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Brücke ins Leben und Reisebüro für Blinde

Kurt Baller schrieb Buch über Geschichte des Potsdamer Sozialwerks Brücke ins Leben und Reisebüro für Blinde

„Wenn es das Sozialwerk Potsdam nicht gebe, müsste man es erfinden“, sagt der Rehbrücker Autor Kurt Baller. Er hat ein Buch über die Geschichte dieses Vereins geschrieben, der sich seit seiner Gründung im September 1990 um Blinde, Sehschwache und Senioren kümmert. Der Autor des Buches ist selbst fast blind.

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Gesangsrunde zum Winzerfest des Sozialwerks 2004: Ingo Gunkel, Kurt Baller, Dirkpeter Schulze, Matthias Platzeck, Reinhard König (v.l.).

Quelle: Potsdamer Sozialwerk

Rehbrücke/Potsdam. Angefangen hat alles mit einem Anruf aus Westberlin. Zehn Tage nach dem Mauerfall im November 1989 klingelt bei Reinhard König, dem damaligen Leiter des Potsdamer Blindenpflegeheims, das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Eberhard Schmidt, Stadtrat in Berlin-Zehlendorf. Er sucht Kontakt zu sozialen Einrichtungen in der DDR und bietet Hilfe an. „Erfreut nahmen wir das Angebot an“, erzählt Reinhard König in dem frisch gedruckten Buch „Eine Brücke des Lebens. 25 Jahre Sozialwerk Potsdam 1990 – 2015“.

Wer weiß, ob es das Potsdamer Sozialwerk ohne diesen Anruf gegeben hätte. Schmidt vermittelte kurze Zeit später jedenfalls einen Kontakt zum Sozialwerk Berlin, das dann tatkräftig mithalf, in Potsdam einen gleichnamigen Verein aufzubauen, von dem der Rehbrücker Autor Kurt Baller sagt: „Er ist von unschätzbaren Wert für Blinde und Sehschwache. Wenn es das Sozialwerk Potsdam nicht gebe, müsste man es erfinden.“ Baller hat das Buch zum 25-jährigen Bestehen des Vereins geschrieben. Am heutigen Montag wird es an Brandenburgs Ex-Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) übergeben, dessen Vater Hans Platzeck 1990 zu den Gründungsmitgliedern gehörte.

Baller schlägt einen Bogen von der Gründung bis zur Gegenwart. Er dokumentiert, wie ein Verein in den Wendewirren, als alte Strukturen fast über Nacht verschwanden, seinen Anfang nahm. Als es den Blinden- und Sehschwachen-Verband der DDR nicht mehr gab, kümmerte sich das Sozialwerk um Betroffene. Dort erhielten sie Hilfe und Antworten auf Fragen: Wo bekomme ich meinen Behindertenausweis her, wo gibt es Blindengeld? Und wo finde ich sozialen Anschluss? Diese Frage konnte so beantwortet werden: Im Sozialwerk Potsdam, das zu der Anlaufstelle für Blinde, Sehschwache und Senioren wurde, aber immer weitaus mehr war, als ein Beratungsverein. „Das Sozialwerk ist auch eine Art Reisebüro für Blinde“, sagt Baller. Fast ganz Deutschland ist schon bereist worden. Bei solchen Reisen „muss mit Worten erklärt werden, was man sehen würde, wenn man sehen könnte“, sagt der Buchautor. Er ist selbst fast blind, ließ sich bei der Recherche fürs Buch Dokumente vorlesen, nahm die Worte mit dem Diktiergerät auf, um später das Werk an seinem Computer zu vollenden – mit einem Schreibprogramm mit acht Zentimeter großen Buchstaben, die er noch erkennt, wenn es in der Schreibstube dunkel ist.

In seinem Buch unternimmt Baller auch Ausflüge in die Vorgeschichte, berichtet etwa über Potsdams ersten urkundlich erwähnten Blinden – über Hans Bottell. Im Jahr 1639 soll er auf wundersame Weise nach 18 Jahren Dunkelheit sein Augenlicht wiederbekommen haben. Dieses Wunder von Potsdam notierte der Pfarrer der Kirche St. Katharina (heute St. Nikolai) am 24. Juni 1639 im Kirchenbuch. Der Leser erfährt auch, dass Potsdam Europas beste Schule für Blindenführhunde hatte, die 1946 nach Rostock verlegt wurde. Und erzählt wird die Geschichte von einem Blinden-Frühstück für Mitarbeiter des Potsdamer Magistrats, zu dem das Sozialwerk einlud. Jeder bekam eine Blindenbrille aufgesetzt, mit der es schlagartig dunkel wurde. Dann hieß es: So, jetzt versucht mal zu frühstücken. Schrippen, Butter und Marmelade standen auf dem Tisch, aber niemand sagte ihnen, wo.

Von Jens Steglich

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