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Die Rückkehr eines brisanten Nachlasses

Ausstellung über brillanten Illustrator Die Rückkehr eines brisanten Nachlasses

Darf man die Bilder eines einst aktiven Nationalsozialisten im Gemeindezentrum zeigen? Ja, sagt Historiker Rainer Paetau. „Man darf sie zeigen, wenn man die Schattenseiten seiner Biografie nicht verschweigt.“ In Wilhelmshorst ist jetzt eine Schau mit Werken des brillanten Tierillustrators Erich Schröder zu sehen, der auch NSDAP-Ortsgruppenleiter war.

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Erich Schröder bei der Arbeit – um 1925.
 

Quelle: Verein Ortsgeschichte Wilhelmshorst

Wilhelmshorst.  Er war ein brillanter Tierillustrator. Renommierte Biologen und Ornithologen seiner Zeit ließen die Tiere für ihre Wissenschaftsbände von ihm zeichnen. Er war auch ein Meister des Linoleumschnitts und ein begnadeter Kunstmaler, der für Kinder- und Märchenbücher die Bebilderung lieferte. Und Erich Schröder, von dem hier die Rede ist, war NSDAP-Ortsgruppenleiter in Wilhelmshorst, gehörte dem Nationalsozialistischen Kampfbund für deutsche Kultur an, an dessen Spitze NS-Rassenideologe Alfred Rosenberg stand.

An diese brisante Mischung wagen sich jetzt Wilhelmshorster Ortshistoriker heran und organisieren eine kunstgeschichtliche Ausstellung mit Werken Schröders. Sie sind sich bewusst, dass sie Fragen gestellt bekommen. Darf man Bilder eines aktiven Nationalsozialisten im Gemeindezentrum ausstellen? Ja, sagt Rainer Paetau, Historiker und Vorsitzender der Freunde der Wilhelmshorster Ortsgeschichte, wie sich der Geschichtsverein nennt. „Man darf sie zeigen, wenn man die Schattenseiten seiner Biografie nicht verschweigt“, so Paetau. Das war auch die Bedingung für die Ausstellung, die am Samstag eröffnet wird und Schröder-Werke zeigt, die bisher nur seine Familie zu Gesicht bekam. Aus Sicherheitsgründen werden Reproduktionen ausgestellt, weil die Originale alles Unikate sind.

 Es ist ein erstaunliches Erbe, das sich im Besitz der Kinder befindet und nun in Teilen in Wilhelmshorst zu sehen ist. Paetau spricht von einer mittleren Sensation, dass der Nachlass erhalten geblieben ist, von dessen Breite und Qualität bis vor kurzem keiner etwas wusste. „Dass Überraschende daran ist, dass hinter dem NS-Ortsgruppenleiter die Biografie eines Kunstmalers steckt, der neben den bekannten Tierillustrationen erstaunliche Werke geschaffen hat“, sagt Paetau. Werke, die auch die Frage aufwerfen, wie ein feinsinniger Künstler der Nazi-Ideologie verfallen konnte? „Wir müssen noch genauer erforschen, wie Schröder einzuordnen ist. Wir können hier momentan nur Fragen stellen und Vermutungen liefern, Antworten haben wir noch nicht“, sagt Paetau und fügt hinzu: „Wir haben keine Erkenntnisse, dass er in Straftaten verwickelt war.“

Ausstellung im Wilhelmshorster Gemeindezentrum

Die Ausstellung „Erich Schröder (1893 – 1945): Kunstmaler, Tierillustrator und NS-Ortsgruppenleiter – zum Umgang mit Werk und Biografie“ wird am Samstag, dem 19. März, 16 Uhr, eröffnet.

Im Gemeindezentrum Wilhelmshorst, Albert-Schweitzer-Straße 9-11, werden neben bekannten Tierillustrationen in Büchern auch bisher unbekannte Werke Erich Schröders gezeigt. Zu sehen sind zudem seine Zeichenutensilien.

Zur Ausstellungseröffnung am Samstag wird die Wilhelmshorster Kunsthistorikerin Antje Ziehr eine Einführung zu den ausgestellten Werken geben.

Die Ausstellung mit den Werken Erich Schröders ist außerdem am Sonntag, dem 20. März, in der Zeit von 14 bis 18 Uhr, geöffnet. Weitere Termine können danach gesondert verabredet werden. Reproduktionen der Werke hängen über den Sommer im Gemeindezentrum und können zu den jeweiligen Öffnungszeiten angeschaut werden.

Erich Schröder wird 1893 als Sohn des Tiermalers Wilhelm Schröder in Berlin-Charlottenburg geboren. Er besucht die Kunstgewerbeschule und folgt den Fußstapfen des Vaters. Schon mit 15 Jahren kann er bemerkenswert gut zeichnen, wie Entwürfe aus der Zeit zeigen. Der Berliner Zoo und namhafte Biologen engagieren Erich Schröder für ihre Tierillustrationen. Zu seiner Zeit fehlt die Technik für naturgenaue Fotos. Schröder zeichnet Vögel in einer Qualität, dass Ornithologen auf ihn aufmerksam werden. So sichert sich der Wissenschaftler Oskar Heinroth, dem heute noch eine Gedenktafel in Berlin-Tiergarten gewidmet ist, seine Dienste für die vierbändige Ausgabe „Die Vögel Mitteleuropas“, damals ein Standardwerk der europäischen Ornithologen. Schröders Vorliebe galt außerdem deutschen Sagengestalten und Märchen. In seinen frühen Jahren setzt er sich auch mit den Themen Tod und Religion auseinander. In seinem Nachlass findet sich eine Kohlezeichnung mit einer Christus-Darstellung als Heiland oder ein Bild, das den Tod zeigt, wie er an der Spitze einer Kavallerie reitet. Mit dem Geld, das Schröder mit Buchillustrationen verdient, kann er sich ein Haus in Wilhelmshorst in der heutigen Peter-Huchel-Chaussee 93 bauen.

Der Kunstmaler tritt 1932 in die NSDAP ein, ab 1934 ist er Ortsgruppenleiter. Am 19. Mai 1945 verhaften ihn sowjetische Soldaten und bringen ihn in ein Internierungslager. Danach gilt er als vermisst und wird 1958 für tot erklärt. Wahrscheinlich starb Erich Schröder im Herbst 1945 in dem Lager. Seine Frau flüchtet mit den Kindern 1950 nach Wiesensteig in Württemberg. Die Werke ihres Mannes gelangen über Westberlin nach Württemberg. 66 Jahre später ist ein Teil davon nach Wilhelmshorst zurückgekehrt.

Von Jens Steglich

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