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Brandenburgs Geschichte auf dem Prüfstand

Görzke Brandenburgs Geschichte auf dem Prüfstand

Görzke ist ein beschaulicher Ort. Früher aber war er eine bedeutende Stadt – mit eigener Gerichtsbarkeit und Münzrecht. Urkunden belegen: Görzke hatte die Bedeutung heutiger Großstädte wie Berlin. Trotzdem ist der Töpferort im Kontext Mittelalter kaum erforscht. Wissenschaftler wollen das ändern, denn Görzke bietet eine seltene, wenn nicht einmalige Möglichkeit.

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Die Geophysik-Studenten Malte Metz (l.) und Henning Lilienkamp nahmen in Görzke Messungen geoelektrische Messungen vor.

Quelle: Christin Iffert

Görzke. Florian Dorgerloh schiebt ein gelbes Gefährt entlang des Burgwalls in Görzke. Es wirkt fast, als bediene er ein Mondgerät. „Das ist ein EM 38“, sagt der Geophysik-Student aus Potsdam. Währenddessen erzeugt das Elektrostimulationsgerät ein Magnetfeld im Boden. Je leitfähiger der Untergrund ist, desto stärker wird das Magnetfeld. Umgewandelt werden die Daten in grafische Darstellungen. Sie zeigen, was sich im Boden befindet. „Möglichst zerstörungsfrei“, merkt Jens Tronicke an. Der Professor am Institut für Erd- und Umweltwissenschaften leitet die geophysikalischen Untersuchungen.

Gemeinsam mit dem Archäologen Felix Biermann von der Universität Greifswald suchen sie nach einer mittelalterlichen Burg der Christen, die unweit des slawischen Burgwall existiert haben soll. „Womöglich stehen wir am Anfang eines sehr interessanten Projektes“, sagt Biermann. Denn der Töpferort Görzke, der einst eine bedeutende Stadt mit eigener Gerichtsbarkeit und Münzrecht war, könnte präzise Aufschlüsse über die Veränderung der Kulturlandschaft in Brandenburg zur Zeit des Mittelalters geben.

Görzke hat viele Spuren, aber keine klaren Erkenntnisse

In Archiven findet sich viel zur Geschichte des Ortes. Trotz allem ist Görzke bisher kaum erforscht worden. „Obwohl es eine erhebliche Archäologie gibt, die während der Erschließung nach der Wende zu Tage befördert wurde, hat die Daten noch niemand umfassend ausgearbeitet“, erklärt der Leiter des Museums für brandenburgische Kirchen- und Kulturgeschichte des Mittelalters in Ziesar, Clemens Bergstedt. Es gebe Mutmaßungen, kaum Fakten. Da Bergstedt schon länger den Wunsch hat, das Leben im Mittelalter sichtbarer werden zu lassen, suchte er Kontakt zum Landesamt für Denkmalpflege und zu den beiden Wissenschaftlern. So stieß er das Projekt an.

Florian Dorgerloh erzeugt mit diesem Gerät ein Magnetfeld im Boden

Florian Dorgerloh erzeugt mit diesem Gerät ein Magnetfeld im Boden.

Quelle: Christin Iffert

Görzke ist ein gepflegter Ort. Ein niedliches Haus reiht sich heute ans nächste. Zwischendrin gibt es Einkaufsmöglichkeiten und am Rande liegt fast malerisch eine kleine Kirche. Unweit davon liegt der Burgwall, der im 10. Jahrhundert entstand. „Vielleicht einer der schönsten in ganz Brandenburg“, meint Felix Biermann. Dass die Region von Slawen im 10. Jahrhundert bevölkert war, ist unbestritten. Im Zuge der Christianisierung besiedelten unter anderem Flamen die Region. „Gemeinsam mit den Slawen entstand eine Kulturlandschaft“, skizziert Bergstedt. Die Slawen wurden nicht vertrieben, sondern integriert – eigene Traditionen und Sprache gaben sie nach und nach auf. „Wir haben hier eine Metamorphose aus einer slawischen Zeit in die Frühdeutsche.“

Neben dem Burgwall gab es eine zweite Burg

Archäologe Felix Biermann von der Universität Greifswald möchte Görzke erforschen

Archäologe Felix Biermann von der Universität Greifswald möchte Görzke erforschen.

