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Beelitz „Ich lasse meinen Wald nicht vergiften“
Lokales Potsdam-Mittelmark Beelitz „Ich lasse meinen Wald nicht vergiften“
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20:25 27.03.2019
Waldbesitzer Karl Tempel will es nicht zulassen, dass auch sein Wald mit besprüht wird. Quelle: Jens Steglich
Potsdam-Mittelmark

Der Landesforstbetrieb plant einen Großeinsatz zur Bekämpfung von Baumschädlingen und will mit Hubschraubern Wälder in der Region flächendeckend mit einem Insektizid besprühen. Bekämpft werden soll vor allem die Nonne, ein Kiefernschädling, der sich stark vermehrt habe. Hubertus Kraut, Direktor des Landesforstbetriebes, spricht von einer „ultima ratio“, um Schäden zu verhindern, „die größer sind als das, was die Waldbrände im vergangenem Jahr angerichtet haben“. 8000 bis 9000 Hektar Wald sind in den Landkreisen Potsdam-Mittelmark und Teltow-Fläming vom Nonnenbefall und den Sprühmaßnahmen betroffen, sagt Michael Kopka, der den Einsatz leiten wird.

Ein großes Waldgebiet zwischen Beelitz, Borkheide, Borkwalde und Reesdorf soll voraussichtlich Anfang Mai aus der Luft besprüht werden. Dort hat auch Karl Tempel seinen Wald. Der private Waldbesitzer, der mit großer Leidenschaft seinen Forst auch mit Fördermitteln des Landes in einen Mischwald umbaut, will sich mit allen Mitteln gegen die Besprühung seines 80 Hektar großen Areals wehren und erwägt auch eine Strafanzeige gegen den Landesforstbetrieb.

„Nach der Besprühung ist für zwei, drei Monate Totenstille im Wald“

Den Wald und dessen Bewohner sieht er nicht durch die Nonne bedroht, sondern durch das InsektizidKarate Forst flüssig“, das zum Einsatz kommen soll. Das Mittel bekämpfe nicht nur die Nonne, es töte auch andere Insekten. „Die Vögel verschwinden. Nach der Besprühung herrscht für zwei bis drei Monate Totenstille im Wald, bevor er sich wieder regeneriert“, sagt er. Den Landesförstern wirft er vor, gegen Naturschutzrecht zu verstoßen, weil auch Nützlinge und geschützte Arten wie die Rote Waldameise mit besprüht und getötet werden. „Ich lasse meinen Wald nicht vergiften“, sagt Tempel, der bestreitet, dass seine Flächen von starkem Nonnenbefall betroffen sind. „Ich kenne meinen Wald besser als jeder Landesförster und Verbandsfunktionär.“

In seinem Wald in der Busendorfer Heide bei Beelitz setzt er seit Jahren auf natürliche Schädlingsbekämpfung. Er hat mit Nistkästen und Nisthöhlen Fledermäuse, Blau- und Kohlmeisen und andere Vögel angelockt. Sie hätten keine Probleme damit, die Nonnen zu fangen, zu verspeisen und an ihre Jungen zu verfüttern. „Sie machen das gezielt und ohne Lärm, preiswert und auf eine Weise, die für alle anderen Waldtiere und Menschen nicht schädlich ist“, sagt er und fügt hinzu: „Die Vögel, die ich angelockt habe, die haben keine Lobby. Die kann ich jetzt nicht im Stich lassen und davonlaufen.“

Tempels Wald ist auch ein Sanatorium für Bienen

Der Wald von Karl Tempel ist auch ein Sanatorium für Bienen. Ein Berliner Imker, dessen Flugbienen laut Tempel mit Pflanzenschutzmitteln auf Brandenburger Feldern schwer zu kämpfen hatten, stellt zeitweise bis zu 50 Völker in den Tempelwald. Sie sollen sich dort erholen. Als Nebenprodukt entsteht Waldhonig von den „Busendorfer Bienen“. Der Imker hat seine Bienen auf Anraten Tempels abgezogen, der wie andere Waldbesitzer per Brief von der geplanten Sprühaktion informiert wurde. Er sieht darin auch eine Gefahr für die geschützten Roten Waldameisen, die in seinem Wald Zuflucht gefunden haben. „Ihre Ameisenhaufen standen Bauvorhaben im Weg und wurden von einem Ameisenschutzwart hierher umgesiedelt“, sagt Tempel. „Das ist biologische Vielfalt, die mit ’Karate Forst’ kaputt gemacht wird. Und ich soll das auch noch bezahlen.“

