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Wustrau: Die Hebamme der Thronfolger

Gefragte Geburtshelferin Wustrau: Die Hebamme der Thronfolger

Justine Siegemund ist heute nur noch Experten der Medizin- und Adelsgeschichte ein Begriff. Dabei half die gebürtige Schlesierin im 17. Jahrhundert nicht nur vielen Müttern bei der Geburt, sondern verfasste ein Lehrwerk für Hebammen, das noch heute anerkannt ist. Stephan Theilig referierte im Brandenburg-Preußen Museum über eine außergewöhnliche Frau.

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Justine Siegemund stammte aus Schlesien, half bei unzähligen Geburten mit und verfasste ein medizinisches Standardwerk.

Quelle: Wikimedia Commons

Wustrau. Fast unscheinbar wirkt das kleine Büchlein, das in Vitrine Nummer acht im Brandenburg-Preußen Museum Wustrau ausgestellt ist. Auf einer aufgeschlagenen Doppelseite sind zwei kunstvolle Kupferstiche zu sehen, die die Lage eines Kindes im Mutterleib zeigen. Hände machen sich am Kind zu schaffen. Dass die Abbildungen das Ergebnis lebenslanger Forschungen einer nahezu in Vergessenheit geratenen Frau sind, gleichzeitig aber bis heute von Hebammen praktizierte Techniken bei der Entbindung zeigen, erläuterte Direktor Stephan Theilig am Mittwochnachmittag bei einem Vortrag im Brandenburg-Preußen Museum. Rund 30 Zuhörer waren zugegen.

„Mit Anfang 20 fasste Justine Siegemund den Entschluss, Hebamme zu werden“, sagte Theilig. Siegemund – Tochter eines Pfarrers und geboren im schlesischen Rohnstock – sei Autodidaktin gewesen, die den Wunsch, einen der ältesten Berufe der Welt zu erlernen, aus einem eigenen Schicksalsschlag herleitete. „Siegemund hatte eine sehr dramatische Eileiterschwangerschaft und war Pfuschern ausgesetzt. Sie musste wahnsinnige Schmerzen aushalten und konnte nie eigene Kinder haben“, so Theilig. Um anderen Frauen das gleiche Schicksal zu ersparen, beschäftigte sich die junge Frau viel mit Geburten und möglichen Komplikationen und schrieb alles auf. Ihr Ehemann – ein Beamter – ließ seine Frau gewähren. Für die damalige Zeit waren Frauen, die sich bildeten beziehungsweise bilden durften, die Ausnahme.

„Kurfürstliche Hof-Wehe-Mutter“

Doch Siegemunds Eifer zahlte sich aus. Es gelang ihr, selbst schwierige Fälle lebend zur Welt zu bringen. „Das sprach sich auch zur damaligen Zeit schnell rum“, sagte Theilig. Als „Stadt-Wehe-Mutter“ von Legnica (Liegnitz) wurde Siegemund nach Berlin berufen. Schließlich arbeitete sie für verschiedene Königshäuser. So half die zur „kurfürstlichen Hof-Wehe-Mutter“ berufene Frau unter anderem 1696 bei der Geburt von Friedrich August II. in Dresden mit. Sie arbeitete für Regenten in Holland, England und Frankreich.

Ein historisches Exemplar  von Siegemunds Lehrwerk für Hebammen ist im Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau zu sehen

Ein historisches Exemplar von Siegemunds Lehrwerk für Hebammen ist im Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau zu sehen.

Quelle: Mischa Karth

Da der Nachlass von Siegemund nicht erhalten geblieben ist, lässt sich über die Entlohnung nur spekulieren, doch dürfte sie nennenswert gewesen sein. Ihre Einnahmen nutzte Siegemund, um auf eigene Kosten ein Buch über die Grundlagen des Geburtswesens drucken zu lassen. Bei der Ausarbeitung zog sie Mediziner der Universität Frankfurt (Oder) zu Rate. Ansporn für ihr Vorhaben dürfte sie unter anderem von der späteren preußischen Königin Sophie Charlotte erhalten haben.

Mehrere Handgriffe sind nach Siegemund benannt

Das Werk erschien 1690 in einer Erstauflage von 500 Exemplaren. „Für die damalige Zeit ist das eine sehr hohe Zahl“, sagte Theilig. Neben dem rund 300 Seiten langen Textteil, der in damals typischer Dialogform verfasst wurde, faszinierten den Museumsdirektor die detaillierten Abbildungen. „In Illustrationen von A bis Z wird der Normalfall einer Geburt gezeigt, dann folgen die absonderlichen Lagen“, erklärte Theilig. „Noch heute sind eigene Griffe nach Siegemund benannt wie beispielsweise der ’gedoppelte Handgriff’.“ Rund 6000 Feldstudien seien in die Aufzeichnungen eingeflossen.

Begraben ist Justine Siegemund, die 1705 unter nicht bekannten Umständen verstarb, in Berlin.

Von Mischa Karth

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