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Zwischen Spinnrad und Webstuhl

Wittstock Zwischen Spinnrad und Webstuhl

Das Spinnrad rattert ununterbrochen, das Garn wird wie vor 100 Jahren in den Webstuhl zu Stoff gewoben. Die Methode aus längst vergangenen Tagen halten acht Frauen täglich im Wittstocker Torbogenhaus lebendig. Für sie ist es zugleich Beschäftigung, die Freude macht und eine Qualifizierungsmaßnahme für eine neue Chance am Arbeitsmarkt.

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Die „Flachsfrauen“ um Viola Karras (v. r.) und Martina Schneider spinnen die Wolle zum Garn

Quelle: Christian Bark

Wittstock. Sie sind bei Veranstaltungen wie der Wittstocker Gewerbeschau mit ihrer Flachsstrecke anzutreffen, erklären regelmäßig Schulklassen, die die Kreismuseen besuchen, wie noch vor 100 Jahren Textilien hergestellt wurden und produzieren einen Großteil der Kleider und Accessoires für den rund 800 Stücke fassenden Kostümfundus in der Stadt. In der Woche arbeiten die derzeit acht Frauen innerhalb einer Maßnahme für die Wittstocker Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft im Torbogenhaus. Dort wird dann gesponnen, gewoben und gestrickt.

Gisela Thonack (l) gibt Tipps für die Handwerksarbeit

Gisela Thonack (l.) gibt Tipps für die Handwerksarbeit.

Quelle: Christian Bark

Das Garn stellen die „Flachsfrauen“ am Spinnrad aus Wolle her. Eifrig am Spinnen sind auch Viola Karras und Martina Schneider. „Ich habe früher im OTB gearbeitet“, berichtet Martina Schneider. Nach der Wende sei sie dann arbeitslos geworden. Als Facharbeiterin für Textiltechnik habe sie danach keine feste Anstellung mehr gefunden, vor 20 Jahren kam die heute 56-Jährige dann zu der Maßnahme. Eine ähnliche Biografie haben auch die anderen Frauen, mittlerweile ist es Viola Karras siebente Maßnahme. „Zwischendurch musste ich mal aussetzen, weil das Amt die Maßnahme nicht bewilligt hat“, berichtet sie. Jetzt sei sie froh, dass sie wieder „Prignitz typisches Erlebnishandwerk“ – wie die Maßnahme eigentlich heißt – betreiben kann. „Die Arbeit macht Spaß, ich bin mit Leib und Seele dabei“, sagt Viola Karras. Man könne viel dazulernen, komme viel in der Region rum und könne Kinder für längst Vergangenes neu begeistern. Ein solches historisches Schauhandwerk sei für die Region einzigartig.

Frauen stricken für Obdachlose

„Eine schönere Maßnahme kann es für Frauen nicht geben“, betont Gisela Thonack. Die Textilgestalterin kommt einmal im Monat im Torbogenhaus vorbei und gibt den Frauen Tipps und Anregungen für die Arbeit. Vor allem aber Hinweise im Umgang mit den historischen Webstühlen. Eigentlich ist die 76-Jährige gelernte Paramentenstickerin. Die Gestaltung der Altarbehänge habe sie noch im Klosterstift Heiligengrabe erlernt. Zu DDR-Zeiten war sie für das Kreiskulturhaus tätig, seit der Wende gibt sie unter anderem Kurse an der Volkshochschule für die Textilarbeit. Obwohl sie eigentlich schon 15 Jahre Rentnerin ist, kommt sie immer gerne ins Torbogenhaus, um die Frauen zu unterstützen, wie sie sagt. Einen Teil der historischen Geräte habe sie selbst besorgt.

Silvia Kähler näht ihren ersten Stoff-Pittiplatsch

Silvia Kähler näht ihren ersten Stoff-Pittiplatsch.

Quelle: Christian Bark

Während Gisela Thonack dabei hilft, die Garnstränge in den Webstuhl einzufädeln, näht Silvia Kähler ihrem ersten Stoff-Pittiplatsch Mund und Augen. Die Herstellung von Stofftieren ist eine Herzensangelegenheit der Frauen, dient sie doch einem guten Zweck, nämlich die Berliner Obdachlosengala, die jedes Jahr von Schlagersänger Frank Zander organisiert wird und wo die Frauen ihre Produkte verkaufen. Etwas wehmütig blickt Silvia Kähler auf die vergangenen zwei Jahre der Maßnahme zurück. „Es hat immer Freude gemacht“, sagt sie. Leider werde die Maßnahme für sie nicht verlängert, demnächst verlasse sie die Gruppe.

Hier wird gewoben wie noch vor 100 Jahren

Hier wird gewoben wie noch vor 100 Jahren.

Quelle: Christian Bark

Bleiben wird zunächst Bärbel Münsberg, die ebenfalls schon Stoffpuppen für die Gala gefertigt hat. Gisela Thonack gibt ihr Tipps, wie sie den Mund einer Puppe freundlicher aussehen lassen kann. „Was durch meine Hände geht, muss ordentlich sein“, betont die Textilgestaltern. Dabei hat Bärbel Münsberg schon einige Erfahrungen im Stricken. Als Kind strickte sie ihren ersten Schal, später war die Berlinerin Facharbeiterin für Chemiefasern, wechselte dann in die Prignitz, war in der Gastronomie und Landwirtschaft tätig und seit 2016 Teil der Maßnahme. Ob die ihr die Chance bietet, wieder einen festen Job zu bekommen, weiß Bärbel Münsberg nicht.

Tatsächlich ist die Maßnahme aber nicht nur Beschäftigung, sondern auch wirkliche Qualifizierung, wie Beschäftigungsgesellschaftschef Bernd Stebner erklärt. „Kontakteknüpfen ist ganz wichtig dabei, auch bei Außenterminen“, sagt er. In der Tat habe es schon Frauen gegeben, die nach der Maßnahme wieder zu einer Festanstellung gekommen seien, im Vordergrund stehe aber der feste Arbeitsrhythmus sowie das Gefühl „gebraucht zu werden“.

Von Christian Bark

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