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Der letzte Kutscher des Kaisers

Enkel des Chauffeurs von Wilhelm II. erinnert sich Der letzte Kutscher des Kaisers

Wenn der Beelitzer Ditmar Kohlberg an seinen Großvater denkt, hat er einen Mann vor Augen, der gelassen in seinem Sessel sitzt und Zigarre raucht. In jungen Jahren war er oft in den Ferien beim Opa, der dann besondere Geschichten erzählte – etwa über Ausfahrten mit Prinzessin Viktoria oder über Wilhelm II. Kein Wunder: Der Großvater war der letzte Kutscher des Kaisers.

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Paul August Kohlberg (1879- 1979) war bis zur Abdankung von Wilhelm II. im Jahr 1918 der Kutscher der Hohenzollern.

Quelle: Privat

Beelitz. Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, er würde dieses Mal besser zuhören, wenn sein Großvater von früher erzählt. Der Beelitzer Ditmar Kohlberg war in jungen Jahren oft in den Ferien beim Opa in Potsdam. Die beiden wandelten dann stundenlang durch den Park Sanssouci und Paul August Kohlberg, der Großvater, erzählte über alte Zeiten – zum Beispiel über Kutschfahrten mit Prinzessin Viktoria und Episoden von Wilhelm II. Geschichten eben, die nicht jedes Enkelkind von den Großeltern zu hören bekommt und die Ditmar Kohlberg mit der Sicht von heute gern aufgeschrieben und dokumentiert hätte.

Im Nachlass des Großvaters gibt es freilich genug Belege dafür, dass er keine Märchen erzählte, wenn er über Wilhelm II. sprach. Paul August Kohlberg war königlicher Vorreiter und der letzte Kutscher des Kaisers. „Wenn Wilhelm II. sah, wie Leute in Sanssouci über den Rasen liefen oder ihre Beine ins Wasser des Springbrunnens hielten, ist er selbst eingeschritten.“ An solche Berichte des Großvaters über den letzten deutschen Kaiser kann sich der Enkel noch erinnern. Auch daran, dass Wilhelm II. einmal am Neuen Palais seine Tochter Viktoria und den Kutscher schon von weitem mit erhobenen Finger ermahnte, weil sie zu spät aus Berlin zurückgekehrt waren.

Ditmar Kohlberg (l) war in jungen Jahren oft in den Ferien beim Großvater in Potsdam

Ditmar Kohlberg (l.) war in jungen Jahren oft in den Ferien beim Großvater in Potsdam.

Quelle: Privat

Vieles andere fand sich in Dokumenten des Großvaters, der aus Hamburg stammte, bei den Ziethen-Husaren diente und später bis zur Abdankung des Kaisers 1918 dessen Kutscher und Bote war. „Er hatte die ganze kaiserliche Familie in seiner Kutsche und war dabei, wenn sie im kleinen Kreis Vergnügungsfahrten unternahm“, erzählt der Enkel. In der Kutsche Paul Kohlbergs saßen auch Gäste der Hohenzollern. Unter den Papieren, die Ditmar Kohlberg noch in Beelitz hat, sind einige Urkunden. Der Kutscher des Kaisers bekam für seine Fahrdienste zum Beispiel 1911 die Wasa-Medaille in Silber vom schwedischen König. Einiges aus dem Nachlass hat Ditmar Kohlberg als Dauerleihgaben dem Potsdam-Museum und dem Deutschen Technik-Museum Berlin vermacht. An das Technik-Museum gingen etwa Großvaters goldene Taschenuhr und ein ausziehbares Fernrohr wie man es aus Piratenfilmen kennt – „beides Geschenke des Kaisers“, so der Enkel. „Es soll der Nachwelt zugänglich bleiben“, sagt er.

