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Potsdam-Mittelmark Dieter Schulz kennt alle Schlüssel-Dramen
Lokales Potsdam-Mittelmark Dieter Schulz kennt alle Schlüssel-Dramen
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02:15 05.05.2017
Schlüsselfachmann Dieter Schulz in seiner Werkstatt in Teltow. Quelle: Stephan Laude
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Teltow

Teltow 1977, das war nicht gerade die Zeit, als die DDR-Regierung die Bedeutung privater Handwerksbetriebe erkannte, ganz im Gegenteil: Es war noch nicht lange her, dass die SED veranlasst hatte, unzählige Genossenschaften, Privat- oder halbstaatliche Betriebe in Volkseigentum umzuwandeln. Der Anstoß zu der Kampagne war aus Moskau gekommen, wie der LDPD-Vorsitzende Manfred Gerlach später schrieb. Die KPdSU habe geglaubt, mit diesen Betrieben werde der Kapitalismus konserviert und dies könne zu einer Gefahr für das System werden.

Der Teltower Werkzeugmachermeister Dieter Schulz gehört also zu einer recht kleinen Gruppe ehemaliger DDR-Bürger, die in diesem Jahr – genau am 2. Mai –auf ein 40-jähriges Jubiläum als Chef einer Privatfirma zurückblicken können. Dabei war es durchaus nicht sein sehnlichster Wunsch, Unternehmer zu werden. Schulz hatte 1973 in der Stahnsdorfer PGH Luftmechanik – die ebenfalls VEB wurde – seinen Meister gemacht und ging dann zu den Teltower Geräte- und Reglerwerken (GRW). Der Druck dort war riesig, auch der politische, zumal zusätzlich zur bisherigen Automatisierungstechnik für Betriebe nun auch noch Konsumgüter produziert werden sollten. Es fehlte an Material, und wenn es dann kam – aus unerfindlichen Gründen oft am Ende des Monats – sollte Schulz dafür sorgen, dass die Leute seiner Abteilung auch sonnabends und sonntags knüppeln. Das war zu viel, die Gesundheit litt. Obwohl die GRW-Leitung ihm sogar eine Fünf-Zimmer-Wohnung in Aussicht stellte, Dieter Schulz beschloss, sich selbstständig zu machen. Bei der Stadtverwaltung Teltow gab es erfreulicherweise Leute, die darin keine Gefahr für das System sahen. Schulz fand also Unterstützung. Der Raum, den er für sein Unternehmen fand, das war allerdings, wie Schulz es formuliert, eine Abbruchbude.

Der Jungunternehmer hatte zwei Angestellte. Er kooperierte mit Betrieben wie dem Dienstleistungskombinat und dem VEB Zylinderschlösser in Potsdam, baute ganze Schließanlagen ein und reparierte Schlösser für die Kommunale Wohnungsverwaltung. Schon in den Wendemonaten ergaben sich auch Kooperationen mit einer Firma in West-Berlin. Heute kann der Teltower bei fast allen Schloss- und Schlüsselproblemen helfen. Die Teile, die er dazu braucht, kommen aus halb Europa.

Der 77-Jährige hat heute drei Mitarbeiter, darunter seinen Sohn Michael. Oft ist auch seine Frau Rosemarie noch in der Werkstatt. Sie hat all die Jahre im Büro gearbeitet. „Ein Handwerksbetrieb ohne Frau, das geht nicht“, sagt Schulz und fügt ein schönes Kompliment hinzu: „Am besten arbeitet es sich mit der Ehefrau.“ Inzwischen macht Cornelia Vahsen die Buchhaltung. Schulz freut sich, dass er mit ihr eine zuverlässige Nachfolgerin gefunden hat. Es ist viel zu tun im Büro. „Früher reichte ein Schnellhefter für das ganze Jahr, heute braucht man einen Aktenordner für einen Monat“, so Schulz.

Dieter Schulz ist Mitglied im Bundesverband Sicherungstechnik und steht auch auf den Listen der Polizei, falls die dringend einen Spezialisten für Notöffnungen benötigt. Zeitweise arbeitete die Firma auch für den normalen Schlüssel-Notdienst. Aber die Dramen, die sich da abspielten, braucht Schulz nicht mehr. Er kennt sie alle. Er war der erste in Wohnungen, in denen Tote lagen, manchmal war es Suizid. Es kommt auch vor, dass Hunde in einer Wohnung zurückbleiben, die erbärmlich bellen. Da muss vor dem Schlosser erst mal ein Tierfänger ran. „Am schlimmsten sind Ehepaare, die sich streiten, wenn dann einer den anderen mit einem neuen Schloss aussperrt. Es ist sagenhaft, was sich da manchmal abspielt“, so Schulz. Besonders hoch ist der Druck auf die Notöffner, wenn ein kleines Kind in der Wohnung ist, womöglich bei geöffnetem Fenster. Und die Mutter, die nur mal schnell zum Bäcker oder zur Mülltonne wollte, steht draußen. Und ist völlig aufgelöst. Einmal, kurz nach der Wiedervereinigung, erhielt Schulz den Auftrag, eine hölzerne Truhe zu öffnen, für die sich kein Schlüssel mehr fand. Sie war mehrere hundert Jahre alt und verfügte über eine Art Zentralverriegelung. Schulz staunt, was es damals schon gab. Es kostete Schweiß und Mühe, das gute Stück zu öffnen. Und was war drin? „Das war das Schärfste“, sagt Schulz und lacht: „Mitgliedsbücher des FDGB.“

Mit seinem Sohn hat Dieter Schulz einen Nachfolger, wenn er sich als Chef verabschiedet. Allgemein mangelt es aber an Nachwuchskräften. Lehrberufe mit der Spezialisierung Schlösser und Sicherheitstechnik gibt es nicht. „Bei der Reparatur von Schlössern braucht man sehr viel Erfahrung“, sagt Schulz. Und: „Leute, die mit fremden Schlössern zu tun haben, müssen sehr zuverlässig sein. Man muss ihnen hundertprozentig vertrauen können.“

Von Stephan Laude

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