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„Bei uns muss eigentlich jeder alles können“

Direktorin Peggy Scholl gastiert mit ihrem Zirkus „Schollini“ derzeit im Fläming „Bei uns muss eigentlich jeder alles können“

Zirkusdirektorin Peggy Scholl (36) kann viel erzählen vom Leben im Zirkus „Schollini“, über Bildungschancen außerhalb der Manege, den Wandel der Zuschauer und Rekorde in acht Metern Höhe. Die MAZ traf die Direktorin zum Interview.

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Peggy Scholl liebt das Leben rund um die Manege. Das ist zuweilen ganz normal.

Quelle: T. Potratz

Bad Belzig/Treuenbrietzen. MAZ: Frau Scholl, gleich steht die letzte Vorstellung in Bad Belzig an. Wie liefen die ersten Veranstaltungen der Saison?
Peggy Scholl: Die erste Vorstellung in Bad Belzig war super. Die weiteren waren leider ein wenig unter unseren Erwartungen, was wohl mit dem heißen Wetter zu tun hatte. Das schreckt die Leute manchmal ab, obwohl wir immer ein angenehm temperiertes Zelt haben.

Wie sind Sie selbst zum Zirkus gekommen?
Scholl: Der Urgroßvater meines Mannes hat den Zirkus „Schollini“ zu Beginn der DDR-Zeit gegründet. Damals noch ohne Zelt. Leider ist er jedoch mit 23 Jahren von einem 70 Meter hohen Schwenkmast gefallen und dabei tödlich verunglückt. Er hat meinen Schwiegervater und einen weiteren Bruder hinterlassen, die den Zirkus weitergeführt haben. Danach gab es eine Lücke, als Familienmitglieder verstreut in anderen Zirkussen international gearbeitet haben. 2011 haben mein Mann und ich entschieden, dass wir den Zirkus „Schollini“ wieder neu entstehen lassen wollen. Und nun sind wir hier. (lacht)

Der Zirkus hat eine große Tradition in Ihrer Familie. Stellen Sie sich mal vor, ich wäre Ihr Sohn und wäre – wie es auch tatsächlich ist – absolut talentfrei. Müsste ich dann trotzdem in die Manege oder hätte ich auch andere Möglichkeiten?

Scholl: Es gibt da auch andere Möglichkeiten. Deswegen gehen wir ja alle in die Schule und machen unseren Abschluss, wie alle anderen auch. Meine vier Kinder gehen dort, wo wir gerade spielen, ganz normal bis zur 10. Klasse zur Schule, damit an der Seite wenigstens eine kleine Tür offen steht.

Das klingt nicht einfach. Wie sieht der Zirkusalltag aus?
Scholl: Im Grunde ist das gar nicht so viel anders, wie bei „Normalos“ auch (lacht). Wir stehen ganz normal um 6.30 Uhr auf. Die Ersten, die dann klopfen und frisches Wasser und Heu haben wollen, stehen da hinten im Pferdestall. Dann werden die Kinder in die Schule gebracht und für uns geht die Arbeit los. Im Zirkus gibt es immer was zu tun. Hier platzt ein Reifen am Einrad, da muss das Trapez gestrichen werden. Einen anderen Tag muss an der Beleuchtung gearbeitet werden und so weiter. Bei uns hat keiner ein Fachgebiet. Bei uns muss eigentlich jeder alles können. Und dann haben wir natürlich unsere Proben und die Veranstaltungen, die den Tag prägen.

Stichwort Veranstaltungen. Was unterscheidet die Show vom Zirkus „Schollini“ von anderen Zirkussen?
Scholl: Es ist einfach unser Konzept. Bei uns geht es nicht einfach darum, in die Manege zu gehen, aufzutreten und Hauptsache ist, dass das Geld vorne in der Kasse liegt. Wir legen einfach Wert auf kleine Details und spielen mit unserem Publikum. Wir sind zwar nur ein kleines Unternehmen und haben nicht 20 Pferde dabei. Dafür sagen wir Qualität statt Quantität.

Wie sieht denn die Quantität im Publikum aus?
Scholl: Gemessen an der Zeit können wir zufrieden sein. Natürlich nahm der Zulauf insgesamt stark ab. Vor zehn oder 15 Jahren war es noch viel einfacher. Uns haben die neuen Medien kaputt gemacht. Die Kinder sitzen heute schon im jungen Alter lieber am Computer, anstatt in den Zirkus zu gehen. Dennoch sollte dieses schöne kleine Stück Kultur nicht verloren gehen. Dafür kämpfen wir.

Sie haben mit „Schollini“ vor geraumer Zeit einen hochdotierten belgischen Preis gewonnen. Was bedeuten Ihnen solche Ehrungen?
Scholl: Diesen Preis hat mein Mann bekommen. Das war eine Goldmedaille auf einem Zirkusfestival in Liège (Belgien). Der Preis war für eine Nummer, bei der er auf einem acht Meter hohen Turm aus weißen Stühlen auf Händen balanciert. Solche Preise sind natürlich großartig und machen uns stolz. Wir wollen diesen Auftritt nun auch für das Guinnessbuch der Rekorde anmelden.

Bleiben wir bei der Qualität. Die Tierhaltung innerhalb von Zirkussen wird häufig von Experten und Tierschützern kritisiert. Wie sieht dies bei Ihnen aus?
Scholl: Unsere Tiere stehen absolut an erster Stelle. Sie werden immer als erstes versorgt und bekommen weiten Auslauf. Die Bedingungen werden ständig von Veterinären kontrolliert. Bisher hatten wir dort nur positive Einträge.

Wie viele Tiere begleiten Sie?
Scholl: Wir haben sieben Großpferde, zwei Kleinpferde, zwei Ziegen, sechs Hunde, zwei Hühner.

Wie erleben Sie das Image der Branche in der Öffentlichkeit?
Scholl: Da wird zuweilen so ein verruchtes Image dargestellt. Alle Zirkusse seien Zigeuner, da werde nur geklaut und dies und jenes. Vor allem die Älteren haben da einige Vorurteile. Nach dem Motto: Da kommt der Zirkus. Da müssen wir aufpassen. Dagegen anzusteuern, ist nicht so einfach. Sicher gibt es überall schwarze Schafe, aber die Realität sieht doch anders aus.

Zum wievielten Mal sind Sie zu Gast im Hohen Fläming?
Scholl: Es ist eine Premiere für uns. Wir waren hier noch nie.

Sie bleiben den Flämingern aber noch ein paar Tage in Treuenbrietzen erhalten. Was erwartet die Zuschauer dort?
Scholl: Dort zeigen wir ein buntes Programm mit jungen, dynamischen Artisten. Wir haben Live-Gesang, außergewöhnliche Tierauftritte mit „Mini und Maxi“. Wer das ist, verrate ich natürlich noch nicht, aber eine Darbietung dieser Art gibt es wirklich nur hier im Zirkus „Schollini“.

Interview: Tobias Potratz

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