Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -3 ° Nebel

Navigation:
Attacke auf linkes Café in Bad Belzig

Böller gegen „Der Winkel“ Attacke auf linkes Café in Bad Belzig

Ostdeutsche Kleinstädte gelten als idealtypischer Ort für rechtsradikale Strukturen. Auch Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) stand deswegen bundesweit in die Schlagzeilen – und die Gefahr ist noch nicht gebannt. Jetzt gab es wieder einen Vorfall, der Schlimmes befürchten lässt. Ein „braunes Nest“ sei Belzig aber nicht mehr, sagt einer, der es wissen muss.

Voriger Artikel
Drahtziehereien rücken enger zusammen
Nächster Artikel
Marina Teltow droht zu scheitern

In Bad Belzig konnte die Zivilgesellschaft Neonazis weitgehend zurückdrängen.

Quelle: Foto: renÉ Gaffron

Bad Belzig. In der Nacht zu Donnerstag hat es erneut einen – vermutlich fremdenfeindlich orientierten – Angriff auf das Bad Belziger Infocafé „Der Winkel“ gegeben. Ein Nachbar hatte gegen 22.40 Uhr am Mittwochabend einen lauten Knall gehört. Die Spuren am Tatort deuten auf Pyrotechnik, so genannte Polenböller, hin. Der Sprengsatz wurde offenbar mit Panzerband am Schaufenster befestigt und gezündet. Verletzt wurde niemand.

Der neueste Anschlag riss ein tiefes Loch in die Scheibe

Der neueste Anschlag riss ein tiefes Loch in die Scheibe.

Quelle: Popp

Wie viele Anschläge auf das Café insgesamt verübt wurden, vermögen nicht einmal die Betreiber zu sagen. Im letzten Sommer gab es allein vier Angriffe binnen vier Wochen, die Schaufenster wurden zuletzt im Herbst ausgetauscht.

Im April hatte – damals hinter unbeschädigten Scheiben – der Autor Thomas Bürk, 56, sein Werk „Gefahrenzonen, Angstraum, Feindesland“ vorgestellt. Der Ethnologe hat jahrelang in Bad Belzig zu rechten Strukturen und Gegenwehr aus der Zivilgesellschaft geforscht, eine wichtige Basis seiner Recherchen bildet das Infocafé. Die MAZ hat mit dem Hamburger gesprochen.

In Ihrem Buch „Gefahrenzonen, Angstraum, Feindesland“ beschäftigen Sie sich mit rechtsradikalen Strukturen in ostdeutschen Kleinstädten. Eines der Beispiele ist Bad Belzig. Warum?

Thomas Bürk: Ich habe dieses Buch, meine Doktorarbeit, schon vor mehreren Jahren geschrieben. Damals waren Übergriffe an der Tagesordnung, nicht nur in Bad Belzig. Den Ort kannte ich durch eine Vorstudie, die ich für Opferperspektive, die Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt durchgeführt habe.

Thomas Bürk

Thomas Bürk

Quelle: privat

Waren die Probleme in dieser Zeit im Fläming besonders schlimm?

Bürk: Es gab eine dumpfe Mischung aus organisierten Neonazis und ganz normalen Bürgern, die viele Übergriffe durchgeführt haben. Es handelte sich vor allem um Anschläge auf türkische und vietnamesische Imbisse. Bad Belzig war da absolut kein Einzelfall.

Haben Sie die Stadt aus einem bestimmten Grund ausgewählt, eine so prominente Rolle in Ihrer Studie zu spielen?

Bürk: Das war letztlich Zufall. Wittstock und Belzig waren in den 90er und 2000er Jahren bundesweit bekannt für ihr notorisches Neonaziproblem. Beide Orte kamen aus den Schlagzeilen kaum noch heraus. Das trifft aber beispielsweise auch auf Eberswalde zu. Ich möchte die Orte nicht schlecht machen, es soll nicht heißen, das hier sei eine schlimme Stadt. Es ist einfach eine exemplarische Studie, die auch an anderen Orten in ganz Deutschland hätte spielen können.

