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Zuflucht in Klosterheide

Die ersten Flüchtlinge kommen in einer Woche Zuflucht in Klosterheide

Zwischen Neiddebatte, Furcht und Hilfsbereitschaft: Bei der Einwohnerversammlung zum Wohnheim für Asylbewerber blieb es in Klosterheide sachlich und friedlich. Trotzdem ist die Stimmung gereizt, das Dorf gespalten: Die einen sehen die Fremden als Bedrohung, die anderen als Chance für den ländlichen Raum.

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Nach mehreren Pächterwechseln wird Jürgen Kriegers Heidegasthof in Klosterheide nun zu einem Flüchtlingsheim.

Quelle: Christian Schmettow

Klosterheide. Wäre der Parkplatz vor dem Heidegasthof immer so voll gewesen wie am Donnerstag, dann gäbe es in Klosterheide bei Lindow wohl kein Flüchtlingsheim. Doch nun hat Jürgen Krieger sein schlecht ausgelastetes Landhotel an die Übergangswohnheim-Gesellschaft (ÜWH) vermietet. Sie verwaltet schon die ehemaligen Hotels in Luhme und Zechlinerhütte. Den Heidegasthof hat sie für sechs Jahre an den Landkreis Ostprignitz-Ruppin vermietet.

Der Kreis will in dem 280-Einwohner-Dorf bis zu 90 Flüchtlinge unterbringen. Die ersten 50 sollen am 20. November eintreffen. Darüber informieren Waltraud Kuhne und Sabine Schmidt von der Kreisverwaltung sowie Martin Osinski von den Ruppiner Kliniken am Donnerstagabend knapp 80 Einwohner von Klosterheide und Lindow. Der Abend verläuft friedlich, obwohl die Stimmung angespannt und gereizt ist.

Zwei junge Frauen wollen wissen, wie die Sicherheit ihrer Kinder im Ort gewährleistet ist, was die Flüchtlinge den ganzen Tag machen und vor allem, wie viel Geld sie bekommen. Dass es weniger als der Hartz-IV-Satz ist, genügt als Antwort nicht. Waltraud Kuhne muss die Zahlen vorlesen. Sie stehen auch im Internet.

Der Schauspieler Ralph Herforth schob Neiddebatten einen Riegel vor

Der Schauspieler Ralph Herforth schob Neiddebatten einen Riegel vor.

Quelle: Peter Geisler

Die sich abzeichnende Neiddebatte geht Ralph Herforth auf die Nerven: „Die Banken haben Milliarden vom Steuerzahler abgezockt. Da hat keiner von euch hier gesessen und protestiert. Jetzt geht es um 300 Euro! Ich verstehe die diffusen Ängste. Aber ihr nehmt so viel vorweg“, sagt der Schauspieler, der ein Haus in Lindow hat. „Ihr habt jahrelang weggeschaut, als die Flüchtlinge nur in Italien waren. Ihr fahrt alle in die Türkei. Leben dort nur Kriminelle? Die meisten Kriminellen sind zurzeit Deutsche, die Asylbewerberheime abfackeln. Diese Heime müssen alle vom Steuerzahler wieder aufgebaut werden“, so Ralph Herforth.

„In jeder Feuerwehr-Diskussion höre ich den Satz: Ein Menschenleben ist unbezahlbar“, merkt der Lindower Amtsdirektor Danilo Lieske (SPD) an. Er moderiert den Abend. „Es geht hier auch um so etwas wie Menschlichkeit.“ „Es geht nicht darum, ob jemand kommt. Die Menschen sind schon da, und wir haben zwei Möglichkeiten: sie vernünftig unterzubringen oder sie auf dem Marktplatz zelten zu lassen.“ Letzteres führe garantiert zu Problemen, warnt der Amtsdirektor.

Am Briefkasten steht schon die Übergangswohnheim-Gesellschaft als neuer Mieter des Heidegasthofes

Am Briefkasten steht schon die Übergangswohnheim-Gesellschaft als neuer Mieter des Heidegasthofes.

