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Dieser Mann verhindert „Krieg der Ameisen“

Martin Schmitt ist Ameisenschutzwart Dieser Mann verhindert „Krieg der Ameisen“

Der Beelitzer Stadtförster Martin Schmitt kümmert sich nur um den Wald, sondern auch um kleine Kraftpakete. Schmitt ist ein Ameisenschutzwart und wird gerufen, wenn ein Ameisen-Staat einem Bauvorhaben im Weg stehen. Dann siedelt er das Ameisenvolk um, was ein Kraftakt ist. Denn die Ameisen geben ihre Heimat nicht freiwillig auf und wehren sich.

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Martin Schmitt an einem Waldameisenhaufen in Fichtenwalde, für den ein neuer Standort gebraucht wird.

Quelle: Jens Steglich

Beelitz. Martin Schmitt geht ab und an mit Beelitzer Kita-Kindern in den Wald. Bei einer der Exkursionen kündigte er an: „Wir besuchen heute das stärkste Tier der Welt!“ Die Kinder dachten an einen Elefanten und bekamen Waldameisen zu sehen. Waldameisen können etwa das 40-fache ihres Eigengewichtes tragen. „Wenn man das auf einen Menschen umrechnet, müsste er drei Tonnen schleppen. Das wäre ungefähr so, als würde ich mit einem Elefanten auf dem Rücken spazieren gehen“, sagt Schmitt. Bekannt ist er in der Region als Beelitzer Stadtförster, was nur wenige wissen: Martin Schmitt ist auch Experte für die kleinen Kraftpakete. Er ist seit zehn Jahren ein Ameisenschutzwart.

Ameisenschutzwarte werden gerufen, wenn ein Ameisen-Staat zum Beispiel dem Bau eines Radweges oder eines Wohnhauses im Weg steht. Die 13 verschiedenen Arten hügelbauender Waldameisen sind in Deutschland streng geschützt. Wenn sie umgesiedelt werden müssen, kommen Schutzwarte wie Martin Schmitt ins Spiel. Seine Aufgabe: Eine neue Heimat für diese kleinen Wesen finden, die besser organisiert sind als die Abwehr der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Er verhindert einen Krieg der Ameisen

Manchmal landen so Ameisen-Völker aus Kleinmachnow im Beelitzer Stadtwald. „Der neue Standort muss ähnliche Biotop-Eigenschaften aufweisen wie der alte“, sagt Schmitt. Ähnelt die neue Heimat nicht der alten, bleiben die evakuierten Ameisen, die sonnige Waldränder bevorzugen, nicht dort. „Wichtig ist auch, dass in der neuen Heimat kein anderes Ameisen-Volk sein Reich hat.“ Sonst kann es Krieg geben, bei dem die Neuen schlechte Karten haben. „Umgesetzte Ameisenstaaten sind immer geschwächt. Für sie ist die Umsiedlung wie ein Erdbeben der Stärke 10“, sagt Schmitt. Damit sie sich kurz danach nicht auch noch mit der Nahrungssuche befassen müssen und sich auf den Wiederaufbau ihres Hügels konzentrieren können, stellt er ihnen eine Zuckerlösung hin.

Die Umsiedlung der Ameisen ist auch für ihn ein Kraftakt. Die Winzlinge, die im Kopf vor allem einen großen Futterbehälter haben und doch im Zusammenspiel mit den anderen Ameisen schlauer erscheinen als die meisten Tiere auf dieser Welt, geben ihre Heimat nicht freiwillig auf. Sie wehren sich mit allen Kräften. Wenn Martin Schmitt einen Ameisenhügel umsetzen will, macht er sich am frühen Morgen an die Arbeit. Dann sind die Bewohner noch nicht ausgeschwärmt und wegen der Kühle etwas träge. Ins Getümmel wagt sich der Ameisenschutzwart nur mit Schutzbrille, Handschuhen und abgeschlossener Kleidung. Die Ameisen verteidigen sich vehement gegen den Eindringling, wollen ihn beißen und verschießen aus dem Hinterleib bis in eine Entfernung von einem Meter Ameisensäure.

Nach Säurebeschuss fast in Ohnmacht gefallen

„Ich hatte einmal die Situation, da wäre ich fast in Ohnmacht gefallen“, erzählt Schmitt. Es war schwülwarm und er stand unter Säurebeschuss. „Es entstand eine Dunstglocke und ich musste erst einmal aufhören.“ So eine schichtweise Abtragung des Ameisennestes dauert mehrere Stunden. Der Ameisenschutzwart ist danach verschwitzt und verdreckt, als hätte er zwei Marathonläufe in staubigem Gelände hinter sich. Gerettet hat er das Volk nur, wenn er unter einer Million Ameisen auch die Königin findet. Sie muss mit im Fass sein, in dem das Volk auf Reisen geht in die neue Heimat. „Ohne Königin geht der Staat zugrunde“, sagt Schmitt. Zwei Tage nach der Umquartierung kehrt er an den alten Platz zurück und holt zurückgebliebene Ameisen nach. „Sie sammeln sich am früheren Haufen. Man wird es aber nie schaffen, alle Ameisen aufzunehmen.“

Zum Ameisenfreund und später zum Ameisenschutzwart ist der Förster durch ein Schlüsselerlebnis geworden. Als Forststudent war er in der Schorfheide und sah ein Luftbild von einem kahlen Kiefernwald. Die Nonne, ein Waldschädling, hatte dort 2003 riesige Schäden angerichtet. „Viele tausend Hektar waren kahlgefressen, für einen Förster ist das wie ein Hitchcock-Erlebnis“, erzählt Schmitt. Auf dem Luftbild entdeckten die Förster kleine grüne Inseln, die verschont geblieben waren. Die Oasen wurden untersucht. Immer dort, wo die Bäume grün blieben, begann das Reich eines Waldameisen-Volkes. Nonnen und andere Waldschädlinge stehen auf der Speisekarte der Waldameisen. Schmitt nennt sie auch die Gesundheitspolizei des Waldes, weil sie in dem Ökosystem eine Schlüsselrolle spielen. Das Ameisen den Wald schützen, haben schon die Förster im alten Preußen vor mehr als 200 Jahren gemerkt. Die Preußen stellten deshalb schon damals die kleinen Waldschützer selbst unter Schutz.

Waldameisen halten sich Blattläuse

Ameisenschutzwarte in Brandenburg absolvieren einen Kurs in der Landesforschungsanstalt Eberswalde. Umsiedlungen von Waldameisen werden im warmen Frühjahr durchgeführt, damit sie es schaffen, vor dem Winter ihre Hügel wieder aufzubauen.

Waldameisen fressen Schädlinge und halten sich Blattläuse als Honigtau-Lieferanten wie Menschen Ziegen – wegen der Milch. Ameisen verbreiten auch den Samen von Waldpflanzen und verbessern den Bodenbereich an den Nestern.

Von Jens Steglich

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