Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Die Mutige aus Michendorf

Frieda Sydow half Jüdinnen in der Nazi-Zeit Die Mutige aus Michendorf

Siegfried Sydow dürfte etwa zwei Jahre alt gewesen sein, als seine Mutter zu einer Heldin wurde. Er war zu jung, um heute davon erzählen zu können, wie sie Jüdinnen in der Nazi-Zeit half. Er kann aber von den vielen Paketen erzählen, die nach dem Krieg aus Amerika an seine Mutter Frieda Sydow geschickt wurden – aus Dankbarkeit.

Michendorf 52.3127264 13.026067
Google Map of 52.3127264,13.026067
Michendorf Mehr Infos
Nächster Artikel
Löschangriff ohne Licht in Lütte

Frieda Sydow mit ihrem Sohn Siegfried. Das Foto ist undatiert, dürfte aber ungefähr aus dem Jahr 1939 stammen.

Quelle: Friedrich Bungert

Michendorf. Siegfried Sydow war zu jung, um sich daran erinnern zu können. Er dürfte etwa zwei Jahre alt gewesen sein, als seine Mutter zu einer Heldin wurde. Der Mut der Michendorferin blieb von der Welt weitgehend unbemerkt – bis heute. Siegfried Sydow kann aber von den vielen Paketen erzählen, die nach dem Krieg aus Amerika über den Umweg Berlin nach Michendorf kamen und für seine Mutter Frieda Sydow (1894 – 1974) bestimmt waren. In so einem Paket steckten zum Beispiel Schmalz, jede Menge Kaffee und manchmal Schuhe. Geschickt wurden die Pakete von Ernest M. Orkin aus New York – im Auftrag seiner Schwester Rosa Jevy-Jessel, einer Jüdin, die sich unendlich dankbar zeigte für die Hilfe, die sie in dunklen Zeiten von der Deutschen Frieda Sydow erhalten hat. „Einmal haben sie in Kanada auch einen Anzug für mich gekauft und nach Deutschland geschickt“, erzählt der Sohn von Frieda Sydow.

Siegfried Sydow (80) heute auf dem Hof der Familie in Michendorf

Siegfried Sydow (80) heute auf dem Hof der Familie in Michendorf.

Quelle: Jens Steglich

Rückblende. Die Jüdin Rosa Levy-Jessel war die Frau des Berliner Arztes Henry Levy-Jessel, der in der Zeit der Weimarer Republik im Haus in der Bahnstraße 26 in Michendorf ein Sanatorium für jüdische Kinder einrichtete. Dort konnten die Kinder Krankheiten auskurieren oder ihre Ferien verbringen. Nach der Machtübernahme der Nazis kam das Aus für das jüdische Kindersanatorium. Die örtlichen Nazi-Größen in Michendorf griffen auch nach dem Gebäude und machten es zum „Haus der NSDAP“. Der jüdische Mediziner erlebte die feindliche Übernahme und die allerschlimmsten Zeiten nicht mehr mit: Er starb am 26. August 1938 – wenige Wochen vor der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Als seine Frau – beide hatten in der Villa hinter dem Sanatorium gewohnt – Haus und Grundstück in der Bahnstraße verlassen musste, fand sie Unterschlupf bei der Michendorferin Frieda Sydow, bevor die Jüdin später bei ihrer Schwester in Berlin unterkam. Von dort gelang ihr die Flucht aus Deutschland, die sie nach Palästina geführt haben soll – und später in die USA. Das legen Dokumente nahe, die der Michendorfer Heimatforscher Hans-Joachim Strich zusammengetragen und vor einiger Zeit dem Heimatverein übergeben hat. In dem Fundus finden sich auch Dankesbriefe an Frau Sydow, die belegen, dass sie Jüdinnen in der Nazi-Zeit beistand. Am 6. Oktober 1946 schrieb der Bruder von Rosa Levy-Jessel: „Das Schicken der Pakete und die Korrespondenz mit Ihnen hat mir viel Vergnuegen gemacht und ich denke, das Gefuehl war zweiseitig. Sie schrieben einen sehr schönen Brief und ich wuenschte es gebe mehr Sydows und weniger Hitlers und Goerings.“ In einem Brief bittet er Frieda Sydow, den jüdischen Friedhof in Potsdam zu besuchen. „Wir moechten gerne wissen, ob die Nazis unsere Mutter und den Dr. Levy haben ruhig schlafen lassen.“ Levy war 1938 in Potsdam beigesetzt worden.

