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Die Abenteuer des Werner Bock (101)

Der Rehbrücker ist der älteste im Ort Die Abenteuer des Werner Bock (101)

Werner Bock geht auf die 102 zu, hat eine 89-jährige Freundin und geht jeden Tag in die Kantine zum Mittagessen. Freitags holt er sich immer einen Broiler vom Wochenmarkt. Das Fernsehgerät bleibt tagsüber aus und wird erst 20 Uhr angeschaltet – zur Tagesschau. „Ich belaste mich nicht mit unnützem Mist, deshalb bin ich 100 geworden“, sagt er.

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Der heute 101-Jährige im ersten Lebensjahr mit seiner Mutter.

Quelle: Privat

Bergholz-Rehbrücke. Mit 90 hat er noch Liegestütze gemacht, mit 100 Jahren Kniebeuge, und jetzt genießt er die Sonne auf dem Balkon. Sobald das Frühjahr und der Sommer kommen und andere ihre Vorhänge zuziehen, weil die Sonne blendet, liegt Werner Bock auf der Liege und sonnt sich. Zum Beweis zieht er ein Hosenbein hoch und zeigt eine herrlich gebräunte Wade. Er ist jetzt 101 und ein halbes Jahr alt. Auf das halbe Jahr legt er Wert. Werner Bock ist der älteste Bergholz-Rehbrücker, hat eine 89-jährige Freundin, geht jeden Tag zum Mittagessen in die Kantine des Ernährungsinstituts und holt sich immer freitags auf dem Wochenmarkt einen Broiler.

„Ich belaste mich nicht mit unnützem Mist, deshalb bin ich 100 geworden“, sagt er. Der Rehbrücker kann zwar 50 TV-Programme empfangen, in seiner Fernsehzeitung ist mit Kugelschreiber aber alles durchgestrichen, was er nicht sehen will. Das ist fast alles. Nicht durchgestrichen sind Sendungen wie „Expeditionen ins Tierreich“ und die Nachrichten auf ZDF und ARD. „Für den anderen Sch... ist jede Minute zu schade“, sagt er. Deshalb bleibt das Fernsehgerät auch tagsüber aus und wird erst 20 Uhr angeschaltet – zur Tagesschau.

„Die Tagesschau verpasst er nie“, sagt sein Nachbar Martin Siegert. Er gehört mit zu der Runde von vier bis fünf Männern, die Werner Bock immer in der Kantine zum Mittagessen trifft. „Zehn nach elf geht es los in die Kantine und dann wird geschwatzt.“ Manchmal bringt der 101-Jährige auch einen Zeitungsausschnitt mit und sagt zu den anderen am Tisch: „Guckt mal, was die Merkel da gesagt hat“, erzählt der Nachbar. Auch danach geht alles seinen geregelten Gang. 12 Uhr ist Werner Bock wieder daheim, macht Mittagsschlaf, bevor Kaffeetrinken und Zeitungsstunde anstehen – das Wichtigste neben der Tagesschau. „So bleibt das Gehirn in Bewegung“, sagt der Jahrhundert-Mann, der zwei Söhne „mindestens fünf Enkelkinder und einen Ur-Ur-Enkel“ hat. Das „Ur-Ur“ wiederholt er stolz zwei Mal.

In Deutschland regiert Kaiser Wilhelm II., das Attentat von Sarajevo ist gerade mal ein halbes Jahr her und der Vater muss in den Ersten Weltkrieg ziehen, als Werner Bock am 16. Januar 1915 in Hohnstädt (Sachsen) bei Grimma das Licht der Welt erblickt. Später in der Schule hilft er seiner Banknachbarin. „Sie hat bei mir abgeschrieben und ging später aufs Gymnasium, weil ihre Eltern Geld hatten.“ Er hatte die besseren Noten, die Eltern aber nicht genug Geld.

Weil er etwas von der Welt sehen will, sagt Werner Bock bei der Musterung zum Militärdienst: „Ich will zur Marine.“ Es sind gefährliche Zeiten für einen, der von 1935 bis 1945 zur See fährt. „Ich hatte aber immer Glück.“ Zuhause hatten sie schon um ihn geweint, als es in den Nachrichten hieß: Kreuzer Leipzig torpediert und gesunken! Der Kreuzer war sein Schiff, die Meldung aber nicht ganz richtig. Vor der Küste Spaniens hatte zwar ein Torpedo das Schiff getroffen, „er ist aber nicht explodiert“. Als der Kreuzer Leipzig im Zweiten Weltkrieg dann wirklich schwer beschädigt wird, ist Werner Bock im Heimaturlaub.

