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Die Spuren der heimlichen Besucher

Morbide Ausstrahlung: Beelitz-Heilstätten zieht ganz unterschiedliche Leute an Die Spuren der heimlichen Besucher

Beelitz-Heilstätten gilt als geheimnisvoller Ort, der unterschiedlichen Leute anzieht: Künstler, Geisterjäger und Vandalen. Die Heilstätten, die vor 100 Jahren Menschen aufsuchten, um von Krankheiten geheilt zu werden, sind auch ein Beispiel dafür, wie ein Gemisch aus morbider Ausstrahlung, tragischen Vorfällen, Gerede und Gerüchten das Image eines ganzen Ortes drehen kann.

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Bei Kampfhandlungen im April 1945 wurde die Lungenheilstätte der Frauen schwer getroffen. Über die Ruine soll künftig ein Baumwipfelpfad führen.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Beelitz-Heilstätten. Der Zufall will es so: Beim Gang in die alte Chirurgie poltert es in einer oberen Etage. „Das sind die Türen“, beruhigt Irene Krause, die Gästeführerin, die Beelitz-Heilstätten wie kaum ein anderer kennt. Sie führt Besucher durch diesen scheinbar verwunschenen Ort, den vor 100 Jahren Menschen aufsuchten, um von Krankheiten wie Tuberkulose geheilt zu werden. Wenn heute der Wind durch die leeren Gemäuer zieht, knallen die aufgebrochenen Türen, bewegen sich Fenster, die irgendwer eingeschlagen hat.

Sie haben in den vergangenen Jahren gewaltige Spuren hinterlassen – die heimlichen Besucher von Heilstätten, die ohne Gästeführerin und meist nachts kamen und den Bauten arg zusetzten. Ein bedrückender Höhepunkt war die Zerstörung des Portals an der früheren Chirurgie. Die Täter hatten einen Bagger, der auf dem Gelände stand, in Gang gesetzt und damit das historische Portal abgerissen (MAZ berichtete). Doch was sind das für Leute, die das Gelände besuchen, wenn andere schlafen und es als ihr„Spielfeld“ sehen und offenbar gegen Pläne von Investoren verteidigen, die Heilstätten etwa mit einem Baumwipfelpfad eine Zukunft geben wollen?

Kaum einer kennt sich in Beelitz-Heilstätten besser aus

Kaum einer kennt sich in Beelitz-Heilstätten besser aus: Gästeführerin Irene Krause vor der früheren Chirurgie.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Die besondere Aura zieht Leute aller Couleur an, sagt Irene Krause. Die Vandalen sind da nur eine Gruppe. Und nicht alle führen Böses im Schilde, wenn sie durch die Ruinen turnen. Heilstätten ist freilich ein Beispiel dafür, wie ein Gemisch aus morbider Ausstrahlung, tragischen Vorfällen, Fantasie, Gerede und Gerüchten das Image eines ganze Ortes drehen kann.

Der ehemalige Krankenhaus-Komplex zieht Gruseltouristen an. Besonders die alte Chirurgie gilt in der Szene als das Geisterhaus schlechthin. Geisterjäger zeichneten mit Hilfe von Tonbandgeräten Stimmen aus dem Jenseits auf – angeblich Schreie ehemaliger Patienten. Im Zweiten Weltkrieg war Heilstätten Kriegslazarett. „Natürlich haben Verwundete damals geschrien“, sagt Krause. Die Schreie von heute hätten aber andere Ursachen. „Wenn nachts die Türen knallen, ist es schon schaurig hier. Dann schreit die eine oder andere junge Dame vor Schreck.“ Sie selbst sei schon oft in der Chirurgie gewesen. „Mir ist noch kein Geist begegnet. Ich glaube nicht daran, vielleicht zeigen sie sich mir deshalb nicht“, sagt die Gästeführerin, die weiß, dass Leute für Geld illegal nächtliche Führungen anboten – inklusive Gruseleinlage. Sie glaubt, dass der Geisterspuk durch ganz irdische Dinge einen Schub bekommen hat. Der frühere Wirt der Kneipe, die damals „Zum Pförtnerhaus“ hieß, habe ernsthaft von Geistern erzählt. „Aus meiner Sicht ein Marketing-Gag. Seine Gaststätte war voll, Heilstätten hat es nicht gut getan“, sagt sie. Internetforen haben das Image als Gruselort weiter forciert – beflügelt von Geschichten, die stimmen. Adolf Hitler war in Beelitz-Heilstätten, kurierte sich nach einer Kriegsverletzung 1916 dort aus.

Morbide Ausstrahlung

Morbide Ausstrahlung: Die Wandelgänge in der ehemaligen Chirurgie.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Eine üble Aura haben die Kreativen, die der morbide Charme anzog, hier trotzdem nie gespürt. Im Gegenteil: Die Heilstätten waren bis 2014 Tummelplatz für junge Kunststudenten aus Europa, die ihrem Geist freien Lauf ließen. Filmleute nutzten die Bauten als Kulisse – in Heilstätten wurden Szenen für große Filme wie Polanskis „Der Pianist“ gedreht oder schräge Streifen wie zuletzt „Men & Chicken“ mit Mads Mikkelsen. Rammstein und die Toten Hosen produzierten Videos.

Nicht mehr da sind schwarzgekleidete Vertreter der Gothic-Szene, die herkamen, um friedlich bei Kerzenschein beieinander zu sitzen. Die Vandalen, die alles klein schlugen, sollen sie vertrieben haben. Neben den Krawall-Touristen waren es die Metalldiebe, die Unheil über Heilstätten brachten. Ganze Kupferdächer wurden abgeräumt.

Die Reste der ehemaligen Liegehallen der Frauenlungenheilstätte

Die Reste der ehemaligen Liegehallen der Frauenlungenheilstätte.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Irene Krause weiß noch von ganz anderen „Vorfällen“, die sich 1912 zugetragen haben. Sie sammelt Postkarten von Patienten. Auf einigen heißt es damals, es sei etwas vorgefallen. Eine junge Frau notierte: „Wenn ihr herkommt, erzähle ich es. Es steht im ’Vorwärts’.“ So hieß die SPD-Zeitung, die Patienten lasen. Irene Kraus hat mal geguckt, was drin stand: Eine Frau habe mit einem Mann geschlechtlich verkehrt. Dabei waren doch Männer- und Frauensanatorium streng getrennt.

Beelitz-Heilstätten

Die Beelitzer Heilstätten wurde zwischen 1898 und 1930 von der Landesversicherungsanstalt Berlin gebaut.

I m Ersten und Zweiten Weltkrieg war der Komplex auch Kriegslazarett.

Nach 1945 bis 1994 dienten die Heilstätten als Militärhospital der sowjetischen Armee. Nach Abzug der Truppen verfielen große Teile zusehends. Einige Gebäude wurden aber saniert. So entstand unter anderem eine neurologische Rehabilitationsklinik.

Heilstättens Gästeführerin hat drei Wünsche für ihren Lieblingsort: „Dass so viel wie möglich wiederhergestellt wird, interessierte Ausflügler statt Vandalen herkommen und die vermeintlichen Geister endlich ihre Ruhe finden.“

Von Jens Steglich

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