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Polizei Tödliche Gefahr auf Rädern
Lokales Polizei Tödliche Gefahr auf Rädern
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09:28 28.07.2018
Jens Koch von der technischen Einsatzeinheit sieht am Bildschirm sofort jeden Verkehrssünder. Quelle: Nadine Bieneck
Oberhavel

Die Sonne flirrt. Träge schleppt sich der Verkehr auf der A 24 dahin. Jede Menge Lkws sind auf der Autobahn Richtung Berlin unterwegs, der Güterverkehr macht auch im Sommer keine Ferien. Stoßstange an Stoßstange rollen die Sattelzugmaschinen über die Straße. Oftmals mit weniger als den gebotenen 50 Metern Mindestabstand, die ab einer Lkw-Geschwindkeit von 50 km/h gelten. Für viele Autofahrer ein tägliches Ärgernis.

Thomas Dobkowicz, Leiter der Sonderüberwachungsgruppe für den Lkw-Verkehr, und seine Kollegen stehen an diesem Donnerstagmorgen an einer Autobahn-Raststätte bereit, um diesen Abstandssündern den Kampf anzusagen. Im gesamten Bereich der Polizeidirektion Nord ist das Team unterwegs, kontrolliert und überprüft zwischen Oberhavel und der Prignitz auf Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen Lkws. Von der Einhaltung von Lenk- und Ruhezeiten, korrekter Ladungssicherung über technische Mängel oder Manipulationen bis hin zur Abstandseinhaltung. „Der fehlende Sicherheitsabstand gehört zusammen mit Geschwindigkeitsverstößen zu den häufigsten Unfallursachen“, weiß Dobkowicz. „Und das kann bei Lkw-Unfällen dramatische Folgen haben. Schon wenige Meter machen da einen Riesenunterschied.“

Frank Storch, Leiter der Polizeidirektion Nord (l.) und Thomas Dobkowicz (r.), Leiter der Sonderüberwachungsgruppe verfolgen die Arbeit am Videoüberwachungsgerät. Quelle: Nadine Bieneck

Der erfahrene Polizist beobachtet die Entwicklung von Unfällen mit Lkw-Beteiligung mit Sorge. Rund 40 zählt die Polizei im gesamten Land Brandenburg täglich. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres kam es zu rund 4200 Lkw-Unfällen, bei denen 12 Personen ums Leben kamen. In Baustellenbereichen steigt die Unfallgefahr. „Da haben wir mit der Dauerbaustelle A 10 und A 24 in den nächsten vier Jahren einen neuralgischen Punkt genau vor unserer Haustür“, weiß auch Frank Storch, Leiter der Polizeidirektion Nord.

Die Kamera erfasst den fließenden Verkehr aus der Vogelperspektive von einer Brücke. Quelle: Nadine Bieneck

Er verfolgt den Einsatz seines Spezialteams an der Autobahn an diesem Tag mit Argusaugen, sieht, wie die Beamten teils im Minutentakt Fahrzeuge aus dem Verkehr ziehen. Einige Kilometer vor der Raststätte haben Kollegen von der Technischen Einsatzeinheit Überwachungskameras aufgebaut, die den fließenden Verkehr überwachen und protokollieren. Mit geübtem Auge erkennt Jens Koch auf dem Bildschirm sofort jeden Verstoß. Auf der Fahrbahn aufgebrachte Linien helfen dabei. „Die sind genormt und mit Vermessungsprotokoll bestätigt“, erklärt der 55-Jährige. Das ist wichtig, um jeden Verstoß gerichtsfest festzuhalten. Per Funk werden Beschreibung und Kennzeichen der Verkehrssünder an eine mobile Einheit durchgegeben, welche die entsprechenden Fahrzeuge aus dem fließenden Verkehr zur Kontrollstation lotst. In mehreren Spezialeinsatzwagen („Das sind unsere rollenden Büros, ausgestattet mit allem, was wir für einen kompletten Einsatz benötigen“, so Dobkowicz) sitzen die Beamten und nehmen die Verstöße auf. „Ohne Russisch- und Polnischkenntnisse brauchen wir damit gar nicht erst anfangen“, verrät der Teamleiter. Im Laufe der Jahre haben sich die Beamten die wichtigsten Redewendungen selbst beigebracht, ein Großteil des Güterverkehrs auf Brandenburger Straßen erfolgt durch Speditionen, die aus ganz Europa, insbesondere Osteuropa, stammen.

