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Bummi – bunte Bildchen und Sozialismus

Ausstellung im Rochow-Museum Reckahn Bummi – bunte Bildchen und Sozialismus

Das Schlossmuseum Reckahn zeigt deutschlandweit die erste Ausstellung über die DDR-Kinderzeitschrift Bummi, die sich in einer Dreiviertel-Million-Auflage an Drei- bis Sechsjährige richtete. Die Initiatoren wollten die Vorschulkinder zu linientreuen Sozialisten formen und gaben dazu auch den Kindergärtnerinnen die bunten Bilderhefte an die Hand.

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Letzte Handgriffe an den Vitrinen: Jeanette Toussaint und Ralf Forster haben die Idee zur Ausstellung entwickelt.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Reckahn. Fast 30 Jahre nach der Wende widmet sich im Rochow-Museum in Reckahn eine erste wissenschaftlich erarbeitete Ausstellung der Kindervorschul-Zeitschrift Bummi. Gegründet wurde das Blatt im Jahre 1957 in der DDR. Ihr Ziel: die Erziehung der Drei- bis Sechsjährigen zu guten und linientreuen Sozialisten. Die Zeitschrift sollte Erzieherinnen dazu Anleitung geben, aber auch die Familien zu Hause erreichen. An Kiosken war sie für anfangs 20 Pfennig zu kaufen, ebenso zu abonnieren. Neben bezaubernden kindgerechten Zeichnungen sehr guter Illustrationen erzählt Bummi immer wieder auch Geschichten des Bären Bummi, die Kindern verdeutlichen sollten, wer der Klassenfeind der DDR war.

Bummi ist bei sehr vielen Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, sehr präsent. Die Auflage spricht für sich: 500 000 Stück gingen beim Start vor 60 Jahren in Druck. 1988 lag die Auflage bei 760 000 Stück. Es ist eine gigantische Zahl.

Museumschefin Silke Siebrecht-Grabig mit eine Bummi-Illustration

Museumschefin Silke Siebrecht-Grabig mit eine Bummi-Illustration.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Bummi hat sich über die Wende gerettet. Heute erscheint sie befreit von politischer Ideologie mit einer Auflage von 23 000 Stück in Konkurrenz zu Bussi-Bär und Lissy.

Papier war übrig, so entstand eine Kinderzeitschrift

Wer mit Bummi aufgewachsen ist, bekommt nicht immer leuchtende Augen, aber einen verklärten Blick. Es gab in anderen sozialistischen Ländern schon Zeitschriften für die Zielgruppe. Die Reihe der Kinder- und Jugendzeitschriften in der DDR sollte um eine für Kita-Kinder komplettiert werden. Möglich war das, weil 1956 „Papierkontingent“ übrig war. Die ehemalige Chefredakteurin Ursula Böhnke-Kuckhoff erfand Bummi, schrieb Jahrzehnte selbst für das Blatt und blieb deren maßgebliche Gestalterin bis 1990. Zuvor war sie Chefredakteurin der Zeitschrift „Der junge Pionier“. Von diesen 33 Jahren Bummi-Chefredaktion berichtet Ursula Böhnke-Kuckhoff in einem Audio-Stück, das in der Ausstellung zu hören ist.

Gefördert von der Bundesstiftung Aufarbeitung

Über ein Projekt „Kino und Kindheit in Brandenburg“ sind die Ethnologin Jeanette Toussaint und der Medienwissenschaftler Ralf Forster auf die Bummi-Filme gestoßen und inspiriert worden. Sie beschlossen, eine eigene Schau über Bummi zu gestalten. Studiert haben beide an der Humboldt-Universität in Berlin. Beide leben in Potsdam.

Gefördert wird die Ausstellung von der Bundesstiftung Aufarbeitung, dem Land Brandenburg, dem Landkreis Potsdam-Mittelmark. Kooperationspartner sind das Deutsche Rundfunk-Archiv und die Uni Potsdam.

Eröffnet wird „Die Kinderzeitschrift Bummi zwischen Spielzeugland und sozialistischer Ideologie“ am Sonntag, 16. Juli, um 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.Das Rochow-Museum liegt in der Reckahner Dorfstraße 27, 14797 Kloster Lehnin.

