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Brandenburgs Wölfe breiten sich weiter aus

Tote Kälber bei Beelitz Brandenburgs Wölfe breiten sich weiter aus

Wölfe nehmen in Brandenburg immer mehr Raum ein, vor allem im Landkreis Potsdam-Mittelmark . Zwei getötete Kälber auf einer Weide bei Beelitz alarmiert die Landwirte nun auch in jenen Gebieten, in denen Wolfsangriffe bisher nicht oder kaum vorgekommen sind. Kreisbauernchef Jens Schreinicke glaubt, den Grund zu kennen.

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Der Urahn des Hundes ist zurück: Die ersten Wölfe sollen zwischen 2008 und 2009 im Landkreis Potsdam-Mittelmark aufgetaucht sein.

Quelle: dpa

Potsdam-Land. Sie kamen nachts und haben vom Kalb nicht viel übrig gelassen. „Wir hatten gerade die Ohrmarken angebracht, am nächsten Tag war es tot“, sagt Jürgen Frenzel. Es ist das zweite Kalb innerhalb kurzer Zeit, das der Landwirt der Agrar GbR Wittbrietzen verloren hat. Am 11. und 24. März fand er auf der Weide das, was von den Kälbern liegen blieb.

Nach dem ersten Angriff wurden Kadaverreste zur Untersuchung eingeschickt. „Das Riss- und Nutzungsmuster entspricht dabei einem Riss durch größere Karnivoren (Wolf bzw. großer Hund)“, heißt es im Untersuchungsbericht. Karnivoren sind Fleischfresser.

Dass in dem Bericht auch von großen Hunden die Rede ist, regt Frenzel auf. „Es waren Wölfe“, ist er sich sicher. Beim zweiten gerissenen Kalb habe auch der hinzugerufene Wolfsbeauftragte nicht mehr daran gezweifelt.

Schreinicke: Wölfe finden nicht genug Nahrung

Die getöteten Kälber standen auf einer Weide bei Beelitz und sind damit für Mittelmarks Kreisbauernchef Jens Schreinicke ein Indiz, dass die Wölfe die Gebiete für ihre Nahrungssuche ausweiten. Seine These: In den angestammten Wolfsrevieren auf den Truppenübungsplätzen etwa bei Lehnin ist der Wildtierbestand inzwischen so dezimiert, dass die Wölfe dort nicht mehr genug Nahrung finden.

Wölfe als Konkurrenz für die Jäger

Sein Vater betreibt einen Wildtierhandel. „Bis vor drei Jahren hat er im Herbst nach Treibjagden immer 100 bis 120 Stück Damwild von den Jägern bekommen. Die vergangenen beiden Jahren bekam er aus dem Lehniner Revier gar nichts mehr“, sagt Schreinicke. Wenn auch die Wölfe dort weniger Nahrung finden, „suchen sie anderswo nach Alternativen“, so der Landwirt, der in Stücken eine Mutterkuhherde auf der Weide stehen hat. „Die Einschläge kommen näher“, sagt er und formuliert Grundsätzliches: „Wir wollen den Wolf nicht ausrotten. Wir haben Gebiete, in denen sich Rudel aufhalten können. In den Weidegebieten aber ist kein Platz für den Wolf.“

Schreinicke fordert Wolfsschutzgebiete

Der Vorsitzende des Kreisbauernverbands plädiert für die Einrichtung von Wolfsschutzgebieten. „Sollen sich die Experten Gedanken machen, wie man in diesen Gebieten Wolfspopulationen managt.“ Tiere aber, die diese Areale verlassen, „müssen entnommen werden“, so Schreinicke, der hinzufügt: „Oder man muss den Landwirten sagen: Ihr müsst die naturnahe Weidetierhaltung aufgeben.“ Beides – der Fleischfresser Wolf und naturnahe Weidetierhaltung – vertrage sich nicht.

Das gerissene Kalb aus einer Herde der Agrar GbR Wittbrietzen wurde am 24

Das gerissene Kalb aus einer Herde der Agrar GbR Wittbrietzen wurde am 24. März auf einer Weide bei Beelitz gefunden.

Quelle: Privat

Man könnte die Grundsatzfrage aber auch andersherum so formulieren: Zeigt sich am Umgang mit dem Wolf, ob die Menschen hierzulande noch fähig sind, im Einklang mit der ganzen Vielfalt der Natur zu leben oder können sie unbequeme Tiere nur noch im Zoo ertragen?

Frenzel fordert Regulierung des Wolfsbestandes

Bauern, deren Tiere gerissen wurden, ist freilich nicht nach Philosophieren zumute. „Landwirte wollen kein Tier verlieren“, sagt Frenzel. Sein Betrieb hatte 25 Jahre keine Probleme mit Wölfen – bis zum März 2016. „Das Schlimme ist: Die Wölfe wissen jetzt, wie sie sich ein Kalb holen können. Wenn das nächste Mal der Magen leer ist, werden sie es wieder tun.“ Frenzel fordert eine Aufweichung des „absoluten Schutzstatus“ des Wolfes. „Andere Länder wie Schweden regulieren ihre Wolfsbestände auch.“ Ein optimaler Schutz von Weidetieren sei indes nur „mit Zäunen möglich, die einem Hochsicherheitstrakt gleichkommen und nicht in unser Landschaftsbild passen“, sagt er.

Wölfe in Brandenburg

Nach langer Abwesenheit siedelten sich Wölfe in Deutschland Ende der 1990er Jahre in Sachsen wieder an. Im Jahr 2000 gab es dort erstmals wieder Nachwuchs wildlebender Wölfe.

In Brandenburg siedelte sich ein Wolfspaar 2007 im Südosten an. Das Landesumweltamt geht inzwischen von 100 bis 120 Wölfen aus, die im Land leben (Stand Ende 2015).

Nach Angaben des Umweltamtes sind in Brandenburg seit der Etablierung der Wölfe 158 Schadensfälle an Nutztieren registriert wurden, bei denen ein Wolf als Verursacher ermittelt oder nicht ausgeschlossen werden konnte.

Abschusspläne der Jäger anpassen

Mittelmarks Wolfsbeauftragter Torsten Fritz kann die Sorge der Landwirte verstehen. Und doch sagt er ihnen: „Der Wolf gehört zur heimischen Natur wie Fuchs und Seeadler.“ Nutztierhalter müssten mit ihm leben lernen – so wie die Kollegen in jenen Regionen Europas, in denen der Wolf nie ausgerottet war. „Dafür gibt es Unterstützung vom Land.“ Fritz sagt auch: „Man muss in Wolfsgebieten darauf achten, dass der Bestand an Schalenwild nicht so sehr absinkt, dass Wölfe keine Nahrung mehr finden.“ Dort, wo Wölfe und Jäger jagen, könne das passieren. „Dann müssen die Abschlusspläne der Jäger angepasst werden.“ Laut Fritz stehen auf der Speisekarte der mittelmärkischen Wölfe nach wie vor Rehe an erster Stelle, Damhirsche an zweiter und Wildschweine an dritter Stelle. Das ergaben Untersuchungen der Exkremente von Wölfen. Der prozentuale Anteil der Wildschweine, meist Frischlinge, habe zugenommen.

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Von Jens Steglich

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