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Zeugnis-Geschichten aus Rietzer Museum

Treuenbrietzen Zeugnis-Geschichten aus Rietzer Museum

Für die Schüler im Hohen Fläming endet mit der heutigen Zeugnisausgabe ein anstrengendes Schuljahr – doch für die Kinder, die vor 70 Jahren zur Schule gingen, begann mit der Ferienzeit keinesfalls die große Erholungsphase. Sie mussten auf den Feldern arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen. Das war noch nicht alles.

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Waltraud Repolusk leitet das Schulmuseum im Treuenbrietzener Ortsteil Rietz. Und weiß viel über alte Zeugnisse zu erzählen.

Quelle: Andreas Koska

Rietz. Die Schüler im Hohen Fläming werden heute mit dem einen Schreiben in der Hand nach Hause kommen, das über Glück und Unglück in den Ferien entscheiden kann: Es ist Zeugnistag in Brandenburg. Mehr als 17 000 Schulkinder gibt es im Landkreis, rund 670 „Giftblätter“ hat allein Bernd Hering unterschrieben. Der kommissarische Leiter des Bad Belziger Fläming-Gymnasiums ist von großen Geschenken für gute Noten nicht begeistert. „Ich finde es schöner, wenn die Eltern mit ihren Kindern einfach ein Eis essen gehen“, sagt der Pädagoge.

Von Belohnungen, einem erhöhten Taschengeld oder gar großen Ferienreisen an die Ostsee oder nach Mallorca haben Ernst Höhne und Ingeborg Schubotz im Sommer vor 70 Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt. Zwar warteten die Eltern zu hause auf die Schüler, doch nicht, um gute Schulleistungen zu honorieren.

„Ferien brachte für die Kinder damals nicht Lob und Erholung, sondern eine Menge Arbeit“, weiß Waltraud Repolusk, Leiterin des Schulmuseums im Treuenbrietzener Ortsteil Rietz, aus eigener Erfahrung. Die meisten auf dem Dorf betrieben Landwirtschaft, jede helfende Hand wurde gebraucht. Gerade kurz nach Kriegsende gab es neben der Familie auch viele geflüchtete Menschen zu ernähren, der Hunger war groß.

Das Schulmuseum zu Rietz

Die Idee, im Treuenbrietzener Ortsteil Rietz ein Schulmuseum einzurichten, kam ehemaligen Schülern der Einschulungsjahrgänge 1950 bis 1950 bei einem treffen vor mehr als 15 Jahren.

Aus erhaltenen Originalschulbänken, Arbeits- und Unterrichtsmaterialien sowie vielen persönlichen Erinnerungsstücken ließen vier frühere Schülerinnen ein Klassenzimmer entstehen.

Griffel, Schiefertafel, Ranzen und Nadelarbeitsmaterial können im Museum ausprobiert werden – natürlich auf harten Bänken sitzend.

Das Schulmuseum befindet sich im Rietzer Gemeindehaus. Es ist nach Absprache geöffnet.

Repolsuk kennt sich mit der Geschichte des Fläminger Schulwesens aus. Deshalb kennt die Museumsleiterin das Zeugnis, das Ingeborg Schubotz im Jahr 1946 als Heranwachsende bekam, auch ganz genau: es hängt im vor 15 Jahren gegründeten Museum. Und es konnte sich durchaus sehen lassen. Obwohl Ingeborg schon als Backfisch, wie weibliche Teenager damals genannt wurden, immer vor sich hin trällerte und später im Rietzer Chor kräftig mitsang, war ausgerechnet die Musiknote die schlechteste im Abgangszeugnis der achten Klasse.

Die 15-Jährige glänzte dafür in den anderen Fächern. Einsen in Deutsch, Rechnen und Raumlehre – heute unter dem Namen Geometrie ein Schülerschreck. In allen anderen Fächern wurde sie gut bewertet. „Vielleicht lag die vergleichsweise schlechte Benotung in Musik am Lehrer“, vermutet Repolusk. Dieser war nicht lange im Ort, er soll Wehrmachtsoffizier gewesen sein. Mit Ingeborg Schubotz drückte der spätere LPG-Vorsitzende Ernst Höhne die Schulbank. Auch sein Zeugnis ist im Rietzer Museum zu besichtigen.

Bernd Hering hatte im Fläming-Gymnasium viel zu tun

Bernd Hering hatte im Fläming-Gymnasium viel zu tun.

Quelle: Andreas Koska

Außer im Turnen glänzte Höhne in allen Fächern mit einem „sehr gut“, im Sport reichte es jedoch nur für ein „gut“. „Er war wohl etwas bequem“, lächelt Repolusk, die selbst pensionierte Lehrerin ist. Auf dieses Zeugnis achten die jungen Besucher immer ganz genau, denn daneben ist ein Einschulungsfoto von Höhnes Sohn Karsten zu sehen. Er ist, vielleicht auch den guten Schulnoten des Vaters verpflichtet, der Schule treu geblieben und leitet heute die Albert-Schweitzer-Grundschule in der Sabinchenstadt Treuenbrietzen. Er gehörte zum letzten Jahrgang, der in der bis 1965 bestehenden Rietzer Dorfschule aufgenommen worden ist.

Die Schülerin Waltraud Schmollack hingegen besuchte die Schule in den 1950ern. Auch ihre Noten waren ausgezeichnet. zudem wird in ihrem Zeugnis betont, dass sie sich rege am Unterricht beteiligt habe und eine sehr gewissenhafte Schülerin gewesen sei. Mehr Lob geht wohl nicht.

Viele der Schüler von heute würden sich einen solchen Notenspiegel wünschen, wenn sie in die Ferien entlassen werden. Das weiß auch der kommissarische Schulleiter des Fläming-Gymnasiums in Bad Belzig, Bernd Hering. „Dennoch möchte ich betonen, dass auch weniger gute Zeugnisse immer gute Aspekte haben“, sagt der Pädagoge, “Und mit denen sollte man anfangen zu arbeiten.“ Er findet es wichtig, den schlechteren Schülern ihre Möglichkeiten aufzuzeigen und perspektivisch in die Zukunft zu sehen. Denn dass auch leistungsschwächeren Schülern auch etwas werden kann, ist nur eine der Lektionen, die es im Rietzer Schulmuseum zu lernen gibt.

Von Andreas Koska

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