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Der griechische Generalarzt und seine Enkelin

Nuthetals Ortschronistin hat eine interessante Familiengeschichte Der griechische Generalarzt und seine Enkelin

Ortschronisten sollen Heimatgeschichte aufschreiben und für die Nachwelt bewahren. Nuthetals Chronistin Eleni-Alexandra Frank kann eine der schönsten Geschichten aus ihrem Heimatort über die eigene Familie erzählen. Darin spielen unter anderem die Taucherkrankheit und der griechische König Konstantin I. eine Rolle.

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Enkelin und Chronistin Eleni-Alexandra Frank am Grab auf dem Bergholzer Friedhof. Auf dem Grabstein steht nur der Name ihrer Oma.

Quelle: Jens Steglich

Bergholz-Rehbrücke. Wer war der Mann, der jedes Jahr am 25. März an seinem Haus in Rehbrücke die griechische Fahne hisste und nach seinem Tod auf dem Bergholzer Friedhof die letzte Ruhe fand, sein Grabstein aber nie seinen Namen trug? Rätselhafte Geschichten gehören zu den Lieblingsthemen von Ortschronisten, die Heimatgeschichte aufschreiben und für die Nachwelt bewahren sollen. Nuthetals Chronistin Eleni-Alexandra Frank kann eine der schönsten Geschichten aus dem Heimatort über ihre eigene Familie erzählen. Sie ist die Enkelin jenes Mannes, der in Bergholz-Rehbrücke in den 1920er Jahren bekannt wurde, weil er alljährlich am 25. März – dem Nationalfeiertag der Griechen – die Fahne der Hellenen am Mast hochzog.

Georges Sfinis, von dem hier die Rede ist, war ein Grieche, wie er im Buche steht. Was den 1870 in Athen geborenen „Generalarzt“ nach Bergholz-Rehbrücke verschlug, ist eine lange Geschichte, in der auch die Taucherkrankheit und der griechische König Konstantin I. eine Rolle spielen. Als Sfinis noch Stabsarzt war, bekam er den Auftrag, in Tripolis (Libyen) ein Lazarett für Opfer der Taucherkrankheit aufzubauen. Mit der Krankheit, die durch zu schnelles Auftauchen ausgelöst wird und schwere Schäden an Lunge und Nervensystem verursachen kann, war der Mediziner als Arzt der Marine im 1897 ausgebrochenen Krieg gegen die Türkei das erste Mal in Berührung gekommen. Als Anerkennung für seine Aufbauleistung in Tripolis wurde er 1905 für zwei Jahre nach Berlin delegiert, um sich als Chirurg fortzubilden. Dorthin kehrte er später aus Not zurück, als in seinem Land Unruhen ausbrachen und königliche gegen republikanische Kräfte kämpften. Sfinis, der Anhänger der „Königspartei“ war, emigrierte nach Berlin. „Man hatte vorher auf ihn geschossen – im eigenen Land“, erzählt die Enkelin. Der Schuss verfehlte ihn nur knapp. Obwohl König Konstantin  I. sich bei den Kämpfen durchsetzte und Sfinis für seine Treue den Titel „Generalarzt a.D.“ verlieh, blieb dieser in Deutschland.

Der Rehbrücker Grieche Georges Sfinis in jüngeren Jahren in seiner prächtigen Uniform

Der Rehbrücker Grieche Georges Sfinis in jüngeren Jahren in seiner prächtigen Uniform.

Quelle: Privat

In Berlin lernt er die Lehrerin Else Hedwig Weniger kennen. Das Paar heiratet 1922 in Berlin in einer russisch-orthodoxen Kirche, weil es damals dort keine griechisch-orthodoxe gab. Griechenland erkannte aber nur kirchlich eingegangene Ehen an. 1924 baut sich das Paar ein schwedisches Holzhaus in Bergholz-Rehbrücke – in der heutigen Arthur-Scheunert-Allee, unweit der Villa Grebe. Der Grieche und die Deutsche ziehen 1925 in Rehbrücke ein – mit ihren beiden Kindern. Der Sohn des Generalarztes trägt den stolzen Namen Georges-Emile Pythagoras Richard – es ist der Vater der Nuthetaler Chronistin, der als Kind in der alten Schule in Bergholz lesen und schreiben lernt. „Der Vorname Pythagoras geht auf meinen Ururgroßvater zurück, der einst Direktor des Pythagoras-Gymnasiums auf Samos war“, sagt Eleni-Alexandra Frank. Georges Sfinis, ihr Opa, soll ein liebevoller Vater gewesen sein. Zur Familie gehörte zwischenzeitlich auch Schaf Athinulla. Sfinis hatte es einen Bauern abgekauft. „Athinulla hat tagsüber die Wiesen im Garten beackert und abends sollten die Kinder es einfangen.“ Sie schafften es meist nicht. Dann nahm der Generalarzt das Tier an den Hinterbeinen und brachte es in den Stall. Weil das Schaf eines morgens fast steif gefroren war, holte die Familie es mit ins Rehbrücker Haus. „Es hat in der Nacht in der Küche geschlafen, das Hausmädchen musste danach jedes Mal sauber machen“, erzählt die Chronistin. Als Athinulla geschlachtet wurde, aßen die Kinder keinen Happen.

Georges Sfinis stirbt 1942 und wird auf dem Bergholzer Friedhof begraben. Auf dem Grabstein fehlt sein Name, weil es in den Kriegstagen keine Buchstaben mehr zu kaufen gibt, weiß die Enkelin. Ihr Vater, also der Sohn des Generalarztes, verlässt Bergholz-Rehbrücke 1947 in Richtung Niedersachsen. Seine Tochter kehrt 1992 aus beruflichen Gründen in die Region zurück, zieht mit ihrem Sohn in das Haus der Großeltern und holt 2012 auch ihre Eltern nach Bergholz-Rehbrücke.

Geschichten

Georges Sfinis (1870-1942) war in Bergholz-Rehbrücke unter anderem mit Walther Partke befreundet. Mit Partke, der auch Arzt war, teilte er die Leidenschaft zur Malerei.

Laut dem Autor Kurt Baller spielte der griechische Mediziner einst auch Klavier im damaligen Blindenheim in Bergholz-Rehbrücke. Sein Sohn, der heute wieder im Ort lebt, hat eine angeborene Augenkrankheit.

Auf dem Bergholzer Friedhof gibt es eine Reihe prominenter Grabstätten. Ihre letzte Ruhe fanden dort etwa der Schöpfer des Stahnsdorfer Südwestkirchhofes, Louis Meyer, die Chansonette Lotte Werkmeister und der Grafiker und Karikaturist Karl Holtz, der für sechs Jahre im Zuchthaus Bautzen landete, weil er Stalin karikierte.

Der Vater ist inzwischen 90 Jahre alt. Er geht jetzt wieder in seine einstige Schule in Bergholz, wo er als Kind wegen einer Augenschwäche in der ersten Reihe saß. Dort gab es den Stromanschluss für die Leselampe, die ihm half, die Schrift besser zu erkennen. Immer am letzten Montag im Monat sitzt Georges-Emile Sfinis wieder im früheren Klassenzimmer in der alten Schule, aus der inzwischen Nuthetals Mehrgenerationenhaus geworden ist. An dem Tag ist „Oldie-Treffen“ im Haus. „Es gibt Kaffee und Kuchen, es wird gesungen und viel von früher erzählt“, sagt die Chronistin.

Von Jens Steglich

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