Frieda Sydow hat weiteren Jüdinnen geholfen. Es gibt zum Beispiel einen Brief von Berta Benetsch aus Berlin-Wilmersdorf, die am 18. November 1945 an die Michendorferin schrieb: „Nie werde ich vergessen, wie Sie mir, die ich als Jüdin so sehr zu leiden hatte, durch Ihre stete Hilfsbereitschaft die schweren zwölf Jahre leichter zu ertragen halfen. Ihre aufmunternden Worte und Ihre antifaschistische Einstellung gaben mir immer von neuem Mut, auf bessere Zeiten zu hoffen und weiterzuleben.“

Sie war ein hilfsbereiter Mensch und eine geschäftstüchtige Frau, sagt Siegfried Sydow, der 1936 geboren wurde. Seine Mutter führte den Bauernhof der Familie, der auch das jüdische Kinderheim mit Milch versorgte, einige Zeit allein und mit modernen Methoden. Produkte vom Hof in der Schmerberger Straße, zu dem 25 Hektar Anbaufläche gehörten, bot sie sogar in Berlin auf dem Wochenmarkt am Wittenberg-Platz an. Von Michendorf fuhr morgens drei Uhr ein Lastwagen mit Obst und Gemüse los „und wenn sie dann ankam, hatte der Lkw-Fahrer alles schon aufgebaut“, erzählt der Sohn. Später fuhren die Sydows mit Pferdewagen auch auf den Potsdamer Wochenmarkt, um etwa frische Eier, Obst und Kartoffeln zu verkaufen. Auf den Mann, mit dem sie ihren Sohn bekommen sollte, wartete sie längere Zeit. Einen langjährigen Verlobten heiratete sie jedenfalls nicht, gab stattdessen später eine Annonce auf. Sie suchte eigentlich einen Wirtschafter für den Bauernhof und fand ihren späteren Mann – Otto Sydow, der sich aus Posen meldete und dann nach Michendorf zog.

„Sie mochte gern Gesellschaft. Tagsüber wurde gearbeitet, abends kamen Gäste“, erzählt der Sohn. „Und Freundschaften wurden hochgehalten.“ In den Fotoalben der Sydows befinden sich auch private Bilder von der Jüdin Rosa Levy-Jessel und ihrer Familie. Wie die Fotos dorthin gekommen sind, weiß der Sohn nicht. Er war zu jung – damals. Die Bilder sind ein weiteres Indiz dafür, dass die Jüdin eine Zeit auf dem Sydow-Hof unterkam. Siegfried Sydow besitzt noch Briefe aus New York, in denen viel von den Paketen die Rede ist, die nach dem Krieg in das Land geschickt wurden, aus dem Rosa Levy-Jessel fliehen musste. In den Briefen wird darum gebeten – abgesehen von wenigen Ausnahmen –, niemand anderem etwas aus den Paketen abzugeben.

Nazi-Zeit in Michendorf

Nach Recherchen des langjährigen Ortschronisten Hans-Joachim Strich kam es 1938 auch in Michendorf zu Übergriffen. Der Laden des jüdischen Geschäftsmanns Hermann Scheidemann wurde geschlossen, er selbst beschimpft und bespuckt. Am Heideweg wurde das Haus des Juden Moses durch Brandstiftung zerstört.

Frieda Sydow bewies, dass man sich anders verhalten konnte: Eine Berta Benetsch schrieb 1945 an die Michendorferin, ihr ist es jetzt, nachdem die Furcht vor dem Schrecken des Naziregimes vorüber ist, ein Herzensbedürfnis, den innigsten Dank für alles Liebe und Gute auszusprechen, was Frieda Sydow für sie und ihre Kinder getan hat.

 

Von Jens Steglich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam-Mittelmark

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg