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Heimtückische Krankheit

Potsdam-Mittelmark registrierte brandenburgweit die meisten Borreliose-Fälle Heimtückische Krankheit

Während brandenburgweit die Zahl der Borreliose-Fälle 2014 leicht zurückgegangen ist, stieg sie im Kreis Potsdam-Mittelmark an. Was die von Zecken übertragene Erkrankung für Folgen haben kann, weiß der Potsdamer Konrad Winkler. Vor mehr als 30 Jahren stach ihn eine Zecke.

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Nicht leicht zu entdecken: Zecken.

Quelle: dpa

Potsdam-Mittelmark. Der Potsdamer Konrad Winkler weiß aus eigener Erfahrung, was die von Zecken übertragene Borreliose-Erkrankung für Folgen haben kann.

MAZ: Wissen Sie noch, wie Sie sich den Zeckenbiss eingefangen haben?

Konrad Winkler: Es heißt Zeckenstich. Eine Zecke hat Stechwerkzeuge, sie beißt nicht. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ich habe überhaupt nicht bemerkt, dass ich von einer Zecke gestochen wurde. Eine Zecke durchläuft ja drei Stadien als Nymphe, Larve und als ausgewachsene Zecke. In jedem Stadium braucht sie eine Blutmahlzeit, also einen Wirt. Als Nymphe ist sie so klein, dass man sie kaum erkennt.

Sie haben auch nicht gemerkt, dass sich Schlimmes anbahnt?

Winkler: In den 1980er Jahren setzten Gelenk- und Muskelschmerzen ein. Vor allem die Kniegelenke schmerzten. Ich konnte nur noch schwer laufen. Ich muss mir den Zeckenstich 1982/83 geholt haben. 1998 kam es dann auf Arbeit zum Zusammenbruch. Der Körper hat gestreikt, das Immunsystem schaffte es nicht mehr, die Borreliose-Bakterien zu bekämpfen. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich Borreliose gar nicht.

Ihre Ärzte offenbar auch nicht.

Winkler: Nach meinem Zusammenbruch 1998 hat meine Hausärztin eine Blutuntersuchung gemacht und nach zwei Tagen zu mir gesagt: Sie haben Borreliose! Davor haben Ärzte mir über Jahre erzählt: "Sie sind überlastet, sie müssen weniger arbeiten."

Ist das Tückische an der Krankheit, dass sie so vielfältige, schwer einordbare Symptome hat?

Winkler: Es war und ist ein Mangel im Gesundheitswesen, dass diese Krankheit oft nicht richtig erkannt wird. Leute, die zum Arzt gehen und von Borreliose reden, landen mitunter in einer Schublade und werden zum Teil als Simulanten angesehen. Sie bekommen dann nicht die richtige Diagnose und nicht die richtige Therapie, was verheerende Folgen haben kann.

Wie hat der Zeckenstich Ihr Leben verändert?

Winkler: Mein Leben hat sich total verändert. 1998 brach die Krankheit richtig aus und 2000 bin ich verrentet worden. Seitdem bekomme ich eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Ich arbeitete vorher in der Wohnungswirtschaft. Das war dann vorbei. Ich hatte Fieberschübe, offene Unterbeine, war erschöpft, konnte nicht mehr schlafen und bekam Entzündungen in den Kniegelenken. Zwischenzeitlich saß ich im Rollstuhl. Mit so einer Krankheit verlieren sie auch Freunde und den sozialen Status. Man kann es den Leuten auch gar nicht erklären, was man für Schmerzen hat. In einer solchen Lage kommen depressive Phasen hinzu. Das Problem war auch, dass man Schmerzlinderung brauchte. Bis vor fünf Jahren habe ich täglich Tabletten geschluckt.

Wie geht es Ihnen heute?

Winkler: Ich bin nicht geheilt, Borreliose-Bakterien sind noch in mir. Aber ich habe einen Zustand erreicht, wo ich sage: Ich kann mit der Krankheit umgehen. Ich mache viele Therapien, um den Körper aktiv zu halten und den Schmerz zu lindern. Wassergymnastik und Radfahren etwa. Ich bin zufrieden, dass ich wieder aufs Rad steigen kann. Ich versuche, das Beste draus zu machen. Man muss immer an sich arbeiten, ohne Bewegung können sie es vergessen. Meine Erkenntnis ist: Wenn das Immunsystem wieder stabil ist, können auch wieder Selbstheilungskräfte aktiviert werden.

Sie haben in Potsdam eine Selbsthilfegruppe gegründet. Warum?

Winkler: Wir wollen über Borreliose aufklären, damit Betroffene so eine Odyssee nicht durchmachen müssen. Wir geben Erfahrungen weiter, empfehlen zum Beispiel Ärzte, die sich auskennen.

Interview: Jens Steglich

ZECKENHOCHBURG

Im Kreis Potsdam-Mittelmark sind im vergangenen Jahr die meisten Borreliose-Fälle im Land Brandenburg registriert worden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden 183 Neuerkrankungen gemeldet. Besonders betroffen waren auch die Landkreise Oberhavel (160 Fälle) und Barnim (143). Insgesamt meldeten die Kreise und Städte im Land 1548 Fälle und damit 23 weniger als 2013.
In Potsdam-Mittelmark stieg die Zahl hingegen von 134 Fällen im vergangenen Jahr auf nun 183. Eine Erklärung für den Zuwachs hat Mittelmarks Amtsärztin Karen Brinkmann nicht. Sie verweist darauf, dass sich die Betroffenen den Zeckenstich auch in Bayern oder anderswo geholt haben können. „Wandern ist ein großer Volkssport geworden. Vielleicht waren mehr Mittelmärker in den südlichen Risikogebieten Bayern oder Thüringen wandern“, sagte sie. Zudem seien die Leute sensibler geworden und würden nach einem Zeckenstich eher zum Arzt gehen.Die Dunkelziffer schätzt sie trotzdem noch als deutlich höher ein.
Wenn sich ein rötlicher Fleck um den Zeckenstich bildet, sollte man auf jeden Fall zum Arzt gehen, rät Karen Brinkmann. Das Tückische an der Krankheit sei, dass sie verschiedene Organe befallen kann und unbehandelt sich die Folgen mitunter erst Monate oder Jahre nach einem Zeckenstich zeigen.
Wird Borreliose nicht behandelt , kann dies etwa bis zu Herzmuskelerkrankungen und Lähmungen führen. „Das sind zwar Ausnahmefälle, aber es kann passieren“, so die Amtsärztin. Meist könne die Krankheit aber gut mit Antibiotika bekämpft werden.

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