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Die Wiege der Kartoffelselbsternte

Schlunkendorf Die Wiege der Kartoffelselbsternte

Die Schlunkendorfer halten ihre altehrwürdigen Häuser wirklich in Ehren. Ein Beispiel ist das historische Wiegehaus in der Dorfstraße. In anderen Orten sind solche Wiegehäuschen längt verschwunden. In Schlunkendorf funktioniert die Fuhrwerks- und Viehwaage sogar noch. Das Wiegehaus soll nun zu neuen Ehren kommen – als Büchertausch-Station.

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Bernhard Falkenthal am Wiegehaus, das saniert und mit Lektüre gefüllt werden soll. Die Waage, die vor dem Haus ihre Plattform hat, bleibt auch danach nutzbar.

Quelle: Jens Steglich

Schlunkendorf. Es ist inzwischen modern, ausrangierte Telefonzellen in öffentliche Mini-Bibliotheken zu verwandeln. Auch im kleinen Schlunkendorf gibt es Bücherfreunde, die zumindest das kostenlose Ausleih-Prinzip – „Nimm ein Buch – Gib ein Buch“ – im Ort etablieren wollen. Die Schlunkendorfer haben für ihre Bücher aber einen ganz eigenen Platz auserkoren. Nein, es soll kein Telefonhäuschen sein und auch der alten Trafoturm nicht. Der ist schließlich schon besetzt – von brütenden Vogeleltern, die jedes Jahr dort Nachwuchs großziehen. Ein kleines Haus in der Dorfstraße aber ist noch frei – das Wiegehäuschen. In den meisten Dörfern sind diese Wiegehäuser längst verschwunden. Die Schlunkendorfer haben ihres vor dem Abriss bewahrt und wollen es jetzt zu einem neuen Schmuckstück machen und in eine Büchertausch-Station verwandeln.

Es soll ein Höhepunkt des Jahres werden – die Eröffnung der Büchertausch-Station zum Dorffest am 8. Juli, sagt Ortsvorsteher Bernhard Falkenthal. Er hatte nur eine Bedingung: Bei der Verwandlung in ein Bücherhaus muss die Waage funktionstüchtig bleiben. In Schlunkendorf ist die einst von der LPG gebaute Fahrzeug-, Fuhrwerks- und Viehwaage nämlich immer noch intakt. Auch künftig werden Landwirte dort die Möglichkeit haben, ihre Fahrzeuge auf die Waage zu stellen, um etwa das Gewicht der Ladung zu ermitteln. Wenn sie wollen, können sie dann auch noch ein Buch mitnehmen – aus der Bücher- und Wiegestation, die immer offen stehen soll, wie Bernhard Falkenthal betont. Um die Bücherausleihe will sich der Dorfclub kümmern, in dem auch die Idee entstand, das Haus in der Dorfstraße mit Lektüre zu füllen.

Der Dorfclub gehört mit der Freiwilligen Feuerwehr zu den beiden Institutionen im Ort, die für das Festgeschehen sorgen. „Im Dorfclub sind die Frauen organisiert, die Männer bei der Feuerwehr“, sagt der Ortsvorsteher. Und dann gibt es noch den gemischten Kirchenförderverein, der vor etwa zehn Jahren gegründet wurde, um Geld für die Sanierung der Kirche aufzutreiben. Die Vereinsmitglieder haben schon einiges auf die Beine gestellt, um dem Gotteshaus zu helfen. Auch das Dorffest wird genutzt, um Euros einzusammeln. Die Frauen backen Kuchen, die Feuerwehrleute grillen und Erlöse daraus fließen aufs Sanierungskonto. Das Dach der Kirche ist bereits dicht, der Turm erneuert und auch die Orgel generalüberholt. Finanziert wurde außerdem eine automatische Läuteinrichtung, sind doch Glöckner heutzutage schwer zu finden. Jeden Tag um 18 Uhr läuten in Schlunkendorf die Glocken. Wenn sie per Knopfdruck zu anderen Zeiten in Bewegung gesetzt werden, wissen alle im Ort: Es ist etwas Trauriges passiert. Dann ist ein Dorfbewohner gestorben.