Frank Rauscher sitzt in einem der mobilen Büros, erfasst die Daten der Abstandssünder und kassiert direkt vor Ort auch das fällige Bußgeld ab. Erstaunlich: „Noch kein einziger Fahrer hat heute über die Kontrolle und seinen Verstoß gemurrt oder diskutiert.“ Monotonie und Langeweile hunderte Kilometer langen Strecken führten oft zu Unachtsam- und Nachlässigkeiten. Neun Stunden am Tag dürfen Brummifahrer auf die Straße, zwei Mal wöchentlich gar zehn Stunden. Viel Zeit, in der manch einer nicht nur den Abstand vergisst, sondern auch „auf die übelsten Ideen kommt“. Neben den „Klassikern“ – Spielen am Handy und Tablet – haben die Beamten am Steuer vom Kaffee kochen und Zeitung lesen bis hin zum „Auslöffeln einer riesigen Schüssel Kartoffelsalat“ fast alles schon erlebt.

Frank Rauscher arbeitet in einem der „mobilen Büros“. Quelle: Nadine Bieneck

An diesem Donnerstag gibt es am Ende gar den ein oder anderen Fahrer, der „dankbar ist, für das Thema Abstand halten mal wieder sensibilisiert zu werden“, erzählt Rauscher. Der Verstoß schlägt mit einer Strafe von 80 Euro zu Buche. Ausländische Fahrer müssen in der Regel eine deutlich höhere Sicherheitsleistung hinterlegen. Unterschiedliche Länderregelungen machen Dobkowicz und seinem Team die Arbeit schwer, denn in Deutschland gelten oftmals strengere Regeln als in den Nachbarländern.

Dennoch brennt das Team der Sonderüberwachungsgruppe für den Job. „Die Kollegen sind nicht nur hoch spezialisiert, sondern auch hoch motiviert“, ist Dobkowicz froh. Und sie leben von ihrer Erfahrung. Kurz bevor das Team die Kontrollstation zur Mittagszeit abbaut, hat Andreas Schweißer noch einmal den richtigen Riecher. Ein slowakischer Sattelschlepper hat den erfahrenen Polizisten misstrauisch gemacht. Und tatsächlich: Im Sicherungskasten des Lkws wird er fündig. Die Abgasreinigung des Fahrzeugs ist manipuliert. Für den Fahrer ist die Reise damit vorerst beendet, 1500 Euro Strafe wird ihn das kosten. In Polizeibegleitung geht es in eine Werkstatt, wo die Maschine genau unter die Lupe genommen wird. Ob sich weitere Manipulationen am Fahrzeug finden, wird sich zeugen.

Andreas Schweißer hatte den richtigen Riecher: Die Abgasreinigung dieses Lkws war mit einem Modul, welches der erfahrene Polizist auf dem Bild in der Hand hält, manipuliert. Quelle: Nadine Bieneck

Thomas Dobkowicz ist zufrieden mit dem Ergebnis der Kontrolle. Mehr oder weniger: „40 ermittelte Fahrer in vier Stunden, die den Mindestabstand teils deutlich unterschritten – das ist schlecht für die Verkehrssicherheit. Aber es ist gut für die Motivation meiner Leute.“ Denn jeder Verstoß, den sein Team aufdeckt, bestärkt die Beamten in der Notwendigkeit ihrer Arbeit. Auch wenn sie wissen, dass sie nur einen kleinen Teil der Verkehrssünder aus dem Verkehr ziehen. Dennoch: „Wir sind täglich draußen und im Einsatz. Sieben Tage die Woche.“ 30 gezinkte Abgaseinheiten hat die Überwachungsgruppe in diesem Jahr bei Kontrollen bereits ausfindig gemacht sowie zwölf weitere mechanische Geräte, mit denen unter anderem Lenkzeitverstöße vertuscht werden sollten. Es ist eine Mischung aus „Repression und Prävention“, mit der die Sonderüberwachungsgruppe die Straßen auch im Landkreis Oberhavel sicherer macht.

Auch wenn die Methoden der Speditionen immer spitzfindiger werden und zudem von erheblicher krimineller Energie zeugen, wie Dobkowicz weiß. So zogen seine Kollegen vor einigen Wochen erstmals einen Lkw aus dem Verkehr, bei dem Manipulationen direkt an der Bord-Software vorgenommen worden waren. „Wir haben die gesamte Maschine zum Hersteller nach Schweden einschicken lassne müssen. Der bestätigte schließlich unseren Verdacht.“ Es ist ein enormes Fachwissen, was die Beamten sich im Laufe der Jahre aneignen und täglich weiter ausbauen. Fachwissen, mit dem sie am Ende des Tages Unfälle verhindern und die Straßen sicherer machen. Denn manipulierte Maschinen und übermüdete Fahrer können rasend schnell zum Tod auf Rädern werden.

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Von Nadine Bieneck

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