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Potsdam-Mittelmark Deutsche staunen über Russen
Lokales Potsdam-Mittelmark Deutsche staunen über Russen
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21:03 04.09.2017
Karl Farber (Mitte) in Moskau in der Nähe des Grabmals für den unbekannten Soldaten mit der „ewigen Flamme“ für Gefallene des Zweiten Weltkriegs. Quelle: Karl Farber
Bergholz-Rehbrücke

Eigentlich hat Karl Farber gar keine Lust, über sich selbst zu reden. „Es geht hier um eine Sache, um Aufklärung, um Verständigung und Toleranz, nicht um mich“, sagt er. Und trotzdem muss man ein bisschen über ihn und von seinem Leben erzählen, um eine Ahnung zu bekommen, was ihn treibt und warum er solche Reisen unternimmt. Karl Farber aus Bergholz-Rehbrücke hat zusammen mit 350 anderen Menschen aus ganz Deutschland und 15 weiteren Ländern im August 2017 an der Freundschaftsfahrt „Druschba“ teilgenommen. In Deutschland weitgehend unbeachtet, reisten die 350 Leute auf sieben Routen durch Russland, um etwas gegen Völkermobbing zu tun und für Völkerverständigung zu werben, wie er es ausdrückt. Die Sache, um die es ihm geht, ist in diesen Zeiten nicht einfach zu erklären. Zu schnell würde der Bergholz-Rehbrücker in einer Schublade landen.

Wer Karl Farber einen Russland-Versteher nennt, hätte recht und würde ihm im heute gern gebrauchten Kontext doch Unrecht tun. Farber ist einer, der den Hauptstrom gern verlässt, um Länder und Menschen richtig kennen zu lernen. Abseits der Protokollstrecken läuft er zu Hochform auf. Die Nebenstraßen, die kleinen Orte am Rande, die einfachen Leute sind sein Feld, auf dem er sich wohl fühlt. Dort findet er zu einem Erzählstil, der ihn in anderen Zeiten als Kameramann auszeichnete, der für die sensibelsten Dokumentarfilmer, die es in der DDR gab, die Bilder einfing. Sein Markenzeichen: Sich auf die Menschen, denen er begegnet, einlassen.

Farber hatte bei der „Druschba-Reise“ die Filmkamera zuhause gelassen. „Wenn ich drehe, bin ich so leidenschaftlich, dass ich es nicht mehr genießen kann.Ich wollte diese Reise genießen.“ Farber hat den Fotoapparat dabei, hält Kinder fest, die im Baum klettern, und eine alte Frau, die er „Mütterchen Russland“ nennt. In einer halboffenen Garage entdeckt er einen neuen Wolga. Der Russe, dem der Wolga gehört, erzählt ihm, dass es kein Wolga mehr ist. „Es ist ein Chrysler-Wolga mit amerikanischem Motor.“ Farber berichtet dem Russen, dass er 1965 in der DDR selbst einen Wolga fuhr, „um nach Betriebsfeiern unsere Schnapsleichen nach Hause zu bringen“. Gemeint sind die betrunkenen Betriebsleiter vom Volksgut Groß Kreutz, die er nach Potsdam kutschierte. Er hatte in Groß Kreutz Rinderzüchter gelernt, weil er einen Facharbeiter-Brief mit Abitur brauchte, um Tierarzt zu werden. Tierarzt ist er nie geworden.

Dieses Foto, das während der Reise entstand, nannte Karl Farber „Mütterchen Russland“. Quelle: Karl Farber

Es sind die einfachen Leute, für die sich Farber ins Zeug legt, wenn er hierzulande um Verständnis für Russland kämpft wie für einen Schulkameraden, der auf dem Pausenhof gemieden wird und abseits in der Ecke steht. „Die Russen haben sich gefreut und die Deutschen haben gestaunt, dass sich die Russen freuen“, erzählt er und spricht von menschlicher Größe, wie herzlich sie ihre ehemaligen Feinde empfangen haben. „Sie wollen beachtet werden und dazugehören“, sagt er und rät den Leuten in seinem eigenen Land, „sich mal die Mühe zu machen, sich in die anderen hineinzuversetzen“. Farber jedenfalls hat unter den Russen die Sehnsucht ausgemacht, das belastete Wort „Druschba“ (Freundschaft) im Wortsinn ernst zu nehmen. „Sie leiden darunter, in der Ecke zu stehen“, sagt er. Farber leidet ein bisschen mit ihnen.