Mehr Infos unter www. rochow-museum.de

„Die heute 90-Jährige distanziert sich nicht von ihrer Arbeit damals. Sie fand es nötig, dass schon kleine Kinder zu guten Sozialisten erzogen werden“, erläutert Jeanette Toussaint. Die freiberufliche Ethnologin, geboren in Potsdam, hat gemeinsam mit Ralf Forster die Idee zur Ausstellung entwickelt und von 2013 an vorbereitet. Forster ist Mitarbeiter des Potsdamer Filmmuseums und promovierter Filmwissenschaftler. Bummi hat ihn nun als Erwachsener beruflich in den Bann gezogen auch wegen der „medialen Vielfalt“ und technisch relativ anspruchsvoller Filme, die zu DDR-Zeiten entstanden sind wie „Bummi als Verkehrspolizist“ von 1965.

Die Bummi-Zeitschriften in Auszügen und mit wissenschaftlicher Analyse

Die Bummi-Zeitschriften in Auszügen und mit wissenschaftlicher Analyse. Unten ein Ausschnitt aus der Geschichte „Bummi besucht Moskau“.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Volkseigene Betriebe, sozialistische Brigaden, das Militär, all dort ließen die Bummi-Macher ihre niedliche Hauptfigur vorbeischauen und nahmen so die Kinder dorthin mit. „Es wird sehr deutlich, dass Bummi sehr stark das Militär bewirbt“, sagt Forster. Doch meist auch mit einer Absicht, die auf einem der Schaubilder sehr deutlich wird.

Lauflernschuhe der Marke Bummi

Lauflernschuhe der Marke Bummi.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Der Bär fliegt mit einem Ballon am Tag der Republik vom Wind getrieben über das Land. Schließlich, kurz bevor er in die Bundesrepublik weht, zieht ein Grenzsoldat den Bären hinunter: „Der Wind weiß nicht gut Bescheid“, sagt der Soldat. „Er weht nach Westen. Dort drüben ist nicht mehr unserer Republik. (...) Wir stehen hier, um aufzupassen, dass niemand von dort kommt, der unsere Republik zerstört und alles was ihr lieb habt“.

Bummi baute ein Feindbild auf

Auch das ein Grund, warum die Zeitschrift insbesondere in christlichen Familien nicht gelesen wurde. „In christlichen Kindergärten hat man von der Zeitschrift Abstand genommen, ohne dagegen aufzubegehren“, sagt Ralf Forster. „Sie haben sich nicht dagegen gewehrt, sie haben sie schlichtweg nicht benutzt“, sagt Jeanette Toussaint. „Es ist auch bekannt, dass nicht christliche Eltern ihre Kinder in christliche Kindergärten geschickt haben, um diesen frühkindliche Wehrerziehung und politische Indoktrinationen zu ersparen. Die Feindbilder wurden aufgebaut und das waren alle kapitalistischen Staaten.“

Zahnputz-Set für Kinder – auch im Badezimmer hielt die Bärenfigur Einzug

Zahnputz-Set für Kinder – auch im Badezimmer hielt die Bärenfigur Einzug.

Quelle: JACQUELINE STEINER

So lautet der Titel der Ausstellung denn auch: „Bummi zwischen Spielzeugland und sozialistischer Ideologie“. Der Aufruf, Bummi-Hefte beizusteuern, sind nur ganz wenige gefolgt. Dennoch besticht die Ausstellung durch ihre phantasievolle und detailgetreue Wiedergabe der DDR-Kinderwelt von einst. Da sind neben Bummiheften und Bummi-Zahnputzset auch Bummi-Lauflernschuhe ausgestellt, alles arrangiert auf Schautafeln, deren buntes Muster von einer Wohnzimmer-Tapete der 60er Jahre stammen könnte.

Jeanette Toussaint: „Emotionale Bindung bis heute“

Das Team hinter der Vorschulzeitung war sechsköpfig, beschäftigt wurden auch Autoren und Illustratoren und eine Hausfrauen-Brigade, die Bummi-Karten an die Leser schrieb. „Die Illustration ist wirklich schön. Es ist eine große Vielfalt dabei“, sagt die 53-jährige Ethnologin. „Deswegen gibt es bis heute eine emotionale Bindung.“ Ausstellungsmacherin Jeanette Troussaint hat eine ganze eigene Erinnerung an ihre Bummi-Zeit. Sie galt als Kind als schlechte Esserin. So flatterten plötzlich Bummi-Briefe ins Haus, adressiert an den „Club der Telleraufesser“.

Bummi zum Kuscheln

Bummi zum Kuscheln.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Bis Dezember ist die Bummi-Ausstellung in Reckahn zu sehen. „Wir würden uns wünschen, dass sie danach eine Wanderausstellung wird“, sagt Silke Siebrecht-Grabig, Leiterin der Reckahner Museen. Sie ist neugierig auf die Resonanz dieser Bummi-Schau.

Von Marion von Imhoff

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