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Mit einer Alkoholfahne zur Arbeit: normal?

Alkohol- und Drogensucht nimmt zu Mit einer Alkoholfahne zur Arbeit: normal?

Es ist vollkommen normal, Alkohol zu trinken – schräg angeschaut wird eher, wer das Glas Bier verschmäht. Kein Wunder, dass Alkoholmissbrauch die häufigste Suchterkrankung bildet. Der Hohe Fläming ist da keine Ausnahme. Die Folgen der Sucht kennt Berater Tobias Lindenberg: Führerschein weg, Arbeitslosigkeit. Er berät Menschen auf dem Weg aus der Sucht.

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Tobias Lindenberg, Suchtberater im Fläming, warnt vor Alkoholmissbrauch.

Quelle: Saskia Popp

Bad Belzig. Alkoholabhängigkeit ist ein großes Problem im Hohen Fläming. „Es ist auf jeden Fall die am weitesten verbreitete Suchterkrankung hier“, sagte Suchtberater Tobias Lindenberg bei einer Informationsveranstaltung im Ernst-von-Bergmann-Klinikum. Das Gesundheitsministerium des Landkreises Potsdam-Mittelmark bestätigt diese Aussage: „Alkoholabhängigkeit und -missbrauch stellen nach wie vor die größte Gruppe der Abhängigkeitserkrankungen“, sagte ein Ministeriumssprecher auf MAZ-Nachfrage. Doch auch Spielsucht oder die Abhängigkeit von harten Drogen wie Amphetaminen sind Probleme, mit denen viele Menschen zu kämpfen haben.

Suchtberater Lindenberg sieht die Folgen der Suchterkrankungen. Er arbeitet seit zwei Jahren als Berater der Salus Klinik in Bad Belzig. Seine Klienten beziehen Hartz IV, sind langzeitarbeitslos – Lindenberg kümmert sich also um diejenigen, die ohnehin nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. „Meine Aufgabe ist es, Vermittlungshemmnisse abzubauen, so dass sie wieder Arbeit finden können“, erklärt der studierte Psychologe sein Einsatzgebiet. Zu ihm geschickt werden Menschen, bei denen das Jobcenter eine Suchterkrankung vermutet.

„Wenn jemand mehrfach mit einer merklichen Fahne zu Terminen gekommen ist oder seinen Führerschein verloren hat und zur MPU muss, dann rät das Jobcenter dazu, mich aufzusuchen“, so Lindenberg. In mehreren Sitzungen versucht der Berater dann zu ergründen, ob eine Suchterkrankung vorliegt. Anschließend vermittelt er bei Bedarf weitergehende Hilfe, bietet aber auch vor Ort Einzel- und Gruppengespräche an. Besonders kritisch sieht der Suchtberater die gesellschaftliche Akzeptanz des Alkoholkonsums. „Es wird vor allem auf dem Land als normal angesehen, bei gesellschaftlichen Anlässen zu trinken“, sagt Lindenberg. „Auch, mit einer Fahne zur Arbeit zu erscheinen oder angetrunken Auto zu fahren ist für viele nicht verwerflich.“

Alkohol: Die verstörenden Zahlen

Etwa zehn Prozent der Bundesbürger haben einen riskanten Alkoholkonsum, rund 1,8 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig.

Hoher Alkoholkonsum erhöht das Risiko für verschiedene Krankheiten und Langzeitschäden deutlich. Hierzu gehören Leberzirrhose, Krebs und Herzkrankheiten.

Dazu kommen die sozialen Folgen: Probleme am Arbeitsplatz, Verlust von Freunden, sozialer Abstieg.

Ein riskanter Konsum liegt vor, wenn mehr als 20 Gramm (Frauen) bzw. 40-50 Gramm (Männer) reiner Alkohol täglich konsumiert werden.

Eine Flasche Bier enthält etwa 20 Gramm reinen Alkohol.

Hilfe bei eigener Abhängigkeit oder Problemen eines Verwandten, Freundes oder Kollegen bieten Ärzte und Krankenhäuser sowie Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände und des Roten Kreuzes.

Doch nicht nur der Alkohol macht Probleme im Hohen Fläming. „Amphetamine sind im Kommen“, berichtet der Experte.

Zu den aufputschend wirkenden Drogen gehören zum Beispiel Speed und das berüchtigte Methamphetamin – besser bekannt als Crystal Meth. „Der Einstieg beginnt oft auf Partys, doch Amphetamine entwickeln sich schnell zu Alltagsdrogen“, sagt Lindenberg. Er hat schon junge Mütter erlebt, die im Alltag Speed konsumieren, um dem Stress gewachsen zu sein. Besonders gefährlich ist das oft aus Osteuropa stammende Crystal Meth. „Das ist keine Einstiegdroge, das ist oft das Letzte, was Leute konsumieren. Es ist wie Heroin“, so Suchtexperte Lindenberg. Die Gefahren vom Cannabiskonsum schätzt der Experte als vergleichsweise gering ein. „Statistisch gesehen ist Cannabis ungefährlicher als Alkohol. Es gibt einzelne dramatische Fälle, aber im Normalfall gibt es mit Kiffern keine Probleme.“

Pro Woche führt Tobias Lindenberg acht bis zehn Beratungsgespräche, dazu kommt die Gruppenbetreuung. Um über die Gefahren von Suchterkrankungen aufzuklären, bietet der Berater regelmäßig Informationsveranstaltungen im Bergmann-Klinikum an. Zumindest die Premiere in der letzten Woche war nur wenig besucht. Dieses Problem kennt Tobias Lindenberg auch aus den Beratungsgesprächen. „Das ist leider eine typische Suchtproblematik. Die Leute kommen irgendwann nicht mehr wieder oder haben Rückfälle.“ Lindenberg findet es wichtig, in solchen Fällen nicht schuldzuweisend zu agieren: „Druck und ein schlechtes Gewissen bringen nichts, das ist ganz wichtig“, so der Experte. Sein nächster Infotermin findet am 26. Januar um 16.30 Uhr im Konferenzsaal des Klinikums statt. Bei Bedarf werden im Anschluss individuelle Gespräche geführt.

Von Saskia Popp

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