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Drama um Nahost-Konflikt auf Bühne in Viesen

Theater im Lehnschulzenhof Drama um Nahost-Konflikt auf Bühne in Viesen

Das Publikum war geschockt. Es befand sich gedanklich weit weg von der Viesenener Lehnschulzenhofbühne im Gazastreifen in einem von Granatwerfern zerschossenen Haus. „Ich werde nicht hassen“ lautet der Titel des Buches, das Izzeldin Abuelaish über sein bewegtes Leben geschrieben hat. Schauspieler David Kosel schlüpfte in diese eindrucksvolle Rolle.

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Der Schauspieler David Kosel ist in der Rolle des Arztes Izzeldin Abuelaish einfach phänomenal.

Quelle: Ann Brünink

Viesen. „Es ist Zeit, dass wir uns hinsetzen und endlich miteinander reden“, lautete der letzte Satz des Schauspielers David Kosel in dem Einpersonenstück „Ich werde nicht hassen“ nach dem gleichnamigen Buch von Izzeldin Abuelaish (Regie: Fanny Staffa). Das Bühnenlicht in der Theaterscheune der Lehnschulzenhofbühne in Viesen war längst erloschen. Doch noch immer saßen die Zuschauer schweigend, fast wie erstarrt auf ihren Plätzen und wagten kaum zu atmen. Keiner klatschte. Es war einfach unfassbar, was sie in der vergangenen Stunde gehört, ja was ihnen David Kosel dank seiner unglaublichen schauspielerischen Leistung unmittelbar erlebbar gemacht hatte.

Das Publikum war geschockt. Es befand sich weit weg von Viesen im Gazastreifen in einem von Granatwerfern zerschossenen Haus. Eben hatten sie noch zusammen mit einem jungen Mädchen und seinen sieben Geschwistern sowie seinem Vater, Dr. Izzeldin Abuelaish, gefeiert, weil das Mädchen nun eine Frau geworden war. Das macht man so in Palästina, wenn ein Mädchen seine erste Periode bekommt. Und im selben Moment lagen drei Töchter und eine Nichte des Arztes zerfetzt vor ihm in Strömen von Blut, ihre Köpfe vom Rumpf abgerissen, ihre Gliedmaßen im gesamten Wohnzimmer verteilt, Hosenbeine und Pulloverärmel noch dran.

Dabei galt das Haus der Familie als sicher. Der Arzt Izzeldin Abuelaish arbeitete als Gynäkologe und Geburtshelfer in Israel am Soroka Hospital in Be’er Scheva. Er engagierte sich aktiv für den Frieden zwischen Israel und Palästina. Der Mediziner hatte Freunde auf beiden Seiten der Grenze, teilweise sehr einflussreiche. So hatte ein bekannter israelischer Fernsehjournalist live in einer Sendung berichtet,wie ein israelischer Panzer unerbittlich auf das Haus des Arztes zurollte. Das israelische Sicherheitsbüro intervenierte, nachdem es vorher informiert worden war, wessen Haus da zerstört werden sollte. Ganz kurz vor seinem Ziel drehte der Panzer ab. Nun sei sein Haus sicher, es sei bekannt, jeder wisse jetzt, wie es aussieht und wer darin wohnt, dachte Izzeldin Abuelaish. Ein fataler Irrtum.

„Ich werde nicht hassen“ lautet der Titel des Buches, das Izzeldin Abuelaish über sein bewegtes Leben geschrieben hat. In einem palästinensischen Flüchtlingslager im Gazastreifen in bitterster Armut aufgewachsen, musste der Junge schon seit seinem siebten Lebensjahr arbeiten gehen, um das Familieneinkommen aufzubessern. Sein Grundschullehrer machte ihm klar, dass er lernen und studieren müsse, um der bitteren Armut zu entrinnen. Daran hat sich der Junge gehalten, obwohl er unter der Doppelbelastung zusammenbrach, akute Arthritis bekam mit sieben Jahren.

Mit einem Stipendium konnte Abuelaish Medizin in Kairo studieren. Bildete sich immer wieder im Ausland weiter, machte einen Abschluss in Harvard, arbeitete eine zeitlang für die WHO in Brüssel und in Afghanistan. Seine Frau ermutigte ihn, derartige Chancen zu nutzen und unterstützte ihn tatkräftig dabei.

Es zog ihn immer wieder zurück zu ihr und seiner wachsenden Kinderschar. Und so kehrte er zurück in den Gazastreifen und nahm alle Schikanen auf sich, die mit dem ständigen Grenzwechsel verbunden waren, um als Arzt in Israel arbeiten zu können. Je mehr sich die politische Lage zwischen Israel und Palästina verschlimmerte, um so unmenschlicher wurden die Schikanen. Als seine Frau mit Krebs im israelischen Krankenhaus im Sterben lag, war es besonders infam. Erst ließ man ihn zehn Stunden am Grenzübergang warten. Dann hetzte man ihn nach Jerichow, um seine Einreisegenehmigung zu aktualisieren. Dann schrieb man ihm vor, dass er die Grenze nur in Bethlehem übertreten dürfe, was einen riesigen Umweg bedeutete, zwischendrein wurde er grundlos verhaftet. Ohne Grund ließ man ihn auch wieder frei. Als er schließlich an das Krankenbett seiner Frau treten konnte, war sie gestorben.

Dr. Izzeldin Abuelaish und seine fünf überlebenden Kinder leben jetzt in Kanada. Seit Dezember 2015 sind sie alle kanadische Staatsbürger.

Von Ann Brünink

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