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Potsdam-Mittelmark Das Neujahrskind mit dem Gespür für Glas
Lokales Potsdam-Mittelmark Das Neujahrskind mit dem Gespür für Glas
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18:17 28.04.2017
Jörg Gauruhn mit einem Bleiglasfenster in seiner Beelitzer Werkstatt in der Poststraße 15. Quelle: Jens Steglich
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Beelitz

Es ist der 1. Januar 1966: Die Menschen haben gerade mit einem Feuerwerk das neue Jahr begrüßt, da erblickt Jörg Gauruhn das Licht der Welt. Für diese besondere Geburtsstunde hat er seine eigene Version: „Es war so ein Krach in der Nacht. Da musste ich einfach mal gucken, was da draußen los ist“, sagt das Neujahrskind. Als damals der Vater das Kind erblickt, sagt er: „Es ist ein Junge, der wird mal ein Glaser.“ Der Vater behielt Recht. Die Prophezeiung lag freilich nahe: Ein Gauruhn konnte zu diesen Zeiten nur Glaser werden. „Mein Vater hat es aber auch geschickt gemacht“, erzählt der Sohn, der schon in jungen Jahren in die Werkstatt gelockt wurde. So zum Beispiel: „Junge, guck mal, wir schneiden heute Glas.“ Der Sohn hatte damals noch keine Hornhaut auf den Fingern. Deshalb lag immer eine Rolle Pflaster mit auf dem Tisch.

Der Name der Glaserfamilie ist heute noch ein Begriff. Brauchen alteingesessene Beelitzer einen Glaser, gucken sie im Telefonbuch zuerst unter Gauruhn nach. Jörg Gauruhn rät: „Ihr müsst unter Glaserei Gauruhn gucken. Unter Gauruhn steht nur noch eine Fax-Nummer.“

Seine Glaserei hat in Bad Belzig und in der Beelitzer Poststraße Filialen. Angefangen hat alles indes in Borkheide. Opa Albert Gauruhn war Berliner und hatte in Borkheide ein Wochenendhaus. Als im Krieg Bomben über Berlin fielen, blieb die Familie im Wochenendhaus und kehrte auch danach nicht mehr ins ausgebombte Berlin zurück. Schon der Opa hatte ein Faible für ungewöhnliche Termine. Er ist zwar kein Neujahrskind, kam aber im März 1945, als der Krieg noch tobte und niemand einen Betrieb gründete, auf die Idee, in Borkheide eine Glaserei zu eröffnen. „Er wird gedacht haben: Jetzt sind alle Fenster kaputt – das ist eine Marktlücke“, so der Enkel. Er weiß aus Erzählungen, dass der Großvater später mit einer Simson SR-2 übers Land fuhr und zum Beispiel die Stallfenster verglaste, damit das Vieh im Winter nicht mehr friert. Als Gegenleistung gab es Eier und Schinken. Von den Schäpern bekam der Opa 1948 den Auftrag, die zerstörten Kirchenfenster des Gotteshauses zu ersetzen. Die Dorfbewohner sammelten 800 Mark, um das Glas zu bezahlen. Dann kam die Währungsreform und aus 800 Mark wurden 80. Der Glaser wollte eine Nachzahlung, mehr Geld gab es aber nicht. Hier zeigte sich: Die Gauruhns haben das Herz am richtigen Fleck. Die Schäper bekamen neue Kirchenfenster – für 80 Mark!

1969 übernahm Vater Manfred Gauruhn die Glaserei. Der Sohn kann sich noch gut erinnern, wie voll zu DDR-Zeiten die Auftragsbücher waren. „Das Problem war, an Material heranzukommen.“ Als ein Türöffner diente Spargel. „Mit Spargel haben wir die Glaslieferanten bei der Stange gehalten.“ In die Lehre ging Jörg Gauruhn bewusst nicht beim Vater, sondern bei einem alten Berliner Glaser in der Schönhauser Allee. „Ich wollte mir nicht noch am Abendbrottisch anhören, welchen Mist ich in der Werkstatt gebaut habe“, sagt der Gauruhn der dritten Generation, der ebenfalls ein Meister seines Faches geworden ist und am 1. Oktober 1990 – zwei Tage vor dem Ende der DDR – seinen eigenen Betrieb gründete. Eine Spezialität sind Bleiverglasungen. Auf der Referenzliste stehen viele Kirchen, die er mit solchen Fenstern ausstattete. Auch die Bleiverglasungen der Aula der Beelitzer Diesterwegschule und am Landratsamt in Bad Belzig hat Jörg Gauruhn aufbereitet. „Wer Bleiverglasungen macht, muss gut zeichnen können“, sagt er. Zum Geschäft gehören auch normale Scheiben, die ersetzt werden müssen, weil zum Beispiel ein Fußball durchs Fenster flog. Scherben bringen eben Glück – zumindest den Glasern. Was aber müssen Fensterglaser gut können? „Sie müssen flink sein und schleppen können. Wenn Neubauten ihre Fenster bekommen, ist der Fahrstuhl noch nicht eingebaut.“

Von Jens Steglich

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