Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Diskretion und Geduld – schwer für Flüchtlinge

Erfahrungen eines Teltower Arztes mit der Behandlung von Asylbewerbern Diskretion und Geduld – schwer für Flüchtlinge

Für den Allgemeinmediziner Ezzat Loubani gibt es kein Problem in der Praxis. Mit seinem Team behandelt er Deutsche wie Ausländer gleichberechtigt. Aber er bemängelt die schlechte Vor-Information der Flüchtlinge über deutsche Gepflogenheiten im Gesundheitswesen und zeitraubenden Bürokratismus bei der Kassenärztlichen Vereinigung.

Teltow Potsdamer Straße 7/9 52.39696 13.24483
Google Map of 52.39696,13.24483
Teltow Potsdamer Straße 7/9 Mehr Infos
Nächster Artikel
Zwischen Garde-Jäger-Uniform und Afrika-Kiste

Der 47-jährige Arzt Ezzat Loubani hat mit einem Stipendium Medizin in Russland studiert und kam zur Facharztausbildung nach Deutschland.

Quelle: Claudia Krause

Teltow. Salam alaikum (Friede sei mit euch) – diesen weltweiten Gruß unter Muslimen hört man in der Praxis von Allgemeinmediziner Ezzat Loubani (47) im Teltower Gesundheitszentrum oft. „Alaikum salam“, antwortet Kamle El-Khatib. Die 29-Jährige stammt aus dem Nahen Osten, lebt in Zehlendorf und arbeitet seit 2010 in der Praxis des Deutsch-Libanesen. Zu ihm kommen besonders viele Asylbewerber und Flüchtlinge aus Teltow und Stahnsdorf oder per Sammelbus aus Bad Belzig. Denn der 47-Jährige spricht Deutsch, Englisch, Arabisch und Russisch. Trotzdem bräuchte er hin und wieder einen Dolmetscher. Zum Beispiel für Chinesisch, um einem stark an Diabetes erkrankten Mann die schwierige Insulintherapie erklären zu können. „Ich mache mir große Sorgen“, sagt der Arzt, der sich deshalb schon öfter an das Heim gewandt habe. Verständigungsprobleme gebe es zudem mit den Serben. Das bisschen Russisch reiche da nicht. Loubani möchte sich mit jedem Patienten in dessen Sprache unterhalten.

Depressionen, Schlafstörungen, Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten kämen besonders häufig vor, aber auch „ansteckender Wurmbefall, Tuberkulose und HIV – viele schon manifestiert“, erzählt er. Wer 19 Familienangehörige auf der Flucht sterben sah, hat seelisch schwer zu tun. Aber wer seinen Penis oder seine Brüste vergrößern lassen will, läuft bei Loubani ins Leere, denn das geht – wie für alle – nur privat finanziert. Selbst alte Narben und Deformationen ohne körperliche Beeinträchtigungen werden nicht übernommen. Problematisch sieht der Berliner die Flüchtlingsbehandlung in seiner Praxis nicht.

Kamle El-Khatib (29/l) und Praktikantin Vivien Müller (24) in der Loubani-Praxis in Teltow

Kamle El-Khatib (29/l.) und Praktikantin Vivien Müller (24) in der Loubani-Praxis in Teltow.