Quelle: Christian Schmettow

Nicht alle Klosterheider sehen das so. „Das ist eine Völkerwanderung. Das geht doch im nächsten Jahr so weiter. Das ganze System funktioniert nicht. Wie viele wollen wir denn noch aufnehmen?“, fragt ein Mann. Er bezweifelt, dass Lindow so viele Fremde inte­grieren kann – aber so etwas traue man sich ja kaum zu sagen, „weil man dann gleich ein Nazi ist“. 80 Prozent der Bevölkerung seien gegen die Zuwanderung. Martin Osinski nimmt das gelassen: „Ich war auf zwölf Bürgerversammlungen und habe bisher nirgends gehört, dass Flüchtlinge willkommen sind. Aber jeder wusste einen anderen Ort, an dem es besser geht.“ Man könne jetzt lange lamentieren, aber das Recht auf Asyl stehe im Grundgesetz und in der Genfer Konvention.

„Wir sind moralisch verpflichtet, uns jetzt für Dinge einzubringen, die wir selbst in den vergangenen 25 Jahren bekommen haben“, sagt der Stadtverordnete Rainer Hollin (SPD). Klosterheide sei nur ein Übergangswohnheim: „Wahrscheinlich werden die wenigsten jungen Familien hierbleiben – leider“, bedauert Hollin.

Die Lindower Schulleiterin Marina Makowiak hat keine Angst vor Flüchtlingskindern an ihrer Schule. „Ich habe schon unglaublich nette, freundliche Menschen kennengelernt“, sagt sie. Sie fürchte sich auch nicht vor Elterngesprächen mit muslimischen Vätern: Dass in Deutschland Frauen die Hosen anhaben, das trügen die dann vielleicht später mal mit in ihre Heimat, hofft die Schulleitern.

Lindows Bürgermeisterin bietet Hilfe an

Die Lindower Bürgermeisterin Heidrun Otto (CDU) verspricht, Lindow werde die Klosterheider nicht allein lassen, wenn es Probleme gibt. „Ich werde auch niemanden in die rechte Ecke stellen, wenn die Argumente sachlich bleiben“, verspricht sie. Zugleich kritisiert Heidrun Otto den Redner auf der jüngsten Lindower Demonstration gegen Flüchtlinge: Dort hieß es, deutsche Kinder sollten zuerst deutsche Werte lernen und deshalb nicht mit Fremden in Kontakt kommen. „Zu deutschen Werten gehört es auch, selbst arbeiten zu gehen“, sagt die Bürgermeisterin.

Amtsdirektor Lieske rät den Klosterheidern, doch gelassen abzuwarten, was auf sie zukommt. Die Ortsvorsteherin Susan Lutter (FDP) sieht es ähnlich: „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, sagt sie und: „Na klar, werde ich helfen.“ Benötigt werden fürs Erste Fahrräder und Kinderspielzeug. Kleiderspenden dagegen seien in der Kleiderkammer besser aufgehoben. „Dort haben alle Bedürftigen was davon, nicht nur die Flüchtlinge“, sagt Andreas Kosmalla, der künftig als Sozialarbeiter in Klosterheide arbeitet. Der 53-Jährige mit dem breiten Kreuz verteilt Bögen an Hilfswillige. Toni und Melanie Schidlowski füllen gleich einen aus. Ihre vier Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren seien schon ganz gespannt auf die neuen Kinder, die nun ins Dorf ziehen werden. Familie Schidlowski bietet den Flüchtlingen gemeinsame Freizeit und Sport an. Neben ihnen schreibt ein Mann auf einen Zettel; Jörg Aselmeyer ist Intensivpfleger im Krankenhaus. „Ich wohne gegenüber dem Flüchtlingsheim“, sagt er. „Die sollen mich einfach rufen, wenn es mal einen Notfall gibt.“

Von Christian Schmettow

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