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Die Tage des Dorfladens sind gezählt

Zu Hause in Viesen Die Tage des Dorfladens sind gezählt

Die Tage des Dorfladens in Viesen sind gezählt. Ende August soll nun definitiv Schluss sein. Wegen der älteren Leute haben Hannelore und Hans-Jürgen Schramm versucht durchzuhalten, inzwischen aber nur noch stundenweise geöffnet. Die Stammkunden werden immer weniger.

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Hannelore und Hans-Jürgen Schramm mit Stammkunden.

Quelle: Claudia Nack

Viesen. Die Tage vom Dorfkonsum in Viesen sind gezählt. „Am 27. August ist Schluss“, sagt Hannelore Schramm. Das sei ein Samstag. Sie und ihr Gatte Hans-Jürgen haben von Jahr zu Jahr entschieden, ob sie ihren Laden aufrechterhalten. Inzwischen ist er noch nur dienstags, donnerstags, freitags und samstags von 8 bis 9.30 Uhr geöffnet. Wegen der älteren Leute versuchten sie durchzuhalten.

Doch die Stammkunden im 190-Seelen-Dorf werden immer weniger. Um die zehn seien es noch. Die frühere Gemeindeschwester Liesbeth Hinz ist 92-jährige im Januar gestorben, ihre beste Freundin Hanni Graf mit 90 vor einem Jahr. Deren Schwester Erika Allenstein will ins Heim und wird wie andere auch mit Essen auf Rädern beliefert. „Pro Woche kommen vielleicht noch 25 Kunden, manche davon öfter“, sagt Hannelore Schramm. Neben der Altersstruktur ließen Preisdruck und Supermarkt-Konkurrenz im Laufe der Jahre die Entscheidung wachsen. „Außerdem werden wir nicht jünger und haben auch Wehwehchen“, sagt die 62-Jährige, die sich 1990 selbstständig machte. Seit 2008 arbeitet sie als Familienhilfe im Geschäft, das seitdem auf den Namen ihres 73-jährigen Mannes läuft, der zu DDR-Zeiten beim Konsum in Brandenburg in der Verwaltung arbeitete und nach der Wende bis 2003 ehrenamtlicher Bürgermeister in Viesen war. „Sonst hätten wir schon damals aus Rentabilitätsgründen schließen müssen“, sagen beiden.

Brötchen, Wurst, ein bisschen für den täglichen Bedarf

Die Viesener holen Brot und Brötchen, die Bäcker Meier aus Groß Briesen liefert, etwas Wurst, ein bisschen für den täglichen Bedarf. Jüngere kämen höchstens samstags, wenn etwas fehle. Außerdem nehmen Schramms für die Wäscherei „Weiße Rose“ in Ziesar zu reinigende Sachen und Kartenvorbestellungen für den Viesener Theaterfrühling an, verkaufen Briefmarken und geben bei Bedarf gelbe Säcke aus. Die seien dann bei Ortsvorsteherin Petra Schulze während der Sprechzeit zu haben.

Zu Hannelore kommt man aber auch, um das Neueste aus dem Dorf zu erfahren und ein Wort los zu werden. Dabei dreht es sich nicht um die große Politik, sondern um Tagesprobleme und Neuigkeiten aus der Nachbarschaft. Zum Beispiel, wenn der Hausarzt wechselt, jemand krank ist oder Geburtstag hat. Die Daten ihrer Stammkunden, bei denen sie sich für die jahrelange Treue bedankt, weiß sie aus dem Gedächtnis.

Erst Wirtshaus, dann Konsum, ab 1990 Hannelores Shop

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten Hannelore Schramms Großeltern auf diesem Grundstück eine Gastwirtschaft und einen Landwirtschaftsbetrieb, die ihre Mutter Johanna Oelschläger Ende 1947 übernahm. Ab 1955 wurden die Räume der Gaststätte an die Konsumgenossenschaft Wusterwitz vermietet. Mit dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 ist das Geschäft als Hannelores Shop neu eröffnet worden. „Ich wollte in der Nähe meiner pflegebedürftigen Mutter sein“, erzählt sie, die sowohl Handelskaufmann als auch Maschinenbauingenieur ist und zuvor beim Autobahnkombinat als Betriebswirtin arbeitete.

So sah das Haus früher aus, als es noch  Gaststätte war

So sah das Haus früher aus, als es noch Gaststätte war.

Quelle: Privat

„Damals hatte ich rund 3000 Artikel im Angebot“, erinnert sich Schramm. „Der Nachholebedarf war enorm.“ Nach den Jahren der Euphorie pegelte sich der Bedarf ein. Mit der Änderung der Altersstruktur in Viesen sank die Kaufkraft. Neue Discounter und Lebensmittelketten in der Umgebung kamen hinzu. Inzwischen führen Schramms nur noch 150 Artikel. „Trotzdem hat unser kleiner Laden so lange durchgehalten. Nun ist er müde und geht in Rente.“

Erika Jänicke, die im August 86 wird und 40 Jahre lang in Viesen die Poststelle führte, kann die Schramms verstehen. „Aber für uns Ältere ist es nicht schön“, sagt sie, die jeden Donnerstag zu Hannelore geht. „Dann müssen wir nach Ziesar oder Wusterwitz zum Einkaufen oder den Kindern einen großen Zettel mitgeben.“ Auch Giesela Schmidt (76) und Erich Räck (79) bedauern das Aus. „Man kann nicht noch schnell mal was holen und es dauert länger bis man Neues erfährt.“ Dorftreff werde künftig wohl die alte Linde oder der Friedhof beim Blumengießen.

Von Claudia Nack

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