Wenn Ditmar Kohlberg an den Großvater zurückdenkt, hat er einen Mann vor Augen, der gelassen im Sessel sitzt und Zigarre raucht. „Ich habe ihn nie hektisch erlebt. Er war immer korrekt, trug Anzug mit Weste“, erzählt er. Wenn Opa oder Oma in Potsdam Geburtstag feierten, war der Spaziergang durch den Park Sanssouci ein Pflichttermin für die ganze Familie. „Dann hat der Großvater erzählt. Ich war zu jung, um mich genau daran zu erinnern.“

Die erste Begegnung mit dem Verwandten aus Bolivien

Die erste Begegnung mit dem Verwandten aus Bolivien: Ditmar Kohlberg (l.) und Herbert Kohlberg-Campero in Beelitz.

Quelle: Privat

Später entdeckt der Enkel alte Briefe in den Unterlagen, die ihn Jahre danach auf die Spur eines anderen Teils der Familie bringen werden. Die Briefe aus den 1950er Jahren schrieb Julius Kohlberg an seinen Bruder Paul, den letzten Kutscher des Kaisers. Julius Kohlberg ging andere Wege. 1912 wandert er nach Bolivien aus. 100 Jahre später kommt Ditmar Kohlberg in Beelitz auf die Idee, mit Stichwörtern aus den Briefen über Google nach Spuren der Kohlbergs in Bolivien zu suchen. Er findet eine Menge. Julius Kohlberg gründet in Tarija, Boliviens südlichste Großstadt, ein Fuhrunternehmen. Sein Sohn übernimmt die Firma, ist außerdem Sportler und Mitglied der bolivianischen Nationalmannschaft. Lange Zeit hält er den nationalen Rekord im Zehnkampf. Und der bolivianische Zweig der Familie steigt in den Weinbau ein. Kohlbergs gelten in Übersee als die bolivianischen Weinpioniere. Heute produziert die Familienfirma 58 Prozent des bolivianischen Weins. Kohlberg-Weine sind im Andenland berühmt.

Der Beelitzer Ditmar Kohlberg mit einer Flasche Kohlberg-Wein aus Bolivien

Der Beelitzer Ditmar Kohlberg mit einer Flasche Kohlberg-Wein aus Bolivien.

Quelle: Jens Steglich

Ditmar Kohlberg recherchierte später eine E-Mail-Adresse seiner fernen Verwandten und schrieb: „Guten Tag Familie Kohlberg. Mein Name ist Ditmar Kohlberg aus Beelitz/Potsdam...“ Dann erzählt er vom Großvater und dem Briefwechsel mit dessen Bruder Julius. Antwort bekommt er auf spanisch. Der Kontakt schläft dann für zwei Jahre ein, bevor im Februar 2016 in Beelitz eine E-Mail von Herbert Kohlberg-Campero ankommt, der ankündigt, beruflich nach Deutschland zu reisen.

Im März 2016 begegnen sich die Enkel von Paul und Julius Kohlberg das erste Mal in einem Hotel in Berlin. „Wir guckten uns beide komisch an und ich fragte: ’Kohlberg?’“ Der Großcousin aus Bolivien sagt „Ja!“ und Ditmar Kohlberg antwortet: „Ich bin auch ein Kohlberg.“ Beim Besuch in Beelitz gibt es dann noch ein paar Flaschen Wein – Kohlberg-Wein.

Biografisches

Paul August Kohlberg wird am 3. Dezember 1879 in Hamburg geboren.

Nach Abdankung des Kaisers arbeitet er als kleiner Beamter bei einer Rentenkasse in Berlin, später verdient er sich ein Zubrot als Pförtner bei der DDR-Mineralölgesellschaft Minol. Mit seiner Frau, die aus Beelitz stammt, wohnt er bis 1973 in der Potsdamer Siefertstraße 2 unweit des Stadtschlossstandorts.

Als seine Frau stirbt, lebt er kurze Zeit auch beim Enkel in der Beelitzer Kantstraße, bevor er mit 90 Jahren zu seiner Tochter in Diez an der Lahn zieht. Dort stirbt er am 4. April 1979 mit 99 Jahren. Beigesetzt ist er wie seine Frau in Beelitz.

Von Jens Steglich

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