Von den russischen Automarken Wolga und Moskwitsch hörte er das erste Mal in seinem Leben im erzkonservativen Bayern der 1950er Jahre. Karl Farber ist dort aufgewachsen, lebte ein Jahr lang auch bei seinem Onkel, der seine bayerischen Nachbarn mit der Ankündigung ärgern wollte, er werde künftig Moskwitsch oder Wolga fahren. Im damaligen Bayern wird Farber mit einem einfachen Weltbild mit wenig Zwischentönen groß, das ein Gut und ein Böse kannte und die Eigenschaften geografisch dem Westen und der Ostzone zuordnete. „Bei mir passierte dann etwas krasses, würden junge Leute heute sagen“, so Farber. Als 13-Jähriger Junge einer katholischen Knabenschule landet er 1958 auf der anderen Seite. Drei Tage später erzählt man ihm in der Bruno-H.-Bürgel-Schule in Potsdam-Babelsberg das Gegenteil. Plötzlich sind die Kommunisten die Großartigen und die Christen und „Bonner Ultras“ die Bösen. Er zieht für sich den Schluss: „Beide Seiten müssen lügen.“

Dass er damals wie ein Geisterfahrer entgegen des Hauptstromes von West nach Ost wechselte, lag an seiner Mutter. Die Ärztin arbeitete in einer Klinik im bayerischen Oettingen und bewarb sich dort um die Leiterstelle. Es war die Zeit, als die Kriegsgefangenen zurückkehrten, unter ihnen ein SS-Arzt, der auch Klinikleiter werden wollte. Für Frauen, die höhere Positionen anstrebten, waren es keine gute Zeiten. Der SS-Arzt bekam den Posten. „Das hat meine Mutter gekränkt“, sagt der Sohn. Der Mutter haben sie heute im Heimatmuseum in Oettingen sogar eine kleine Ecke gewidmet. Damals rief sie ihre Schwester in der DDR an und erzählte ihren Kummer. Die Schwester leitete die orthopädische Klinik im Babelsberger Oberlinhaus und war dort als Doktor Schiele-Farber eine Legende. Sie riet der Schwester in Bayern nach der Kränkung, rüber zu gehen, in den Osten, wo Emilie-Maria Farber in Bergholz-Rehbrücke eine angesehene Landärztin wurde.

Die „Druschba-Reise“ 2017 war nicht die erste Begegnung Karl Farbers mit Russland. Er war vor 1989 einige Male dort – als Dokumentarfilmer an der „Druschba-Trasse“, jene Leitung, die aus der damaligen Sowjetunion die Staaten des Ostblocks mit Erdgas versorgen sollte und an der auch tausende junge Leute aus der DDR bauten. Mit der Filmkamera macht Farber auch dort das, was er gern tut – ab und an die vorgegebenen Haupttrassen verlassen. Bei Dreharbeiten sieht er an Häusern in einem Dorf Sterne in unterschiedlicher Zahl. Er begegnet einem Mütterchen und fragt sie im gebrochenen Russisch, was die drei Sterne an ihrem Haus zu bedeuten haben. Die Frau erzählt dem Deutschen, dass die Sterne für ihre drei Söhne stehen, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, und fügt noch den Satz hinzu: „Es ist schön, mein Söhnchen, dass du danach fragst.“

Preisgekrönter Dokumentarfilm über eine Fährfrau

Karl Farber arbeitete zu DDR-Zeiten als Kameramann für die Dokumentarfilmer Peter Rocha und Kurt Tetzlaff.

Beim Dokumentarfilm „In der Strömung“ (1982/83) führte er auch Regie.

Für dieses Filmporträt einer Fährfrau bekam er bei den Internationalen Dokumentarfilmwochen in Leipzig einen Preis.

Als der Film im Leipziger Capitol Anfang der 1980er Jahre aufgeführt wird, geht einen Raunen durch den prall gefüllten Kinosaal. Bei der Frage an die Fährfrau, ob ihr Traum denn in Erfüllung gegangen ist, antwortet sie: Ja, er hat sich erfüllt. Das einzige ist nur, dass man hier an der Kette hängt. Das DDR-Publikum hatte ein Ohr für zweideutige Zwischentöne.

Bei der Druschba-Reise vom 23. Juli bis 13. August gab es für die 350 Teilnehmer sieben Routen. Karl Farber wählte die Tour über Kaliningrad, Riga, St. Petersburg, Moskau und zurück über Smolensk, Minsk, Warschau nach Berlin. In seinem Bus trifft er Frank Paul. Erst nach der Reise merken beide, dass sie aus dem gleichen Ort stammen – aus Bergholz-Rehbrücke.

Von Jens Steglich

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