: „Unfälle hatten wir in 30 Jahren keine. Ab und zu sind höchstens mal ein paar Scheiben zu Bruch gegangen.“ Der Sicherheitsgedanke geht so weit, dass sie sich wochenlang an den Herd gestellt hat, um Seifenlauge für eine Seifenfabrik im Film „The Cut“ von Fatih Akin zu kochen: „Sie durfte vor allem nicht ätzend sein und musste bei allen Temperaturen drehbuchgerecht aussehen.“ Gerd Voll lernte gar ein paar Wochen bei der Las Vegas Metropolitan Police: Mitgebracht hat er ein Zertifikat der SWAT-Einsatzkräfte, das ihn dazu berechtigt, bestimmte Munitionssorten einzusetzen.

Mystisch

Mystisch: Die Effektemacher tauchen den Spreewald in Nebel.

Quelle: privat

Ungewöhnliche Wege für ihr Fachwissen mussten die beiden immer gehen: „Als wir mit Pyrotechnik begannen, gab es noch keine passende Ausbildung. Daraufhin haben wir einen Lehrgang für die Herstellung von Pyrotechnik gemacht“, erzählt Gerd Voll. Spreng- und Waffenmeister und Pyrotechniker sind beide, aber vor allem eins: Künstler ihres Fachs. Dass der Spreewald sich in der gleichnamigen Krimireihe mystisch und von Nebel verhangen zeigt, geht oft auf die Arbeit der Spezialeffektler zurück. In der Folge kurz vor Weihnachten wurden Studenten in einem Keller eingesperrt, bevor die Polder des Spreewaldes geflutet wurden. Ein Wasserdurchbruch in der Kellerwand, der dafür sorgte, dass die Studenten dort „ertranken“, geht aufs Konto des Duos. Bildliche Perfektion ist gefragt, wenn Mistgabeln scheinbar auf Leute hinter einer Crashglas-Scheibe geworfen werden, Stuntmen durch Großfeuer laufen oder ein tödlicher Schuss gezeigt werden soll: Die Meister der Fiktion sorgen für die passende Ausstattung.

„Aber es sind die kleinen Sachen, die oft unheimlich viel Mühe und Einfallsreichtum fordern“, sagt Gerd Voll. „Und am schwierigsten sind Komödien.“ Das wurde erst kürzlich deutlich, als das Spezialeffekte-Atelier in Berlin für eine Jägermeister-Werbung drehte – gemeinsam mit den Stuntleuten um Leo Plank. Einen „Raketenmann“ unter viel Getöse nach dem Abschuss seines „Flugobjektes“ exakt zum Absturz zu bringen, war eine besondere Herausforderung. „Aber mit Stuntteams zu arbeiten macht immer Spaß“, sagt Gerd Voll.

Wohlberechneter Start eines Raketenmannes bei der Probe für eine Jägermeister-Werbung in Berlin

Wohlberechneter Start eines Raketenmannes bei der Probe für eine Jägermeister-Werbung in Berlin.

Quelle: Claudia Bihler

Spaß mache die Arbeit auch mit vielen Schauspielern, sagt der Effektemacher. Gene Hackman, Anthony Hopkins, Isabella Rossellini sind nur ein paar Stars, mit denen das Duo zusammengearbeitet hat. Und auch für viele deutsche Produktionen wie etwa „Nikolaikirche“, „Die Vermessung der Welt“ oder auch „Lola rennt“ wurden sie engagiert. Filme wie „Kundus“ oder „The Cut“ über die armenische Tragödie beeindrucken die beiden: „Wir sind oft im arabischen oder indischen Raum gewesen. Die Arbeit dort hat unsere Weltsicht verändert.“

Die nächste Premiere ist eine Komödie. Für „Die Heimwerker“ hat das Duo aus Niemerlang viele effektvolle Überraschungen vorbereitet. Und auch am nächsten Spreewaldkrimi sind sie wieder beteiligt. Nur an Silvester, wenn alle anderen knallen und böllern, lehnen sich die beiden zurück: „Da gehen wir’s ruhig an, denn wir haben ja frei.“

Dreh in Jordanien

Dreh in Jordanien: Regisseur Fatih Akin (r.) und Hindi Zahra bei den Dreharbeiten zu „The Cut“.

Quelle: privat

Von Claudia Bihler

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