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Die Scham der Nazi-Söhne

Mutiges Trio in Wilhelmshorst Die Scham der Nazi-Söhne

„Vater war Nazi“: Im Wilhelmshorster Gemeindezentrum haben drei Söhne von NSDAP-Funktionären über ihre Familiengeschichte, über die Scham und das Schweigen der Eltern gesprochen. Für ihren Mut, öffentlich darüber zu reden, haben sie am Ende großen Applaus bekommen.

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Ingo Allwardt, Ekkehard Schröder und Trutz Kayser (v.l.) stellten sich in Wilhelmshorst den Fragen der Moderatoren und des Publikums.

Quelle: Jens Steglich

Wilhelmshorst. Er habe im Vorfeld einer Veranstaltung noch nie so viele E-Mails bekommen. „In 90 Prozent davon stand: Was für ein Mut“, sagt Rainer Paetau und fügt hinzu: „Als Historiker brauche ich keinen Mut. Den Mut haben diese drei hier bewiesen.“ Nach dem Satz applaudiert der ganze Saal. Die drei Männer, denen der Beifall gilt, sind Söhne von NSDAP-Funktionären. Am Samstag sprachen sie im Wilhelmshorster Gemeindezentrum offen und öffentlich über ihre Familiengeschichte, vom Nachfragen und Verdrängen und von den Schwierigkeiten der Eltern, mit den Kindern über ihre Biografien zu reden.

Ein Vater starb im Internierungslager

Dem Gespräch, das die Historiker Rainer Paetau und Juliane Brauer moderierten, stellte sich Trutz Kayser, Sohn von Oskar Kayser (1900– 1987), der im Dienst des Propaganda-Ministeriums von Goebbels als Reichsredner durchs Land zog und über den Lebensraum im Osten sprach. Und Ingo Allwardt, dessen Vater Adolf Allwardt (1905–1944) von 1933 bis 1938 NSDAP-Ortsgruppenleiter in Michendorf war sowie Ekkehard Schröder, Sohn von Erich Schröder, einem Kunstmaler und Buchillustrator, der von 1934 bis 1945 in Wilhelmshorst NSDAP-Ortsgruppenleiter war. Der Vater wurde 1945 durch sowjetische Soldaten verhaftet und starb im Internierungslager. Familie Schröder verließ 1950 Wilhelmshorst in Richtung Westen nach Württemberg. „Vater wurde im Familienkreis als guter Mensch und Maler idealisiert“, erzählt der Sohn. Die Schwierigkeiten mit der Vergangenheit zeigten sich noch im Jahr 2000 bei einer Ausstellung über den Vater in der neuen Heimatregion. „Wir wollten andeuten, dass er in der NSDAP war und welche Verantwortung er hatte“, sagt der Sohn. Es sollte so etwas wie ein Kompromiss zwischen den Kindern und der Mutter sein. „Als Mutter den Lebenslauf vorlas, hat sie den Satz dazu vergessen.“

Ähnliches erlebte auch Trutz Kayser in seiner Familie. „Der Vater stand auf dem Sockel.“ Die zwischenzeitliche Flucht in den Westen beförderte die Auseinandersetzung mit dem Geschehen vor 1945 nicht. „Ich bin zwei Jahre im Rheinland zur Schule gegangen. Dort spielte damals das Thema NS-Vergangenheit keine Rolle“, erzählt er. „Es war eine heile, entpolitisierte Welt“, so Trutz Kayser. Der Sohn kehrte schließlich ohne den Vater zur Mutter in die alte Heimat zurück. Seine Nachdenklichkeit habe schon begonnen, als die Mutter nach dem Krieg bei den Nürnberger Prozessen etwas triumphierend den Selbstmord Hermann Görings so kommentierte: „Er hat auf die Zyankali-Kapsel gebissen. Jetzt können sie ihn nicht erhängen.“

„Vater blieb für offene Diskussionen nicht zugänglich.“

Trutz Kayser verbrachte nach dem Abstecher in den Westen sein Leben in der DDR. Hatte der Antifaschismus als DDR-Staatsdoktrin Einfluss auf ihn, wurde er gefragt. „Ich bin auf der einen Seite dankbar dafür, dass wir in der Schule eins zu eins über die Gräueltaten aufgeklärt wurden.“ Andererseits habe sich in der Schule diese Doppelmoral eingeschlichen – zwischen dem, was man in der Schule im Sinne der neuen Ideologie gelehrt bekam und dem, was man zuhause hörte, etwa beim Rias-Sender aus Westberlin. Die Mutter brach später mit der braunen Ideologie. „Vater blieb für offene Diskussionen nicht zugänglich.“ Kurz vor dem Mauerbau fuhr der Sohn mit seinem Bruder noch einmal zum Vater, um zu fragen: „Was hast du damals gemacht?“ – „Der Vater hat sich dem verweigert. Er wollte nicht mehr daran erinnert werden“, sagt Trutz Kayser. Im Westen war das Wirtschaftswunder im Gang. Dem Ost-Rückkehrer untersagte die Gemeinde Wilhelmshorst, als „Sohn eines Nazis“ ein Haus im Heimatort zu kaufen. So arbeitete Trutz Kayser als Arzt in Teltow.

Ingo Allwardts Familie, dessen Vater 1944 im Krieg fiel, ging in den 50er Jahren nach Westberlin. Bei Fragen an die Mutter zur NS-Zeit habe man schnell gemerkt, dass da nichts weiter zu erreichen war. „Die Mutter hatte ein schweres Leben und vier Kinder zu ernähren. Wir waren deshalb nicht streitlustig.“

Wenn die Väter noch lebten, welche Frage würden die Söhne ihnen heute stellen? „Was hat ihn dahin getrieben, diese Ideologie so zu verinnerlichen?“, fragte Ekkehard Schröder, dessen Vater feinsinniger Kunstmaler und Verfechter einer grobschlächtigen NS-Ideologie war. Trutz Kayser sagte: „Warum habt ihr das verdrängt, ignoriert und zugelassen, dass Deutschland gegen jede Moral diese Schuld auf sich geladen hat?“ Von der Sprachlosigkeit der Väter berichtete auch das Publikum. „Mein Vater war kein Nazi, aber auch er hat geschwiegen“, so Ulrich Kling: „Ich hatte immer das Gefühl, die haben sich geschämt.“ „Ja, sie schwiegen aus Scham“, sagte Kayser, der Sohn des Reichsredners.

Zitate aus der Gesprächsrunde

Ingo Allwardt: „Ich habe mir immer die Frage gestellt: Wie hättest du dich verhalten, wenn du in der Situation nach 1945 gewesen wärst? Hättest du es geschafft, alles in den Eimer zu treten und zu sagen: Ich bin schuldig?“

Trutz Kayser: „Ich habe die Lehre gezogen, jedes Vorurteil zu vermeiden und Menschen erst kennenzulernen, bevor man über sie urteilt.“

Ekkehard Schröder: „Man sollte wach dafür bleiben, dass man – bewusst oder unbewusst – nicht ausgrenzt.“

Von Jens Steglich

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