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...und dann kamen die Kugelblitze

Neuruppin ...und dann kamen die Kugelblitze

Sie sind ein höchst seltenes Phänomen und ihre Entstehung ist unklar: Die Rede ist von Kugelblitzen. Am 15. Januar 1994 tauchte eine ganze Reihe von ihnen östlich von Neuruppin auf. Bis heute ist der Vorfall eines der am besten dokumentierten Ereignisse dieser Art. Wissenschaftler hoffen nun, aus dem „Neuruppin-Fall“ neue Erkenntnisse zu gewinnen.

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Von Kugelblitzen gibt es nur wenige Fotos – dieses stammt aus Kufstein.

Quelle: Deutscher Wetterdienst/Philipp Rinner

Neuruppin. Der 15. Januar 1994 war ein Sonnabend. Für einen Wintertag war es ungewöhnlich mild, bis auf 6,5 Grad Celsius kletterte das Quecksilber an der Wetterstation Neuruppin. Eine Zeit lang schien die Sonne, doch am Nachmittag war das gute Wetter passé. Ohne Vorwarnung entlud sich ein extrem starker Blitz östlich der Stadt. Und der hatte es in sich: Ein so genannter positiver Blitz bahnte sich seinen Weg und schockierte die Menschen durch seine extreme Helligkeit und den immensen Donner. Dabei erzeugte er eine Reihe von Kugelblitzen, die in Neuruppin beobachtet wurden. Der Deutsche Wetterdienst verzeichnet jährlich nur etwa zehn solcher Vorkommnisse, bei Neuruppin wurden an jenem Nachmittag jedoch gleich mehrere dieser seltenen Objekte beobachtet. So schnell das Gewitter aufgezogen war, so schnell hatte sich die Lage wieder beruhigt. Doch das Ereignis von damals wirkt bis heute nach.

Der Physiker Herbert Boerner ist der Entstehung von Kugelblitzen auf der Spur

Der Physiker Herbert Boerner ist der Entstehung von Kugelblitzen auf der Spur.

Quelle: privat

Denn über die Entstehung von Kugelblitzen ist auch mehr als zwei Jahrzehnte nach den Erscheinungen im Ruppiner Land wenig bekannt. Der Mainzer Physiker Herbert Boerner will das ändern. Er  widmet sich in seinem Ruhestand der Frage, unter welchen Bedingungen Kugelblitze entstehen und hat dafür auch die Vorgänge in Neuruppin studiert. Boerner arbeitete unter anderem am renommierten Forschungsinstitut Cern in der Schweiz und forschte viele Jahre für das Elektronikunternehmen Philips. Zum Thema Kugelblitze gebe es unzählige Theorien, doch sie alle seien „auf Sand gebaut“, so Boerner. Unter welchen Bedingungen genau ein Kugelblitz entsteht, sei völlig offen, und das, obwohl die Beobachtungen mehrere Jahrhunderte zurückreichen. Das Problem sei, dass ein solches Naturspektakel stets unvorhergesehen auftrete und es entsprechend schwierig sei, belastbare Daten zu finden.

„Perfekte Bedingungen“

In Neuruppin liegen die Dinge etwas anders, denn der 15. Januar 1994 wurde hier ausgesprochen gut dokumentiert, so Boerner. So gab es die Aussagen zahlreicher Augenzeugen, die von den damaligen Mitarbeitern der meteorologischen Station sofort gesammelt wurden. Außerdem bekam er Zugriff auf die Daten des Blitzortungssystems „Blids“ der Firma Siemens. Hierdurch ließ sich der Blitz, der die Kugelblitze auslöste, zweifelsfrei als solcher identifizieren. Dieser Blitz war laut dem Physiker von der seltenen Sorte, die positive Ladung zur Erde bringt; diese sind oft sehr viel stärker als „normale“ Blitze. „Die Bedingungen für die Erzeugung von Kugelblitzen müssen fantastisch gut gewesen sein“, sagt Boerner, „sonst wird fast immer nur von einem solchen Objekt berichtet“. Wintergewitter seien viel seltener, aber ihre wenigen Blitze oft kräftiger als solche zu anderen Jahreszeiten. Und in Neuruppin entwickelte die Natur an jenem Wintertag offenbar ganz enorme Kräfte.

Auch wenn mittlerweile fast ein Vierteljahrhundert vergangen ist, so hofft Herbert Boerner doch, dass sich noch mehr Augenzeugen finden, die sich an die Ereignisse erinnern und sachdienliche Hinweise geben können. „Vielleicht hat zum Beispiel ein Förster damals einen Baum festgestellt, der von einem Blitz getroffen wurde“, so Boerner. Eine Reihe von Augenzeugenberichte wurden in der Folge des Ereignissen vom Ehepaar Näther festgehalten. Sie bilden die Grundlage für „The Neuruppin Case“ – „Der Neuruppin-Fall“, dem der Wissenschaftler gerade einen ausführlichen Aufsatz in englischer Sprache gewidmet hat.  Sein Forschungsziel formuliert Herbert Boerner so: Zunächst gehe es darum herauszufinden, welche Bedingungen gut für die Bildung von Kugelblitzen seien. Im zweiten Schritt sei das Ziel dann, einen Kugelblitz im Labor zu erzeugen. Dies sei bislang niemandem gelungen. Erst in der Folge ließe sich auch eine Theorie zur Natur der Kugelblitze aufstellen.

Übrigens ist das Thema kein Neues. Schon seit Jahrhunderten wurden immer wieder Phänomene beschrieben, die denen eines Kugelblitzes entsprechen. Für sehr lesenswert hält der Blitzforscher ein Buch aus dem Jahr 1923 von einem Herrn Brand mit dem schlichten Titel „Der Kugelblitz“, das kürzlich neu aufgelegt worden ist. „Dort wird das Ganze sehr genau beschrieben“, so Boerner. „Und die Schlussfolgerungen sind zum Teil noch heute gültig.“

Hinweis: Wer sich noch an Details zu den Vorgängen erinnern kann, möge sich an Märkische Allgemeine Zeitung, Karl-Marx-Straß 64, 16816 Neuruppin oder an neuruppin@maz-online.de wenden.

Von Mischa Karth

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