Sie sind drei Jahre lang immer wieder nach Belzig gereist, haben wochenweise hier gewohnt und für Ihre Studie mit mehr als hundert Menschen gesprochen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Bürk: Im ganzen Land Brandenburg gab es in den Neunzigerjahren eine schlechte Politik, was den Umgang mit der rechten Szene anging. Deshalb konnten sich in so vielen Regionen Neonazis festsetzen. In Belzig hatten wir es mit einer etablierten Szene in der zweiten Generation zu tun. Die Flüchtlinge, die damals schon hier lebten, sprachen davon, vor bestimmten Orten Angst zu haben. Eine solche Angstraumdebatte führen wir heute nach den Vorfällen der Silvesternacht in Köln auch wieder.

Hat sich an dieser Situation etwas geändert?

Bürk: Ja, auf jeden Fall. Etwa im Jahr 2000 begann eine breit angelegte, politisch geförderte Unterstützung. Diese – auch finanzielle – Förderung der Engagierten war außerordentlich wichtig, sie hat in Belzig dafür gesorgt, dass die Neonazis zurück gedrängt werden konnten. Die Mischung aus einer starken, bis in die Stadtpolitik hinein verankerte Zivilgesellschaft, Antifagruppen und bezahlter Sozialarbeit ist der entscheidende Unterschied zu anderen Orten. An dieser Mischung liegt es, dass die Stadt den Ruf des braunen Nestes nicht mehr hat.

Sie sprechen von Antifagruppen, also zumeist jungen, bisweilen linksradikalen Menschen, als Teil der Zivilgesellschaft?

Bürk: Diese Gruppen werden oft stigmatisiert und mit Ängsten besetzt. Ja, es gibt auch Jugendliche, die Angst vor der Antifa haben. Aber ohne die, übrigens auch ohne andere Jugendgruppen wie zum Beispiel kirchliche oder humanistisch orientierte, funktioniert es nicht. Solche Gruppen sind einzelpersonenorientiert und unterliegen einer hohen Fluktuation, spätestens, wenn die Jugendlichen mit der Schule fertig sind, verlassen sie oft die Stadt und damit auch die Gruppe. Dennoch sind sie ein wichtiger Bestandteil in der Arbeit an der Gesellschaft, denn in der kurzen Zeit sind die Jugendlichen sehr aktiv.

Welche weiteren Aspekte unterscheiden Bad Belzig von anderen Orten mit einer heute noch dominanten rechtsextremen Szene?

Bürk: Da ist zum einen das Infocafé der Winkel. Das liegt zentral, mitten in der Stadt und macht geflüchtete Menschen im Alltag sichtbar. Das ist für die Verankerung in der Gesellschaft unglaublich wichtig. Öffentlichkeit muss räumlich gelebt werden, nicht nur ab­strakt.

Das andere Beispiel in Ihrem Buch ist das nordbrandenburgische Wittstock. Die Zivilgesellschaft dort schafft es nicht, die Neonazis wirksam zurückzudrängen. Woran liegt das?

Bürk: Man kann nicht alles erklären. Es scheint fast zufällig zu sein, dass ein emeritierter Professor das Gleiche macht, was verschiedene Lehrerinnen in Wittstock versuchen. Nur hier klappt es, dort nicht. Das liegt nicht an den handelnden Personen. Bad Belzig hat eine vergleichsweise liberale Stadtpolitik und einen hohen Zuzug. Der ist nicht zu unterschätzen. Es ist bizarr, dass in einer Kleinstadt die Zugezogenen so wichtig sind und so entscheidende Positionen besetzen. In anderen Kleinstädten ist das ganz anders.

Herr Bürk, mit einigen Jahren Abstand: wie lautet ihr Fazit zu Brandenburgs Kleinstädten, speziell zu Bad Belzig? Kämpfen die Menschen auf verlorenem Posten?

Bürk: Nein, verloren ist ganz und gar nichts. Die Debatte um Ostdeutschland, auch um Brandenburg, ist von einer Unzahl an Vorurteilen geprägt. Ich sage, es gibt überall aufrechte Leute, die sich bemühen. In der Frage, wie die Zivilgesellschaft eine Anlaufstelle für Opfer rechter Gewalt sein kann, ist Bad Belzig ist auf einem sehr guten Weg. Es gibt eine breite Solidarität bis in die Stadtpolitik hinein. Diese Entwicklung ist beispielhaft für andere Ort.


Von Saskia Popp

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam-Mittelmark

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg