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Der Zählerableser mit dem Plopp

Treuenbrietzen Der Zählerableser mit dem Plopp

Jeder kennt das, der Ableser kommt: Termin mitten am Tag, genervte Mieter. Der Wasser- und Abwasserzweckverband Nieplitztal in Treuenbrietzen setzt daher auf Wasserzähler mit Funkfernauslesung. Dafür muss der Ableser nicht einmal aus seinem Auto steigen. Geschäftsstellenleiter Gerd Uhl kennt aber auch Bedenken und zitiert dafür George Orwell.

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Gerd Uhl mit der Tablet-Technik zur Funk-Auslesung modernster Wasserzähler in Treuenbrietzen.

Quelle: Marion von Imhoff

Treuenbrietzen. Mit Tempo 20 fährt der Wagen durch Treuenbrietzen. Plopp, Plopp, Plopp tönt der Tablet-Computer in den Händen von Gerd Uhl, der an diesem Tag ausnahmsweise selbst die Technik bedient und sich fahren lässt. Binnen weniger Sekunden 30 Plopps. Und jeder Ton bedeutet das Empfangen von Zahlen. Gefunkt von den Wasserzählern der umliegenden Haushalte der Straße, durch die der Wagen rollt.

Wofür bisher ein Mann drei Monate brauchte, ist jetzt eine Sache von wenigen Stunden. Die Rede ist vom Ablesen der Wasserzähler. „Und kein Mieter wird mehr belästigt“, sagt Gerd Uhl, Geschäftsstellenleiter des Wasser- und Abwasserzweckverbandes Nieplitztal. Kein Terminstress mehr, mitten während der Arbeitszeit, zuhause sein zu müssen, um dem Ableser die Tür öffnen zu können. Kein Zugänglichmachen von Zählern in vollgestellten Haushaltskammern. Auch um den Kunden diese alljährliche Mühe zu ersparen, nutzt der Verband Ultraschallwasserzähler mit funkgesteuerter Ablesung. „Selbst bei zehn Zählern in einem einzigen Mietshaus ist das kein Problem“, sagt Uhl.

Zahlen und Fakten

Die Stadtwerke Bad Belzig lesen weniger als 50 Prozent ihrer Fernwärme- und Wasserzähler funkgesteuert ab. Das sagte Ingo Krugmann, Technischer Leiter für Betrieb und Netze.

Bei Wasserzählern nutzen die Stadtwerke die Technik, wenn diese sehr unzugänglich sind. Krugmann hält das funkgesteuerte Ablesen nicht für das Allheilmittel. Er warnt vor dem Phänomen „gläserner Kunde“.

Gerd Uhl ist seit 2006 Geschäftsstellenleiter des Wasser- und Abwasserzweckverband Nieplitztal mit Sitz in Treuenbrietzen.

Der 64-jährige gebürtige Vogtländer ist zudem auf Honorarbasis Mitarbeiter für Ingenieurtätigkeiten im Verband.

Musste bisher ein viertel Jahr lang ein Mitarbeiter des Wasserwerks von Tür zu Tür der 3000 Haushalte des Zweckverbandes ziehen, erledigen das nun zwei Kollegen in jeweils vier Stunden. Sie müssen nur sämtliche Straßen in Treuenbrietzen und der zum Verband gehörenden Dörfer abfahren, schon haben sie den Wasserverbrauch aller Verbandskunden im Kasten, sprich im Tablet. „Und die Daten sind richtig und vollständig und es sind keine Ablesefehler dabei", sagt Uhl.

In den Jahren zuvor erging es den Verbandskunden rund um Treuenbrietzen nicht anders als Millionen anderen Menschen in Deutschland auch: Sie bekamen die schriftliche Aufforderung, an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit zuhause zu sein für den Besuch des Ablesers. Traf dieser auch beim dritten Termin niemanden an, legte er eine Karte in den Briefkasten, dass der Mieter selbst ablesen und die Werte dem Verband mitteilen solle. „Meist hatten wir 200 Selbstableser“, berichtet Uhl. All das kostete Mühe und Zeit. Anfang Februar müssen die Bescheide an die Kunden heraus, dann blieben vier Wochen Zeit. „Die Finanzstrecke des Verbandes darf ja nicht austrocknen“, so Uhl – sprich, die Einnahmen aus den Gebühren müssen fließen.

Von durchschnittlich zehn Haushalten sei dann, wenn diese überhaupt nicht reagierten, der Verbrauch nach den Durchschnittswerten der Vorjahre geschätzt worden. „Dann kamen Beschwerden, das ausgerechnet in diesem Jahr der Verbrauch ein ganz anderer sei, weil die Ehefrau ausgezogen sei“, beschreibt Uhl die Probleme. Probleme von gestern.

David Schildhauer, Wassermeister bei der Wasserwirtschaftsgesellschaft „Nieplitztal“, mit einem Zähler und der Funk-Ablesetechnik

David Schildhauer, Wassermeister bei der Wasserwirtschaftsgesellschaft „Nieplitztal“, mit einem Zähler und der Funk-Ablesetechnik.

Quelle: Thomas Wachs

In 2000 Haushalten ist die neue Technik bereits eingebaut. Wenn Uhl Ende des Jahres in Rente gehen wird, werden in sämtlichen Wohnungen im Verbandsgebiet die Wasseruhren umgerüstet sein. So jedenfalls lautet der Plan. Das System arbeitet mit Cloud gestützter Software mit einer Datenbank in Dänemark. Alle 16 Sekunden sendet die Wasseruhr neue Daten. In einem Radius von 100 Metern sind diese mit der speziellen Software zu empfangen. Uhl schwärmt von der bequemen Art, nun die Daten für die Jahresabrechnungen beim Autofahren zu sammeln: „Im Sommer mit Klimaanlage, im Winter mit Heizung.

Das ist die Technik des 21. Jahrhunderts, man muss es nur reinkommen lassen“, sagt Uhl, der gerne philosophiert. Und dabei auch „Big brother is watching you“ zitiert, den „Großen Bruder" aus dem Roman „1984“ von George Orwell. Jenes Buch also, das die Angst um die vollständige Überwachung thematisiert. „Wir können nicht schauen, ob jemand geduscht hat oder ob abends die Freundin zu Besuch war und der Wasserverbrauch hochgeschnellt ist“, sagt Uhl zu derartigen Befürchtungen, die auch in Foren im Internet geäußert werden.

Die Investition liegt pro Zähler bei 75 Euro; 150 000 Euro hat der Verband damit in die Umrüstung investiert bisher. Hinzu kommt die Jahresmiete für die Software. Nach acht Jahren „schreiben wir für die Investition eine schwarze Null durch das Einsparen des zeitaufwendigen Ablesens“, so der Geschäftsstellenleiter. Die neuen Wasserzähler, die seien sein Vermächtnis. So sieht es Uhl.

Von Marion von Imhoff

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