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Bad Belzig Hochstapler-Satire: Wie Bad Belzig für Netflix zu „Betongold“ wird
Lokales Potsdam-Mittelmark Bad Belzig Hochstapler-Satire: Wie Bad Belzig für Netflix zu „Betongold“ wird
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22:57 15.04.2019
Take vier: Ton läuft. Kamera läuft. Klappe und Action für „Betongold“ von Cünyet Kaya. Quelle: Jan Russezki
Bad Belzig

Die Schrift auf dem Briefkasten verschwindet unter grauer Pappe, das Amtsschild des Rathauses wird ausgetauscht – alles, was den wahren Standort des Gebäudes verrät, wird abgeklebt. So macht am Montagmorgen die Babelsberger Filmproduktionsfirma Ufa aus dem Rathaus Bad Belzig das Finanzamt Waiblingen in Baden-Württemberg. Dahinter steckt der Streamingdienst Netflix, der hier einen seiner ersten deutschen Filme dreht.

„Wir sind hier völlig falsch für unseren Termin“, scherzt Jenny Werner aus Potsdam. Waiblingen sei nicht mal das richtige Bundesland, sagt die Potsdamerin zu ihrem vierjährigem Sohn Arthur. Während sie von dem Aufgebot des Filmteams überrascht ist, sind andere Anwohner auf dem Markt in Bad Belzig nur mäßig interessiert: „Ich bin hier nur auf Gassi-Runde“, sagt ein Mann in Brandenburger Gelassenheit. Viele Beobachter halten bei ihren Montagserledigungen nur für einen kurzen Moment.

Darum geht’s in „Betongold

In der Hochstapler-Satire mit dem Arbeitstitel „Betongold“ oder auch „Betonrausch“ geht es um den Aufstieg und Fall dreier Berliner Immobilienbetrüger. Reichtum, Betrug, Drogen: Der Regisseur Cünyet Kaya, bekannt für die Mitarbeit im Unterweltdrama „Asphaltgorillas“, will das deutsche und internationale Publikum „mit absurdem Humor, schnellem Witz und hinreißenden Charakteren überraschen“. Ob er das schafft, wird das Netflix-Publikum erst 2020 erfahren.

Weil es in Bad Belzig so bürgerlich ist, treiben dort Hochstapler ihr Unwesen. Hinter dem hochkarätig besetzten Satirefilmdreh auf dem Marktplatz steckt der internationale Streamingdienst Netflix.

Die hochkarätige Besetzung der Hauptrollen lässt allerdings ahnen, dass der Film eigentlich kein Flop werden kann. Mit David Kross („Der Vorleser“, „Krabat“) und Frederick Lau („4 Blocks“, „Victoria“) hat Cünyet Kaya zwei erfahrene und mit Letzterem auch aktuell populäre Schauspieler vor der Kamera. Für Janina Uhse („High Society“), die noch weniger bekannt ist, könnte die Netflix-Premiere einen Bekannheitsturbo bedeuten.

Bei den Dreharbeiten waren allerdings leider weder Schauspieler noch der Regisseur für Gespräche zu „Betongold“ offen. Auch die Filmproduktion Ufa hält sich zu den Dreharbeiten auf Anfrage der MAZ bedeckt.

Bad Belziger Bürgerlichkeit

Ein Transporter eines Malerbetriebs steht vor dem Finanzamt Waiblingen. Robert Schupp (zuletzt „Club der roten Bänder“) steigt mit einem kleinen Jungen aus dem Wagen. Eine letzte Besprechung, bevor es für die beiden zu großen Vorhaben durch das Treppenhaus in das Büro der Dachetage geht. Die Szene wirkt mit dem Wagen und der adrett gekleideten Passanten wie aus einer vergangenen Zeit.

„Wir brauchten kein großes, zehnstöckiges Gebäude, sondern etwas, das bürgerlich aussieht, wie das Rathaus hier“, erklärt ein Mitarbeiter des Filmteams im Dachbüro die Wahl des Drehortes. Das historische Rathaus mit seinem Turm und der über das Dach ragenden Fassade eignet sich dafür offensichtlich gut.

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Den Bürgermeister, also den echten Roland Leisegang, freut das Interesse der Filmproduktion an Bad Belzig: „Wir haben dadurch keinen großen Imagegewinn, aber es freut uns, dass wir eine so schöne Innenstadt und ein passendes Büro haben, dass wir als Kulisse infrage kommen“, sagt er.

Einschränkungen durch den Filmdreh

Am Montag vor Ostern liege der Filmdreh in einer guten Zeit, sagt Leisegang. „Wir haben es so gelegt, dass wir möglichst wenig beeinflusst werden. Es ist ohnehin eine kurze Woche und die Kollegin, der das Büro gehört, ist auch im Urlaub“, erklärt er.

Vor dem Rathaus wird der Verkehr in Intervallen, in denen die Szene vor dem Rathaus gedreht wird, kurz angehalten. Ein wirklich ernst zu nehmender Stau bildet sich nicht. Auch die Anwohner, die zu den Geschäften am Markt wollen, können sich frei bewegen. Einige Parkplätze und Straßen sind dennoch gesperrt.

Arbeitsbereiche des Filmteams

Eine Frau sitzt auf einer Bank und schaut sich das Gewusel der Filmcrew an. „Es ist erstaunlich, wie viel hier drum herum ist und dass alle Abteilungen getrennt sind“, sagt sie. Sie ist Optikerin und am Filmset, um David Kross die Kontaktlinsen einzusetzen, falls er es nicht alleine schafft.

Ein anderer Mitarbeiter trägt einen Rucksack, aus dem ein langer weißer Stab ragt. „Das ist ein Repeater, also ein Funkverstärker“, erklärt er. Salopp gesagt, ist es sein Job eine wandelnde Antenne zu sein. Er lacht. Die Kommunikation steht.

Netflix investiert in Europa

„Egal, mit wem man spricht“, sagt die Optikerin am Set, „alle sind froh bei Netflix zu sein“. Sie war schon bei der erfolgreichen Thrillerserie und gleichzeitig ersten deutschen Netflix-Serie „Dark“ bei den Dreharbeiten tätig. Diese bekommt nun auch eine zweite Staffel.

Die Produktion von „Betongold“ ist Teil einer größeren Europaoffensive von Netflix. 2019 will der Streamingdienst allein in Deutschland drei Internetfilme und fünf Serien produzieren. Darunter der Film „Freaks“ von Felix Binder über Psychopharmaka, die post-apokalyptische Serie von Philip Koch „Tribes of Europa 2070“ sowie die Serie „Untitled Christmas“ von Katharina Eyssen über die Entdeckung der Geheimnisse von vier Frauengenerationen.

Von Jan Russezki

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