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„Eenmal in der Woche muß ick weenen“

In Nuthetal entsteht ein Film über außergewöhnliche Menschen „Eenmal in der Woche muß ick weenen“

In Nuthetal wird außergewöhnlichen Menschen ein filmisches Denkmal gesetzt. Die Porträts lokal-historischer Berühmtheiten sollen in einem Film und in einem Buch für nachfolgende Generationen verewigt werden. Eine Rolle spielt zum Beispiel eine Chansonsängerin, die einst sogar Heinrich Zille begeisterte, und der Erfinder der Blindenschreibmaschine.

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Chansonette Lotte Werkmeister an ihrem Haus in Bergholz-Rehbrücke. Sie lebte von 1938 bis 1970 dort.

Quelle: Privat

Nuthetal. Als Deutschland noch geteilt war und Anrufe aus dem Westen nur über Umwege Ziele im Osten erreichten, ging bei ihr ein Notruf aus der BRD ein. Drüben, wie man damals sagte, hatten sie es mit einem Fall einer schweren Pilzvergiftung zu tun und wussten nicht weiter. Sie wollten sich Rat holen – bei Katharina Bickerich-Stoll (†2015). Die Mykologin aus Bergholz-Rehbrücke, die das zu DDR-Zeiten meistgekaufte Pilzbuch schrieb und die Pilzabbildungen selbst malte, konnte helfen. Und nicht nur in dem Fall. Als Pilzsachverständige für den Bezirk Potsdam rettete sie auch manchem DDR-Bürger das Leben. Für Kurt Baller steht die Überschrift, die das Kapitel über Rehbrückes Pilzexpertin ankündigen wird, denn auch schon fest: „Die Lebensretterin!“

Der Historiker arbeitet mit weiteren Nuthetalern, darunter Fotografen und Filmemacher, an einem herrlichen, vom Landkreis Potsdam-Mittelmark geförderten Projekt. Sie wollen außergewöhnlichen Menschen und besonderen Orten in Nuthetal ein filmisches Denkmal setzen. Die lokal-historischen Persönlichkeiten wie die besonderen Orte sollen porträtiert und die Kunde von ihnen in einem Film und in einem Buch für Nuthetals nachfolgende Generationen verewigt werden.

Fertig sein sollen die Werke 2018, wenn die Gemeinde 15 Jahre alt wird. „Es geht um Heimat und Identität, um Geschichtsbewusstsein und -bewahrung“, sagt Baller und fügt hinzu: „Man kann seinen Ort erst richtig lieben, wenn man ihn und seine Geschichte kennt.“ Seit Wochen sind er und seine Mitstreiter in den sechs Nuthetaler Ortsteilen auf der Suche nach Zeitzeugen und Wissenden, die etwas über besondere Menschen und Orte berichten können. Baller ist schon jetzt begeistert: „Was da an Dokumenten und historischem Wissen zum Vorschein kommt, ist unglaublich. Eigentlich müsste man uns ohrfeigen, weil wir die Idee erst jetzt umsetzen.“

Für Nudow, Fahlhorst und Tremsdorf ist die endgültige Wahl noch nicht getroffen, wem ein Platz im Film gebührt. In Philippsthal soll das Haus Friedrichshuld und die Menschen, die mit ihm zu tun hatten, die Hauptrolle spielen, sagt Mitstreiterin Elvira Schmidt. Haus Friedrichshuld war der Mittelpunkt der Plantage für die Seidenraupenzucht, die Friedrich der Große im „Spinnerdorf“ Philippsthal etablieren wollte.

Für Bergholz-Rehbrücke haben die Spurensucher die Qual der Wahl. Die Landhauskolonie Rehbrücke zog durch die Nähe zu Potsdam und Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts Promis in Scharen an. Zu ihnen gehörte Oskar Picht (†1945), der Erfinder der Blindenschreibmaschine, die nach der Patentierung ihren Siegeszug um die Welt antrat. Oder Lotte Werkmeister (†1970), die in den goldenen 20er Jahren in Berlin eine der angesagtesten Operetten- und Chansonsängerinnen war. Berühmt wurde die Werkmeister, die auch Heinrich Zille begeisterte, mit ihrem Chanson „Eenmal in der Woche muß ick weenen“. Sie lebte von 1938 bis 1970 in der heutigen Gerhard-Hauptmann-Straße 6 und ist Bergholz-Rehbrückes einzige Ehrenbürgerin. Für das Projekt wurden auch die heutigen Bewohner des Hauses interviewt: Petra und Matthias Thorwirth, von denen die Rede ist, fanden sogar noch Fotos und Dokumente der Werkmeister im Haus. „Durch die Verbindung sind die Thorwirts Fans von Lotte Werkmeister geworden“, erzählt Baller.

Geschichtsphilosoph Kurt Breysig (†1940)bekommt ebenfalls einen Platz im Film und im Buch. Er machte nach dem Ersten Weltkrieg den Namen Bergholz-Rehbrücke in der deutschen Geisteswelt bekannt. Der Freimaurer hinterließ auch eine sichtbare Spur im Ort. Er baute für sich und seine Frau eine Villa im Stile einer Freimaurerloge, die im Volksmund „graues Haus“ heißt.

Ein weiteres Kapitel wird dem Ernährungsforscher Helmut Haenel (†1993) gewidmet, der nach dem Ende der DDR wie ein Löwe kämpfte, damit Rehbrücke Standort der Ernährungswissenschaften bleibt. Lebensmittelingenieur Reinhardt Schneeweiß (†1987), der das Institut für Getreideverarbeitung gründete, machte seine Heimat bis nach Kanada bekannt. Er organisierte in den 1970er Jahren auch einen Weltbrotkongress und wurde wegen seines Engagements für die Welternährung zum Ehrenbürger der kanadischen Stadt Winnipeg ernannt.

Pfarrer Johann Gustav Dressel (†1891) ist es wiederum zu verdanken, dass ein gewichtiger Teil Saarmunder Ortsgeschichte erhalten blieb. Er wird genauso Teil des Films wie Zimmermeister Ferdinand Wallis (†1893), der in Saarmund die Wallis-Stiftung gründete, die unter anderem 1909 den ersten Kindergarten im Ort finanzierte. „Was er für Saarmund schuf, hat heute noch Bedeutung. Jetzt wollen wir dem Mann die gebührende Anerkennung widerfahren lassen“, sagt Baller.

Von Jens Steglich

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