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Potsdam-Mittelmark Die Spezialisten für passende Schuhe
Lokales Potsdam-Mittelmark Die Spezialisten für passende Schuhe
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11:18 02.11.2017
Günter Jentzsch in seiner Werkstatt in der Schmerberger Straße in Michendorf. Quelle: Jens Steglich
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Michendorf

Als Urgroßvater Herrmann Jentzsch die Firma gründete, wurden seine Steuern und Abgaben noch in Talern, Groschen und Pfennigen abgegolten. Die monatlichen Rechnungen für ein ganzes Jahr passten auf zwei Seiten im Steuerbuch, das die Größe eines Vokabelheftes hatte. „Damals brauchte man noch kein Steuerbüro“, sagt Günter Jentzsch, der Urenkel des Firmengründers, der heute die Geschicke des Familienbetriebes lenkt. Das Steuerbuch wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Es ist heute der Beleg, dass die Fußorthopädie-Firma Jentzsch 140 Jahre alt ist. Der erste Steuereintrag stammt aus dem Jahr 1877.

In Deutschland regiert noch Reichskanzler Otto von Bismarck und in Amerika geht Sitting Bull, der Indianer-Häuptling, der ein Jahr zuvor mit seinen Leuten am Little Big Horn US-General Custer geschlagen hat, nach Kanada ins Exil, als Herrmann Jentzsch im kleinen Elsterwerda ein neues Kapitel in der Familiengeschichte aufschlägt. Seine Vorfahren waren alle Fleischermeister. Er wird Schuhmacher und legt den Grundstein für ein Unternehmen, das alle kleinen und großen Katastrophen des 19. und 20. Jahrhunderts überlebt. Die Tore des Familienbetriebes, der einst in Elsterwerda entstand und heute in Michendorf seinen Sitz hat, mussten nie geschlossen werden. Die besonderen Schuhe der Familie Jentzsch wurden immer gebraucht.

Es war der Großvater Paul Jentzsch, der nach dem Ersten Weltkrieg das Gespür hatte für neue Entwicklungen in der Schuhmacher-Zunft. Er war selbst Kriegsrückkehrer und ahnte angesichts der vielen Kriegsversehrten im Lande, welche Schuhe jetzt gebraucht werden – Schuhe, die denen das Laufen wieder ermöglichen, die im Gemetzel ihre Zehen oder den Mittelfuß verloren hatten. Er verwandelte den Schuhmacherbetrieb in die Fußorthopädie Jentzsch. Im Familienbetrieb sorgen sie seither dafür, dass auch Menschen, deren Füße in keinen normalen Schuh mehr passen, den Schritt vor die Haustür wagen und am Leben teilnehmen können. „Dafür sind wir da“, sagt Günter Jentzsch, die vierte Generation im Betrieb. Als er in den 1970er Jahren im Potsdamer Oberlinhaus in die Lehre geht, prophezeit man ihm das Aussterben des Orthopädie-Handwerks. Weil fußgerechte Schuhe inzwischen maschinell herstellbar waren und die Kunst der Ärzte bald alles ermöglichen werde, würden die Spezialisten für die besonderen Schuhe bald nicht mehr gebraucht, so die Annahme. Ein Irrtum, wie sich Jahrzehnte später zeigt. Was zu Großvaters Zeiten die Kriegsversehrten waren, sind heute Unfallopfer oder Diabetiker, die auf die Fähigkeiten der Jentzschs hoffen. „Ich habe nicht für möglich gehalten, dass Diabetes-Erkrankungen so massiv zunehmen“, sagt Günter Jentzsch und fügt hinzu: „Diabetes tut nicht weh – das ist das Heimtückische daran.“ Der Patient hat Durchblutungsstörungen, die Nervenenden sterben ab – zuerst an den Füßen, weil sie am weitesten weg sind vom Zentrum der Blutversorgung. Zehen werden blau und müssen amputiert werden. Manchmal reicht ein Sandkorn im Schuh, um den Fuß schwer zu verletzen, weil Diabetes-Kranke keinen Schmerz mehr spüren. Jentzsch und seine Mitarbeiter bekommen Verstümmelungen mit eigenen Augen zu sehen, wenn sie etwa nach Operationen den Fuß begutachten und die Maße für das Holzmodell nehmen, das Grundlage ist für den Bau der Schuhe, die den Gang zurück ins Leben ermöglichen sollen. Die Orthopädie-Schuhmacher müssen in solchen Fällen mehr können als ihr Handwerk. „Wir sind im weitesten Sinne auch Sozialtherapeuten“, so Jentzsch. Bei Hausbesuchen sind sie mitunter die einzigen, mit denen sich Patienten unterhalten können. Dann fallen auch mal Sätze, die aufrütteln sollen: „Wenn Sie nicht Obacht geben und ihre Lebensweise nicht darauf einstellen, verlieren Sie den ganzen Fuß.“

Das kleine Steuerbuch des Familienbetriebes hat die Größe eines Vokabelheftes.Der erste Eintrag stammt aus dem Jahr 1877. Quelle: Jens Steglich

Das Orthopädie-Handwerk hat sich in den Jahrzehnten kaum geändert. Viele Handgriffe kannte schon der Großvater. „Wir haben heute aber viel mehr Möglichkeiten beim Materialeinsatz.“ Orthopädische Schuhe sind heute deutlich leichter und auch ansehnlicher als früher, sagt Jentzsch. Er gehört zur ersten Firmengeneration, die nicht in den Krieg ziehen musste. Der Urgroßvater war beim Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 dabei, der Großvater lag 1914 bis 1918 in Frankreich in den Schützengräben und Vater Hans Jentzsch überlebte den Zweiten Weltkrieg wahrscheinlich nur, weil es 1944 den Befehl gab, dass Orthopädie-Altmeister einen Gesellen benennen durften, der aus dem Kriegsdienst entlassen wird. „Sie sollten in der Heimat Kriegsversehrte versorgen, die man irgendwo in der Industrie wieder brauchte“, erzählt Günter Jentzsch. Sein Vater wurde deshalb 1944 von der Front abgezogen. „Sechs Wochen später bekam der Lastwagen, auf dem er vorher mit anderen Handwerkern saß, um die Truppe zu versorgen, einen Volltreffer ab.“

Der Betrieb überstand die Kriege genauso wie die Weltwirtschaftskrise, das Nazi-Regime und den Material-Mangel in der DDR. „Die Geschichte Deutschlands spiegelt sich in der Familiengeschichte wider“, sagt Günter Jentzsch. Und was wünscht er sich zum 140. Geburtstag seines Unternehmens? „Dass man sich auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren kann und nicht mehr so viel Papierkram erledigen muss.“ Das wäre dann ein bisschen so wie früher – zu Urgroßvaters Zeiten, als die Steuer- und Abgaben-Abrechnungen für 20 Jahre in ein A-5-Heftlein passten, zuletzt unterschrieben und beglaubigt von Herrn Gründlich, wie der damalige Steuer-Beamte hieß.

Seit 1992 in Michendorf

Der Familienbetrieb Jentzsch wurde 1877 in Elsterwerda gegründet.

In Michendorf landete die Firma durch einen Zufall: Günter Jentzsch, der heutige Betriebsinhaber, lernte im Potsdamer Oberlin-Haus sein Handwerk und seine spätere Frau kennen, die aus Michendorf stammt.

1992 baute er eine Filiale des Betriebs im Heimatort seiner Frau in der Schmerberger Straße auf und verlegte nach dem Tod seines Vaters auch den Hauptsitz des Unternehmens nach Michendorf.

Von Jens Steglich

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