Werner Bock 2015 zu seinem 100

Werner Bock 2015 zu seinem 100. Geburtstag.

Quelle: Privat

Nach dem Krieg macht er unter anderem Ausbildungen zum Maschinenbaumeister, zum Gewerbelehrer, wird Lichtbogen- und Gasschweißer und erwirbt an einer Fachhochschule auch noch den Akademischen Grad eines Diplom-Ingenieurs. Und er ist zwei Mal verheirat.

Als seine zweite Frau stirbt, will er sich über Annoncen und Partnervermittlungen eine neue suchen. Während der Suche nach der Gefährtin geht die DDR unter. „Dann kam der Kapitalismus und die wollten nur noch abkassieren“, erzählt er. Einen Anruf wie aus alten Zeiten, als die Partnersuche nicht so teuer war, bekommt er aber noch: Sie hätten da jemanden – eine Frau, die bisher alle Männer abgewiesen hat, hieß es am Telefon.

„Das hat mich dann erst recht interessiert.“ Werner Bock fährt zu der Frau und nimmt selbstgebackenen Kirschkuchen mit. „Als ich dann auch noch erklären konnte, wie man einen Kirschkuchen backt, wurde ihr Gesicht immer länger und meine Chancen stiegen.“ Der Charmeur mit dem sächsischen Humor erzählt auch von seiner damaligen Andeutung, er habe noch Kuchen bei sich zu Hause. „Es hat schnell gefunkt“, sagt er. Das war vor etwa 25 Jahren – als Werner Bock Hilde fand, die in Leipzig wohnt. „Drei Mal in der Woche rufen wir uns an“, sagt er und fügt hinzu: „Hilde ist 89 und auf Draht.“ Im Kalender stehen die Tage und Zeiten genau drin, wann sie miteinander telefonieren.

Manchmal kommt Hilde auch zu Besuch nach Bergholz-Rehbrücke. Dort lebt der gebürtige Sachse seit fast 20 Jahren. 1997 holte sein Sohn, der mit seiner Familie ein Haus in Rehbrücke kaufte, den Vater mit nach Brandenburg. Der Vater hatte damals nur eine Bedingung: Er will in einer eigenen Wohnung leben. „Hier pfuscht mir keiner rein. Selbstständig muss man sein, solange es geht“, sagt er heute noch. Ausschlafen kann er zu seinem Bedauern aber nicht. „Jeden Morgen kommt eine Schwester und setzt mir Medizin vor. Danach mache ich aber, was ich will.“ Zum Beispiel in Ruhe frühstücken und mittags in die Kantine gehen.

„Wenn Hilde da ist, herrscht Ordnung“, sagt Werner Bock. „Wenn sie wieder nach Hause fährt, ist er traurig“, weiß Nachbar Martin Siegert. Er holt Hilde immer in Leipzig ab, fährt sie nach Rehbrücke und danach auch wieder zurück. Vor der Rückfahrt bekommt er noch mit auf den Weg: „Fahr’ vorsichtig, du hast Goldstaub im Auto.“

Einen Sommer will er noch erleben „und dann ist gut“, sagt Werner Bock. „Das sagst Du schon einige Jahre“, meint der Nachbar. „Ich geb’ mir Mühe, schon wegen der Hilde“, verspricht der 101-Jährige, der in fünf Monaten 102 wird.

Die Ältesten

Werner Bock ist mit seinem Geburtsjahr 1915 mit Abstand der ältestes Bewohner in Bergholz-Rehbrücke. In der aktuellen Statistik der Geburtsjahre folgt für den Ort erst 1918 die nächste Eintragung.

Der älteste Mensch, dessen Alter auch vollständig verifiziert werden konnte, ist die Französin Jeanne Calment, die 122 Jahre und 164 Tage alt wurde. Sie wurde am 21. Februar 1875 geboren und starb am 4. August 1997.

Auf der Liste der 100 ältesten Menschen der Weltgeschichte folgt ebenfalls eine Frau. Sarah Knauss aus den USA wurde 119 Jahre und 97 Tage alt. Sie starb am 30. Dezember 1999.

 

Als ältester noch lebender Mensch gilt momentan die Italienerin Emma Morano-Martinuzzi, die am 29. November 1899 geboren wurde.

Als ältester Mensch aus dem deutschsprachigen Raum wird Augusta Holz geführt, die in die Vereinigten Staaten emigrierte und im Alter von 115 Jahren und 79 Tagen starb. Sie wurde am 3. August 1871 geboren und starb am 21. Oktober 1986.

Von Jens Steglich

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