Quelle: Christin Iffert

Felix Biermann, der Experte für Mittelalter-Burgen, möchte genau dort ansetzen. Am Beispiel Görzke ist es möglich, diese Zeit detailliert an einem Ort nachzuzeichnen. Denn mit der Besiedlung wurde die zweite Burg errichtet.

Was es mit der Befestigung auf sich hatte und wie die Burg aussah, sollen nun die Geophysiker in einem ersten Schritt ermitteln. „Grabungen sind aufwendig, deshalb versuchen wir mit unterschiedlichen Messverfahren vorher zu erkennen, wo die Archäologen ansetzen sollten“, sagt Tronicke.

Geophysiker Jens Tronicke von der Universität Potsdam leitet die Messungen im Rahmen eines Praxisprojekts der Masterstudenten

Geophysiker Jens Tronicke von der Universität Potsdam leitet die Messungen im Rahmen eines Praxisprojekts der Masterstudenten.

Quelle: Christin Iffert

Während der Professor die Messungen erklärt, stecken die Masterstudenten Malte Metz und Henning Lilienkamp Stahlstäbe in den Boden einer Grünfläche – wenige hundert Meter von der Ortskirche entfernt. Nach und nach werden sie mit Strom versorgt und zwingen dem Untergrund ein Stromnetz auf. „Widerstände zeigen, welche Materialien unter der Erde zu finden sind“, weiß der Geophysiker.

Stand hier eine Motte mit beachtlichen Ausmaßen?

Felix Biermann kann indes zu der vermuteten Burg schon einige Aussagen treffen. Er verweist an der Messstelle auf einen aufgeschütteten Erdhügel. „Was sich an dieser Stelle zeigt, wäre ganz typisch für eine sogenannte Motte, also eine für das späte Mittelalter charakteristische Burg mit einem Turm auf einer künstlich angelegten Erhebung – und diese Anlage hat mit rund 80 Metern im Durchmesser sehr beachtliche Ausmaße“, sagt er. Auf einer angrenzenden Grünfläche könnte es eine Siedlung gegeben haben, bevor im 13. Jahrhundert die Stadt gegründet wurde. Das würde auch die ungewöhnliche Randlage der Kirche im heutigen Görzke erklären. „Sie nimmt vermutlich Bezug auf eine Kirche, die im Vorgelände des Burgwalls errichtet wurde“, glaubt der Experte. Als sich die Stadt entwickelte, blieb die Kirche an ihrem Ort und dokumentiert die Umbrüche, die sich während des 12. und 13. Jahrhunderts ergaben.

Der aufgeschüttete Erdhügel, glaubt Archäologe Biermann, lässt darauf schließen, dass oben einst eine Burg errichtet wurde

Der aufgeschüttete Erdhügel, glaubt Archäologe Biermann, lässt darauf schließen, dass oben einst eine Burg errichtet wurde.

Quelle: Christin Iffert

Mittelalterexperte Clemens Bergstedt möchte zunächst die Untersuchungen abwarten. Anders als Biermann vermutet der Museumsleiter sie an einer anderen Stelle im Ort.

Görzke wirft allerdings noch weitere Fragen auf, denn laut Forscher Biermann wurde vermutlich im alten Burgwall damals zu einer späteren als der Entstehungszeit ein großes turmartiges Feldsteingebäude errichtet. Kirche und Burg könnten zudem durch einen Damm oder Wall verbunden worden sein.

Noch fehlt der Geldgeber für ein Forschungsprojekt

Welche Details am Ende auch heraus kommen, Görzkes Bürgermeister Jürgen Bartlog sieht sie als Chance. Einerseits arbeiten sie Geschichte auf, andererseits seien sie gerade deshalb für Touristen interessant. Bartlog ist selbst Heimatforscher und hofft, dass die Akten schon bald konkrete Substanz bekommen.

Detaillierte Ergebnisse können jedoch erst Ausgrabungen bringen, die nur durch ein finanziertes Forschungsprojekt möglich wären. Felix Biermann ist optimistisch, denn „das Potenzial ist gegeben.“ Die Auswertungen des Potsdamer Forschungsteams könnten den Weg dazu ebnen.

Von Christin Iffert

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