Quelle: Claudia Krause

„Mit einem engagierten Team schafft man das“, sagt er. Zu seinem gehören die Ehefrau, die junge Zehlendorferin, Praktikanten und sechs Computer. Die Versorgung ist per Vertrag mit dem Landkreis Potsdam-Mittelmark geregelt. Und den Flüchtlingen müsse man die hiesigen Gepflogenheiten beibringen. „Es war schwer, die Ersten an Diskretion und Geduld zu gewöhnen. Sie dürfen eben nicht dem Patienten vor ihnen auf den Leib rücken oder über die Schulter gucken. Das gab heftige Debatten“, erinnert er sich. Die Ausländer spürten überall Ablehnung und wenn sie dann beim Arzt nicht gleich rankommen, werde es schon mal laut. Schwierig auch die Regeln mit Medikamentenzuzahlungen und grünem Rezept. Von der Zuzahlung befreit seien nur Kinder bis 12 Jahren. „Die Flüchtlinge bekommen vorher keine Infos über die Behandlungen auf Kosten der Gesellschaft“, kritisiert der Arzt. Ablehnungen machten sie wütend. Auch in den Apotheken. Für ihn selbst ärgerlich: Der Bürokratismus der Kassenärztlichen Vereinigung. Durch den Windpockenfall im Teltower Heim hatte er schnell sein Stundenlimit überschritten. Jetzt muss er rückwirkend für 300 Leute die Behandlungszeiten akribisch dokumentieren. „Eine Woche Arbeit bis nach Mitternacht.“ Dass Deutsche wegen der Ausländer seine Praxis meiden, bestätigt er nicht. Sehr wohl hätten sich aber Privatpatienten zurückgezogen, „weil bei uns niemand bevorzugt wird“. Es zähle nur der Termin oder ein Akutfall. Die Ausländer bestelle man gezielt in Zeiten, in denen die Deutschen nicht so gerne kommen. „Ich bin hergezogen und brauchte einen Arzt. Hier werde ich ordentlich behandelt. Das ist entscheidend“, sagt Renate Ebner aus Stahnsdorf.

Nach Teltow kam Loubani als „gut integrierter“ Deutsch-Libanese. Er stammt aus einer Familie mit neun Kindern. Russland gab ihm ein Stipendium fürs Studium. In seiner Heimat hatte er zwei Jahre lang eine Dorfpraxis, nach Deutschland kam er, um Facharzt zu werden. „Ich war schon beim Abi ein Streber“, gibt er zu. Die Deutschkurse für mehrere Tausend DM bezahlte er selbst. Seit 1997 lebt er in Berlin. In Teltow arbeitet der dreifache Vater seit 2007, erst in der Gemeinschaft, seit 2010 in der eigenen Praxis. Probleme als Moslem? Auf Wunsch einer Patientin, gibt halt die Schwester die Spritze in den Po. Nur bei lieb gemeinten Geschenken muss er ablehnen: „Alkohol geht gar nicht, auch nicht in Pralinen. Kaffee mögen Araber aber sehr.“

Flüchtlinge in Teltower Praxen

Medizinische Fachangestellte Kamle El-Khatib: Die 29-Jährige ist im Libanon geboren, in Palästina groß geworden und seit 1986 in Berlin. Sie lebt in Zehlendorf und arbeitet seit 2010 in der Loubani-Praxis Teltow. „Ich empfinde es als eine Bereicherung mit den Flüchtlingen als Patienten. Die meisten akzeptieren auch, was man ihnen erklärt. Sie freuen sich besonders, wenn ich arabisch mit ihnen spreche. Da geht es manchen gleich ein bisschen besser. Und die Deutschen sind sehr interessiert und fragen mich, womit sie denen helfen können.“

Kardiologin Kathrin Schneider, Teltow: „Ich bekomme die Patienten gezielt aus den Hausarztpraxen zugewiesen; mit Überweisungen und Dolmetscher. Da gibt es keine Probleme. Die meisten leiden durch den Stress unter hohem Blutdruck. Schwere Herzprobleme gab es noch nicht.

Gynäkologin Marion Tschoep, Teltow: „Es gibt schon Probleme. Besonders unter den Tschetschenen und Serben sind viele Frauen schwanger. Sie kommen meistens ohne Dolmetscher. Wir versuchen unser Bestes auf Englisch, und eine Mitarbeiterin kann Russisch. Die geplante Gesundheitskarte sehe ich mit gemischten Gefühlen. Sie ist wie ein Freibrief und ich weiß nicht, ob das gut ist. Die deutschen Patienten lassen schon oft ihren Frust bei mir ab über die Flüchtlingsproblematik.“

Von Claudia Krause

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam-Mittelmark

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg