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Der perfekte Sound von Anne-Sophie Mutter

Der Kleinmachnower Tonmeister Bernhard Güttler Der perfekte Sound von Anne-Sophie Mutter

Als gefragter Tonmeister arbeitet der Kleinmachnower Bernhard Güttler mit berühmten Musikern zusammen, seien es Dirigenten oder Solisten wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Dabei bleibt der „Techniker“ diskret im Hintergrund. Güttler selbst ist geprägt von frühen musikalischen Eindrücken – einer davon stammt von seinem Vater.

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Bernhard Güttler im Tonstudio. Der Sohn des weltberühmten Trompeters Ludwig Güttler hat sich ebenfalls der Musik verschrieben, allerdings mehr der technischen Seite.

Quelle: kkh

Kleinmachnow. Die Musik hatte schon immer zum Leben von Bernhard Güttler gehört. „Es war mehr eine passive Immersion“, sagt der 47-Jährige, der heute mit seiner Familie in Kleinmachnow wohnt. Schließlich war das Leben der Familie um den Beruf des Vaters Ludwig Güttler gestrickt, der als Trompeter Weltruhm genoss. Der Sohn erinnert sich, oft in Proben mit Ausmalheften beschäftigt worden zu sein. Auch Musikinstrumente habe er erlernt, aber das sei von der Mutter gesteuert worden. Als seine wichtigste musikalische Erfahrung bezeichnet Güttler aber seine Zeit im Kinderchor der Dresdener Philharmonie: zwei bis drei Proben in der Woche, Stimmbildung und Sprecherziehung – ein straffes Programm. Dazu Klavierunterricht und später auch Oboenstunden. „Aber als Achtjähriger das erste Mal mit dem Chor auf der Bühne, dahinter das Rundfunkorchester Berlin und man singt Beethovens Neunte oder Mahlers Achte – das ist eine Intensität, das erlebt man als Erwachsener nie wieder“, schwärmt er.

Doch Güttler war hinsichtlich seiner Leidenschaften nicht einseitig: Er habe auch immer eine ausgeprägte technische und naturwissenschaftliche Ader gehabt, erzählt er, sich für Themen wie Astronomie und Nuklearphysik interessiert. Ohne Fernsehen aufgewachsen, liebte er in der elterlichen Wohnung „die Wände voller Bücher – und das waren fast alles Bücher für Große“. Dass heute vieles kindgerecht aufbereitet wird, hält er für eine Marketingstrategie: „Kinder brauchen Dinge, die sie überfordern und ihre Neugierde anregen!“

Letztlich sei der Berufswunsch Tonmeister im Nachhinein also logisch gewesen, sagt er – eine Symbiose aus Musik, Technik und Wissenschaft. Weder Künstler, noch Techniker, sondern Kunsthandwerker. Ein Partner der Musiker, der Brücken zur Technik baut. Er ist verantwortlich für die Umsetzung von Musik in das technische Medium und die künstlerische Gestaltung. „Aber Technik ist nur das Mittel zum Zweck, sie darf nie spürbar sein“, erklärt er. „Die Musik muss beim Hörer so entstehen, dass er sie möglichst unmittelbar wahrnimmt.“ Es ginge darum, „die Illusion von Realität zu erzeugen“, sagt Güttler und bezeichnet sich selbst als Illusionisten. Das Hauptproblem dieses wunderschönen Berufs sei, so ergänzt er, dass er sich selbst vernichtet. Denn die besten Tonmeister seien jene, die man am wenigsten wahrnimmt. „Der Beruf steht ein bisschen auf der Liste der bedrohten Arten, es ist schwer messbar, was wir tatsächlich leisten. Wir sind wie Schönheitschirurgen – da redet man nicht drüber, die hat man.“

Als Selbstständiger hat er schon „mit allen“ zusammengearbeitet: Darunter etwa das Gewandhaus Leipzig, die Berliner Orchester inklusive der Philharmonie und für das dänische Nationalsymphonieorchester ist er derzeit der Hauptproduzent mit 15 Produktionen im Jahr. Er hat mit Simon Rattle, Daniel Barenboim, Herbert Blomstedt oder Lang Lang aufgenommen und mit Anne-Sophie Mutter verbindet ihn eine kontinuierliche Kooperation. Künstler wollen Kontinuität, erklärt Güttler, man kann nicht immer alles immer neu kommunizieren, was man haben möchte – man braucht verlässliche Partner.

Nur mit seinem Bruder – dem Dirigenten Michael Güttler – habe es sich noch nicht ergeben, sagt er. Besonders spannend seien etwa die Aufnahmen eines Tschaikowski-Violinkonzerts mit Riccardo Muti, Anne-Sophie Mutter und den Wiener Philharmonikern in Salzburg gewesen oder – „ganz toll und musikalisch unheimlich beglückend“ – eines Sibelius-Violinkonzerts mit Andris Nelsons und Anne-Sophie Mutter im Concertgebouw in Amsterdam. Aber auch die Kammermusik liebt er und Filmmischungen für Musikdokus schneidet er, und wenn ein Livekonzert auch Bildmaterial hat, gehört auch das zu seinem Job. Bei allem, was er schon ausprobiert hat, fällt Güttler, der auch Dirigieren und Philosophie studiert hat und Tonmeister-Professor an der Hochschule für Musik in Detmold ist, nur ein: „Narzisstische Persönlichkeitsstörungen muss man ja haben in diesem Job.“

Auch Mathe und Physik werden gefordert

Der Tonmeister – auch als Musik- und Tonregisseur bezeichnet – studiert die Partituren und lernt die Musik kennen, erstellt gemeinsam mit dem Team einen Mikrofonplan. Dann wird aufgenommen, mit 48, 64 oder 72 Spuren – das meiste, womit Bernhard Güttler bis jetzt zu tun hatte, waren sogar 128. Während der Aufnahmen macht sich der Tonmeister für den Schnitt Anmerkungen in den Noten.

Bei Live-Konzerten gibt es meist eine Korrektursitzung, auch Proben werden aufgenommen.

Jährlich werden etwa zehn neue Tonmeister ausgebildet. Das Studium dauert vier Jahre bis zum Bachelor und dann noch mal ein bis zwei Jahre zum Master Musikregie. Neben einer Instrumentenprüfung auf dem Niveau eines Hauptfachstudenten werden bei der Aufnahmeprüfung Gehörbildung, Musiktheorie, Mathe und Physik verlangt.

Güttler macht auch selber noch Musik, er spielt Klavier, morgens Bachchoräle und zur Entspannung Wagner-Opern und Schubertlieder. Er singt auch gerne dazu – „wobei Singen unter Anführungszeichen, also eher imitieren“, wie er selbstkritisch ergänzt. Diese Routine klingt ein wenig nach seinen Erzählungen aus seiner Kindheit: In einer gutbürgerlichen Gegend ist er aufgewachsen, Sommerurlaub in Spanien, Besuch eines humanistischen Gymnasiums. Er erinnert sich an klassische Konzerte an Flügeln in der Schulaula, mit Gedichteabenden – inmitten der DDR, in Dresden.

In der 12. Klasse sollte Güttler dann mit seinen Klassenkollegen zur Mai-Demo, „um das Abi zu bekommen“. Als aufmüpfige Intellektuellengruppe haben er und seine Freunde sich bei der Direktorin über die vorgefertigten Transparente aufgeregt und wollten lieber eigene machen – sie boten auch an, vorher eine Liste mit den geplanten Losungen zur Genehmigung einzureichen. So wurde es auch gemacht. „Immer versucht, das System mit den eigenen Waffen zu schlagen, habe ich ein Zitat von Karl Marx gewählt: Das Kriterium der Wahrheit ist die Praxis“, erzählt Güttler. „Da konnten sie nicht nein sagen.“ Gemeinsam mit einem Schulfreund habe er ein Riesentransparent gemalt und dieses stundenlang getragen – bis kurz vor die Haupttribüne, wo er von einem Stasi-Eingreiftrupp brutal verhaftet, geknebelt, rausgeschliffen und abgeführt wurde.

Im Untersuchungsgefängnis hatte er dann einen kurzen heimlichen Dialog mit einem anderen Verhafteten – dieser war wegen eines Gorbatschow-Zitats da. Nach ein paar Stunden endete das Intermezzo für Bernhard Güttler in Freiheit, doch die Erinnerung an den anderen Teil seiner Welt, seiner damaligen Lebensrealität, ist präsent.

Von Konstanze Kobel-Höller

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