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Der Kürbis-König sieht orangerot

Zu Hause in... Philippsthal Der Kürbis-König sieht orangerot

Eberhard Riecke ist der Kürbis-König von Philippsthal. Seit Jahrzehnten züchtet er die dicksten Dinger und hat längst das ganze Dorf mit dem Kürbisfieber angesteckt. Doch die nächste Ernte macht dem 77-Jährigen Kummer. Auf seinem Acker herrscht nämlich Alarmstufe orangerot.

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Eberhard Riecke auf dem Acker – die Kürbisse haben es schwer bei der Trockenheit.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Philippsthal. In der Mittagsglut, die so gewaltig drückt, dass der Deutsche Wetterdienst vor ihr gewarnt hat, steht Eberhard Riecke auf dem Acker hinterm Haus und schaut den Wolken hinterher. Schweiß glänzt auf seiner Stirn, die Brillengläser beschlagen. Doch Riecke steht stramm, blinzelt hin­auf ins gleißende Licht und grummelt, als könne er heraufbeschwören, worauf er seit Wochen, ach was – seit Monaten schon wartet: Regen.

„Das Autobahndreieck Nuthetal spaltet die Wolken“, sagt Eberhard Riecke. „Einige drehen nach Potsdam ab, andere nach Ludwigsfelde – und wir hier in Philippsthal sitzen auf dem Trockenen.“ Eberhard Riecke dreht nun auch lieber ab. Er bahnt sich seinen Weg durchs beinahe hüfthohe Grün. Der erste Blick aufs Blättermeer täuscht: Die Kürbisse haben es schwer in diesem Jahr – Alarmstufe orangerot im Beet! „2015 war wegen der Trockenheit schon sehr schlecht“, sagt Eberhard Riecke. „Ich nehme an, dieses Jahr wird noch schlechter. Nur einen einzigen schönen Regen hatten wir bis jetzt – und der war nach zehn Minuten auch schon vorüber.“ Hier, hinter dem orangen Häuschen, das wie die meisten in Philippsthal direkt an der Dorfstraße steht, liegt immerhin ein von Riecke höchstpersönlich ausgetüfteltes Bewässerungssystem, das die Pflanzen versorgt. Draußen auf dem Feld sind die Kürbisse sich selbst überlassen. „Sie werden gerade mal faustgroß und vertrocknen dann“, sagt Eberhard Riecke. Die Riesen, für die der 77-Jährige und sein Heimatdorf weit über Brandenburg hinaus bekannt sind, werden wohl Zwerge bleiben.

Mit dem Alter wird die Arbeit schwer – aber Riecke kann’s nicht lassen

Einen Herbst ohne Kürbisse mag sich Eberhard Riecke, der im Dorf so etwas wie der Kürbis-König ist, erst einmal nicht vorstellen. Sie gehören einfach zu seinem Leben. Auch wenn die Gesundheit seit ein paar Jahren die intensive Feldarbeit unmöglich macht: „Ich kann nicht von den Kürbissen lassen.“ Eberhard Riecke tippt sich an die Stirn: „Ich hab ’ne kleene Meise.“

Diese Leidenschaft begann in der Kindheit. Noch heute schwärmt Eberhard Riecke von Kürbis süß-sauer wie ihn die Großmutter einlegte, als er ein kleiner Junge war: „Dazu Topfwurst und Kartoffeln – was gibt’s besseres?“ All die Jahre ist im Garten immer irgendwo ein Kürbis gewachsen, oft auf dem Kompost.

Von einer Reise in den Westen brachte er den ersten Muskatkürbis mit

Rekordverdächtig wurde es erst, als Eberhard Riecke als gestandener Ehemann, Vater und Brigadier im Geräte- und Reglerwerk Teltow mit dem Züchten begann. „Heute gibt’s ja überall Kerne und Pflanzen zu kaufen. Aber damals? Da haben wir alles selbst gezogen.“ Einige Jahre vor der Wende dann der endgültige Durchbruch: Eberhard Riecke durfte zu den Schwiegereltern in den Westen reisen. Andere Ostdeutsche kauften sich bei so einer Gelegenheit einen Radiowecker oder einen Toaster. Eberhard Riecke kaufte sich einen Kürbis – seinen ersten Muskatkürbis, um genau zu sein. „Den kannte hier keiner“, sagt Eberhard Riecke. Kaum wieder daheim in Philippsthal, schlachtete er den West-Import. Doch welch Reinfall! Der Kürbis war noch nicht ganz reif. Nur acht Kerne waren für die Aussaat zu gebrauchen. „Aber sie haben gereicht, um die Leute auf den Geschmack zu bringen.“

Der Rest ist Geschichte – Philippsthaler Geschichte, denn das Kürbis-Fieber griff Jahr für Jahr weiter um sich und hat längst das ganze Dorf gepackt. Wer nun im September und Oktober durch „Kürbisthal“ fährt, sieht es von überall her gelb-rot-orange leuchten. Kürbisse aller Größen und Formen prangen in Einfahrten und auf Fensterbänken, in Regalen und Schubkarren, auf Mauern und Zaunpfählen. Das Highlight aber bleibt der „Kürbishof Riecke“. Wie viele Sorten heute in seinem Garten wachsen? Da kommt Eberhard Riecke wieder ins Schwitzen. „Muskat, Blue Hubbard, Hokkaido, Butternut, Roter Zentner, Gelber Zentner, Gigantus... Zehn Sorten Speisekürbisse mindestens.“ Bei den Zierkürbissen fange er jetzt besser nicht an zu zählen. „Sonst sitzen wir hier noch eine Ewigkeit.“ Oder bis es regnet.

Von Philipps- zu Kürbisthal

Philippsthal ist ein typisch märkisches Straßendorf. Es gehört heute zur Gemeinde Nuthetal, die aus dem Zusammenschluss von fünf zuvor selbstständigen Orten entstanden ist.

178 Einwohner leben im Dorf.

Gegründet wurde Philippsthal im Jahr 1754 als Dorf für Spinnerfamilien.

Sehenswürdigkeiten sind die Dorfkapelle, das Haus Friedrichshuld – und im Herbst der Kürbishof von Eberhard Riecke mit all den umliegenden Kürbisverkäufen. Deshalb trägt Philippsthal auch den Spitznamen „Kürbisthal“.

Etliche Marktstände säumen zur Ernte die Dorfstraße: Dann gibt’s Zier- und Speisekürbisse aller Größen- und Gewichtsklassen, Formen und Farben. nf

 

Von Nadine Fabian

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