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Biker, 34, Punkbandmitglied – und Ortschronist

Johannes Nest aus Langerwisch Biker, 34, Punkbandmitglied – und Ortschronist

Einen Heimatforscher stellt man sich eher nicht wie Johannes Nest vor. Dass der junge Ortschronist von Langerwisch sich für die Geschichte seiner Heimat begeistert, hat mit einer Art freischaffendem Spion zu tun, der 1928 in die NSDAP eintrat, aber für den sowjetischen Geheimdienst arbeitete. In Nests persönlicher Zukunft spielen „The toten Crackhuren im Kofferraum“ eine Rolle.

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Kontraste: Johannes Nest auf seiner Kawasaki mit der Chronik Langerwischs, die er zum 725-jährigen Bestehen des Ortes geschrieben hat.

Quelle: Jens Steglich

Langerwisch. Es gibt viele Vorstellungen, die man von einem Ortschronisten haben kann. Dass er im Keller eine Kawasaki stehen hat, Motorradrennen auf Rennpisten wie in Brünn (Tschechien) fuhr und Gitarrist der genialen Band „Jacke wie Hose“ ist, gehört nicht zu den Bildern, die einem da zuerst in den Kopf kommen. Kein Zweifel: Langerwischs Ortschronist Johannes Nest, von dem hier die Rede ist, würde bei einem Chronistentreffen auffallen wie ein bunter Hund unter ein- bis zweifarbigen Vierbeinern. Und doch ist der jüngste Heimatforscher der Gemeinde Michendorf auch ein Chronist wie er im Buche steht. Einer, der vergilbte Dokumente und alte Bilder staunend wie Schätze ansieht und sich freut, wenn die 2002 durch einen Sturm zerstörte Bockwindmühle mit Flügeln und völlig intakt auf einem historischen Bild auftaucht, das jemand in seiner Fotosammlung gefunden hat.

„Wenn man einmal drin ist, ist es eine Sucht“, sagt der 34-Jährige. Für ihn sind es kleine Sensationen, wenn er im Alten auf Neues, noch Ungehörtes stößt. Die Leidenschaft kann man nachvollziehen, wenn er zum Beispiel von seiner jüngsten Entdeckung erzählt. Es ist ein Fall, bei dem die kleine Ortsgeschichte mit der großen Weltgeschichte in Berührung kommt. Es geht um einen Spion, der für den sowjetischen Geheimdienst NKWD die Nazis noch vor deren Machtergreifung auskundschaftete und später zufällig auf dem alten Friedhof in Langerwisch landete. Der alte Friedhof, auf dem zuletzt 1970 Emma Aland beerdigt wurde, befand sich hinter der Fleischerei Woite. Als Bauarbeiter den Gehweg in dem Bereich erneuerten, stießen sie auf Friedhofsskelette. Das war der Auslöser für Johannes Nest, die Unterlagen seiner Tante Carla Krüger durchzuschauen, die aufgeschrieben hatte, wer auf dem Friedhof begraben wurde. „Es standen alles ganz normale Namen drauf, einer aber stach heraus“, erzählt er.

Auf der Friedhofsliste findet sich Kurt Possanner von Ehrenthal, der einem österreichischen Adelsgeschlecht entstammte. „Er war so etwas wie ein freischaffender Spion, der 1928 in die NSDAP eintrat, aber für den sowjetischen Geheimdienst arbeitete“, so Nest. Der Agent schaffte es bis zum Abteilungsleiter im Braunen Haus in München, der Parteizentrale der NSDAP, lieferte Interna aus der Partei und soll zwischenzeitlich ein Vertrauensmann von Heinrich Himmler gewesen sein. Ein Rivale verdrängte ihn aus dem Braunen Haus, der Österreicher ging nach Berlin, versuchte dort, Quellen zu gewinnen, wurde aber enttarnt. Der aufgeflogene Agent sollte 1933 nach Österreich abgeschoben werden. „Die Leute, die ihn überführen sollten, haben ihn auf dem Weg dorthin aber am 15. März 1933 in Langerwisch erschossen.“ Zwei Langerwischer wussten davon, sagt Nest, der seit 2008 Ortschronist ist.

Damals fuhr er mit seiner Kawasaki ZX-7R noch Rennen in Brünn oder auf dem Lausitzring. Die Motorradrennen sind inzwischen Geschichte. „Man wird mit der Zeit vernünftig“, sagt Nest.

Ein bisschen krachen lässt er es aber heute noch – bei der Band „Jacke wie Hose“, in der vier Bewohner und zwei Betreuer der Behinderteneinrichtung des Michendorfer Norberthauses spielen. Nest ist dort hauptberuflich pädagogischer Betreuer, sein Arbeitgeber ist der Deutsche Orden. Die Band, die früher auf Sommerfesten auftrat und deren Liedsänger jede Woche spielen müssen, um die Texte nicht zu vergessen, wird inzwischen für Punk-Konzerte gebucht. „Im Dezember haben wir in Halle einen Auftritt mit den ’Toten Crackhuren im Kofferraum’“, erzählt Nest. So heißt eine Frauen-Punkband. Die Michendorfer Band könnte bald überegional bekannt werden. Ein Filmemacher hat die Gruppe begleitet, die bei Festen und Festivals das Buffet immer vorzeitig plündert. Entstanden ist ein Kinofilm. „Was rockt hier?“, heißt der Streifen – benannt nach einem Song dieser besonderen Band. „Der Filmemacher fand uns so gut, dass er inzwischen bei uns Schlagzeug spielt.“

Von Jens Steglich

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