Private Waldbesitzer sollen mit 85 Euro pro Hektar an den Kosten der Schädlingsbekämpfung aus der Luft beteiligt werden. „Ich stecke das Geld lieber in den Waldumbau“, sagt Tempel, der glaubt, dass hier sprichwörtlich „mit der Dicken Bertha auf kleine Spatzen geschossen wird“. Dass seine Forstflächen als „nonnengeschädigt“ eingestuft wurden, ist für ihn „eine Diffamierung und Abqualifizierung meines Waldes“. Er sieht durch den Sprüh-Einsatz seine Arbeit in Gefahr und nennt es ein Unding, „wenn Minister Vogelsänger ein Insektenschutzprogramm aufstellen will und dann in Brandenburger Wäldern Insektizide versprüht werden“.

„Das ist eine Sondersituation, hier geht es um Gefahrenabwehr“

Landesforstdirektor Hubertus Kraut weist den Vorwurf zurück, es würden leichtfertig Insektizide eingesetzt. „Das ist eine Sondersituation, hier geht es um Gefahrenabwehr“, so Kraut. Er verweist auf ein Monitoring, bei dem der Schädlingsbefall von Wäldern untersucht wurde. Das aktuelle Monitoring laufe seit 2018, sagt Einsatzleiter Michael Kopke. „Normalerweise neigt die Nonne alle zehn Jahre zur Massenvermehrung.“ Dass 2018/2019 schon wieder verstärkter Nonnenbefall festgestellt wurde, damit hätte keiner gerechnet. Kopke spricht von einer „Gefährdungsziffer“, bei der Kiefernwäldern Kahlfraß drohe. „Der milde Winter hat uns überhaupt nicht geholfen.“ Der Einsatz werde flächendeckend sein. „Wir können keinen Flickenteppich behandeln, einzelne Bestände, die nicht gefährdet sind oder auf denen Laubwald steht, kann man aber herausnehmen“, so der Einsatzleiter.

Das Insektizid soll per Hubschrauber versprüht werden. Quelle: dpa-Zentralbild

„Bei diesem Thema sitzen wir zwischen Baum und Borke“, räumt Jens-Uwe Schade ein, Sprecher des Brandenburger Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums. „Die Alternative aber kann der Totalverlust der Waldfläche sein“, sagt Schade, der klarstellen will: „Förster neigen nicht zur chemischen Keule.“ Karl Tempel prophezeit dem Landesforstbetrieb und dem Ministerium indes ein PR-Desaster, wenn sie flächendeckend sprühen sollten und das in der Brutzeit.

Laut Kopke muss gesprüht werden, wenn die Raupen der Nonne geschlüpft sind und in großer Zahl zum Fressen in die Baumkronen wandern. Nach dem Sprühen ist der betroffene Wald für zwei Tage für Menschen gesperrt. Das Sammeln von Waldfrüchten und Kräutern ist für drei Wochen untersagt, sagt Kopke. „Es werden an allen Wegen Schilder aufgestellt, die darauf hinweisen.“

Es gelten strenge Auflagen

Laut Einsatzleiter Michael Kopke gingen den Planungen zum Sprüheinsatz Überwachungen in mehreren Stufen voraus. Dabei wurde die Stärke der Schädlingspopulationen und die ihrer natürlichen Gegenspieler untersucht.

Den größten Schädlingsbefall gebe es auf 8000 bis 9000 Hektar Wald in den Landkreisen Potsdam-Mittelmark und Teltow-Fläming, die nun mit dem schnell wirkenden InsektizidKarate Forst flüssig“ behandelt werden sollen. Betroffen sind auch die Wälder vieler privater Waldbesitzer.

Für die Sprüheinsätze gelten strenge Auflagen, sagt der Einsatzleiter. Zu Gewässern müssen zum Beispiel 125 Meter, zu Wohnbebauung etwa 40 Meter Abstand gehalten werden. „Die Hubschrauber sind mit abdriftmindernden Düsen ausgestattet, bei Wind über fünf Meter pro Sekunde darf nicht geflogen werden.“

Von Jens Steglich

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