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Das Ehrenamt als Jungbrunnen

Europaurkunde für Teltowerin Das Ehrenamt als Jungbrunnen

Erika Pusch aus Teltow macht sich seit Jahren für das Ehrenamt stark und ist jetzt für ihr Engagement mit der Europaurkunde ausgezeichnet worden. Die 69-Jährige, die lange Jahre mit der Akademie 2. Lebenshälfte verbunden war, verseht ihre Hilfe auch als Selbsthilfe. Denn das eigene Wohlbefinden steigt.

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Erika Pusch (69) ist Unterrichtsbegleiterin in Willkommensklassen und unterstützt die Lehrer nach Kräften.

Quelle: Stephan Laude

Teltow. Viele Male hat Erika Pusch selbst Vorschläge zur Auszeichnung von Bürgern gemacht, die sich ehrenamtlich engagieren. Nun ist sie selbst geehrt worden: mit der Europaurkunde des Landes Brandenburg, überreicht von Justiz-, Europa- und Verbraucherschutzminister Stefan Ludwig (Linke). Gewürdigt werden damit Puschs langjähriges Wirken als Ehrenamtskoordinatorin in der Akademie 2. Lebenshälfte und ihr Engagement in Willkommensklassen. Insgesamt 15 Frauen und Männer aus ganz Brandenburg erhielten in diesem Jahr die Auszeichnung.

Am Anfang stand die Freiwilligenagentur

Erika Pusch hatte 1998 begonnen, die Freiwilligenagentur von Potsdam-Mittelmark mit aufzubauen. Ziel solcher Agenturen, die sich in den alten Bundesländern bereits bewährt hatten, ist es, Ehrenamtler und an Ehrenamtlern interessierte Einrichtungen zusammenzubringen. 2003 ging Erika Pusch dann zur Akademie 2. Lebenshilfe von Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf, um dort ein vergleichbares Projekt auf die Beine zu stellen. Vor allem Ruheständler hat sie angeworben und per Brief in Schulen und Kitas angefragt, ob Bedarf besteht. „Aber keine Schule, keine Kita hat geantwortet“, sagt Erika Pusch. Also suchte sie das persönliche Gespräch. Als ehemalige Außenwirtschaftlerin im Kombinat Elektronische Bauelemente war sie es gewöhnt, auf Kunden zuzugehen. Das hat auch in diesem Fall geholfen. Die ersten Einrichtungen ließen sich auf das Angebot ein.

„Unterrichtsbegleiter sind der Renner“

Es gibt da richtige Vorstellungsgespräche. Nicht jeder besitzt die Gabe, gut mit Kindern arbeiten zu können. In den Grundschulen sind Ehrenamtler als Unterrichtsbegleiter mit in den Klassen, um leistungsschwächere Schüler zu unterstützen. Oder auch, um mit Störenfrieden zwischendurch mal rauszugehen. „Die Unterrichtsbegleiter sind der Renner“, sagt Erika Pusch. In der Teltower Stubenrauch-Grundschule habe es bis zu zwölf Unterrichtsbegleiter gegeben. In Kitas sind die Ehrenamtler zum Beispiel als Lesepaten gefragt. Gern angenommen wird auch das Projekt Wunsch-Großeltern – einmal in der Woche Oma oder Opa sein, ein Kind von der Kita abholen, wenn die Eltern verhindert sind. Manche Senioren machen das schon sieben, acht Jahre. Sie kommen aus sehr verschiedenen Berufen. Ehemalige Lehrer sind selten dabei.

„Es fördert die Gesundheit“

Es wird immer wieder gern betont, wie wichtig das Ehrenamt ist, dass vieles in Deutschland nicht laufen würde ohne die Bürger, die sich unentgeltlich für das Gemeinwohl einsetzen. Erika Pusch weist noch auf einen anderen Aspekt hin. „Ehrenamtliches Engagement ist gut für das eigene Wohlbefinden.“ Das Gefühl, gebraucht zu werden, fördere die Gesundheit. Auch Ärzte würden das bestätigen. Es gibt sogar Fälle, da haben Frauen, die sich Jahre oder Jahrzehnte nur um Haushalt und Kinder gekümmert haben, weil der Mann genug verdiente, erst bei einer ehrenamtlichen Tätigkeit zu richtigem Selbstbewusstsein gefunden.

„Ich habe das mit Freude und Engagement gemacht“, sagt Erika Pusch im Rückblick auf die Jahre als Ehrenamtskoordinatorin bei der Akademie 2. Lebenshälfte. Aber der Abschied vom Amt war noch nicht der Abschied vom Ehrenamt. Seit 2015 ist die inzwischen 69-Jährige zweimal in der Woche Unterrichtsbegleiterin in den Willkommensklassen des Oberstufenzentrums (OSZ) Teltow, in denen junge Leute aus Syrien, Afghanistan und Tschetschenien fit gemacht werden sollen für eine berufliche Ausbildung.

Der Lernerfolg der Asylbewerber hängt von der Motivation ab

Die Willkommensklassen werden, wie die in der Teltower Mühlendorf-Oberschule, vom Internationalen Bund und dem Jugendmigrationsdienst des Landkreises unterstützt. Klar, dass die Deutschkenntnisse der Schüler sehr unterschiedlich sind – eine besondere Herausforderung für die Lehrer. Erika Pusch hat großen Respekt vor ihnen. Sie müssen das nicht machen, sie waren gefragt worden. Es gibt auch Leistungstests. Nicht immer enden sie erfolgreich. Dass die Schüler dann traurig sind, liegt auf der Hand. Erika Pusch denkt aber auch an die Lehrer. „Die Noten, das sind ja die Ergebnisse ihrer Arbeit“, sagt sie und die Lehrer würden sich fragen: „Was habe ich falsch gemacht?“ Sozialkundelehrer Rainer Seidel seinerseits lobt: „Die ehrenamtlichen Helfer erleichtern mir sehr die Aufgabe.“ Seidel unterrichtet solche Sachen wie Steuern und Wirtschaftskreislauf – Themen, die seinen Schüler bislang völlig fremd waren. Es geht aber auch um ganz banale Alltagsfragen, zum Beispiel: Wie melde ich mich beim Arzt an?

Der Lernerfolg der Asylbewerber hängt nicht zuletzt von der Motivation ab und die Motivation von den Aussichten, in Deutschland bleiben zu können. „Das Bleiberecht muss eindeutig geklärt sein“, sagt Pusch. Dass die Bundesregierung Afghanistan als sicheres Herkunftsland eingestuft hat, dafür fehlt ihr das Verständnis. Die afghanischen Schüler seien sehr zielstrebig und froh, hier zu sein. Die Männer müssten nicht ständig Angst haben, nachts von den Taliban aus dem Haus gezerrt und in den Krieg geschickt zu werden und die Mädchen könnten ohne männliche Begleitung unterwegs sein, zur Schule gehen. Zwei von ihnen konnten schon auf ein Potsdamer Gymnasium delegiert werden.

Viele Firmen bieten Praktikumsplätze an

Möglichst viele Schüler aus den Willkommensklassen sollen nach zwei Jahren eine Berufsausbildung beginnen können. Zur Vorbereitung macht ein Praktikum Sinn. Wieder eine Aufgabe für Erika Pusch. Sie nutzt ihre Kontakte, redet mit Apotheken, Autowerkstätten, Arztpraxen – und stellt auch dabei fest, dass ehrenamtliche Arbeit Freude machen kann: „Ich bin positiv überrascht von den Reaktionen. Viele, die ich angesprochen habe, sind bereit, Praktikumsverträge abzuschließen.“

Von Stephan Laude

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