Geld wird jetzt noch für den Außenputz und die Innensanierung der Kirche gebraucht. Das Gottes- und das Wiegehaus sind Beispiele dafür, dass die Schlunkendorfer ihre altehrwürdigen Häuser in Ehren halten. Die frühere Gaststätte etwa, die bis in die 1950er Jahre eine Schule war, ist heute das Dorfgemeinschaftshaus. Und auch das funktionslos gewordene Trafohäuschen ist den Abrissbaggern entkommen, was Lutz Falkenthal zu verdanken ist, ein Bruder des Ortsvorstehers. Funktionslos war es freilich nie, auch wenn der Strom heute andere Wege geht. Vogelfreund Lutz Falkenthal sorgte dafür, dass Vögel im Ort eine feste Bleibe haben. Sie nisten im Turm und in einer an der Außenwand angebrachten Holzkiste. Wie es sich für den Trafoturm eines Falkenthals gehört, brüten dort jedes Jahr auch Falken. Steinkäuze gibt es ebenfalls in Schlunkendorf – in einem alten Baum am Schwarzen Weg brütet ein Pärchen und in einer Voliere sorgen gleich drei Paare für Nachwuchs, der danach ausgewildert wird. „Steinkäuze sind gut für die Landwirtschaft, sie jagen Mäuse“, sagt Bernhard Falkenthal, der seit der Wende Ortsbürgermeister ist und noch viel länger Landwirt. Sein Opa Willi war es, der die erste Spargelpflanze in Schlunkendorf in die Erde setzte und damit den Grundstein legte, dass die Felder rund um den Ort heute zum Herz des Beelitzer Anbaugebietes gehören. Der Großvater suchte sich für die Pioniertat eine ungewöhnliche Zeit aus. „Als er einmal auf Kriegsurlaub da war, hat er unten am Schwarzen Weg Spargel angepflanzt“, erzählt der Enkel. Der Großvater ignorierte sogar ein Verbot. „Hitler hatte den Spargelanbau verboten, weil Kartoffeln und Getreide in Kriegszeiten wichtiger waren“, sagt Bernhard Falkenthal, der in der Neuzeit – 1992 – den Spargelhof Märkerland gründete. Er und sein Sohn René haben mitten im Spargelland auch eine Kartoffeloase geschaffen, die einmal im Jahr zu einem Tummelplatz für Sammler wird, an dem harte Arbeit als Vergnügen gilt. Seit sieben Jahren rufen die Falkenthals im Herbst zur Kartoffelselbsternte. Dem Ruf folgen viele Städter und seit einigen Jahren auch Juristen einer Anwaltskanzlei, die neben den Kartoffeln wohl ein Kontrastprogramm zum Büroalltag suchen, der oft den Geist und selten den Körper fordert.

Bei der ersten Kartoffelselbsternte sind die Falkenthals von den Leuten überrannt worden. „Wir hatten zu viele Sammler für zu wenig Kartoffeln.“ Die Erdäpfel reichten nur für einen Tag. Inzwischen wachsen Kartoffeln wieder auf einem Hektar. „Das reicht für zwei Sammelwochenenden“, sagt Falkenthal und kündigt den nächsten Clou an. Die Landwirt-Familie hat auch eine Nadelbaum-Plantage für ihr Winter-Highlight – das Weihnachtsbaumselberschlagen – angelegt und arbeitet gerade an dem Versuch, das Gras zwischen den Bäumchen auf natürliche Weise klein zu halten. „Bisher haben wir mit dem Rasentraktor gemäht. Jetzt sind die Bäume dicker geworden. Es wird zu eng für den Rasenmäher.“ René Falkenthal hatte die Idee, diese Aufgabe Hühnern zu übertragen, die Gras fressen. Auf Schafe verzichten wir lieber, damit wir es nicht mit dem Wolf zu tun bekommen“, sagt Vater Falkenthal, der überzeugt ist, dass man sich den Fuchs als potenziellen Hühnerdieb einfacher vom Hals halten kann. Geplant ist, an der Plantage mit den 2500 Weihnachtsbäumen einen ausgedienten Wohnwagen als Hühnerhaus aufzustellen. Tagsüber sollen die Hühner Gras fressen, nachts im Wohnwagen schlafen und nebenher Eier legen für den Hofladen. „Die Nachfrage ist groß nach frischen Hühnereiern ohne Großmarkt-Stempel“, sagt Falkenthal Senior.

Schlunkendorfer Daten

Schlunkendorf wurde 1370 das erste Mal urkundlich erwähnt.

Archäologische Funde haben ergeben, dass dort aber bereits vor 2200 Jahren eine germanische Siedlung gelegen haben muss. Auch eine Besiedlung durch Slawen konnte nachgewiesen werden.

Heute leben in Schlunkendorf etwa 200 Menschen. Im Ort gibt es einige Reiterhöfe. „Wir haben mehr Pferde als Einwohner“, sagt Ortsvorsteher Bernhard Falkenthal.

Das Dorf ist seit dem 31. Dezember 2001 ein Ortsteil der Stadt Beelitz. „Für uns ist es besser geworden. Was hätten wir als kleiner Ort denn allein noch machen können. Die Zusammenarbeit mit Beelitz ist sehr gut“, sagt der Ortsvorsteher.

Von Jens Steglich

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