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Ehre als Feuerwehrmann stand auf dem Spiel

Prozess wegen Unfall beim Baumblütenfest Ehre als Feuerwehrmann stand auf dem Spiel

Mit einer Geldstrafe endet für den 66-jährigen Feuerwehrmann, der beim Baumblütenfest mit einem Löschfahrzeug einen Bierwagen gerammt hat, der aktive Dienst. Für seine Feuerwehr-Ehre war die Verhandlung wichtig, sagt der Verteidiger. Auch Werders Bürgermeisterin Manuela Saß war zum Prozess gekommen – mit einer Botschaft an alle Ehrenamtler.

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Unfallort Eisenbahnstraße: Die Dekra und die Polizei untersuchten, wie sich der Crash auf dem Baumblütenfest 2016 zugetragen hat.

Quelle: Julian Stähle

Werder. Er wollte Menschen retten und machte sich der fahrlässigen Körperverletzung schuldig: Der Feuerwehrmann, der auf dem Baumblütenfest 2016 mit seinem Einsatzwagen einen Bierstand rammte, wobei dessen Heckklappe abriss und in eine Menschengruppe schleuderte, ist am Montagvormittag vor dem Potsdamer Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 1500 Euro verurteilt worden. Der 66-jährige Rentner muss zudem zwei verletzten Blütenfestbesuchern je 500 Euro Schmerzensgeld zahlen. Ein dritter Verletzter soll von ihm 300 Euro Schmerzensgeld und eine noch auszuhandelnde Summe Schadenersatz erhalten – der Mann hatte vor Gericht geltend gemacht, dass bei dem Unfall seine Jeanshose, seine Jacke und die Schuhe in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig – der Feuerwehrmann kann binnen einer Woche Rechtsmittel einlegen.

Ein dunkles Kapitel einer drei Jahrzehnte währenden Feuerwehrkarriere

Zu erwarten ist das allerdings nicht: Der Angeklagte ließ in der Verhandlung keinerlei Zweifel darüber aufkommen, dass er dieses dunkle Kapitel seiner mehr als drei Jahrzehnte währenden Feuerwehrkarriere abschließen möchte – lange hat er auf diesen unangenehmen Termin warten müssen. „Es kommt meinem Mandanten nicht auf das Geld an, es geht um seine Ehre als Feuerwehrmann“, sagt Verteidiger Sebastian Seehaus. „Es belastet ihn, dass er, ohne es zu wollen, Menschen verletzt hat – dass es am Ende seiner aktiven Zeit bei der Feuerwehr zu diesem bedauerlichen Vorfall gekommen ist.“

35 Jahre hat der Angeklagte hat bei der Freiwilligen Feuerwehr Glindow Dienst getan – unermüdlich, zuverlässig und im Ehrenamt, wie all jene betonen, die ihn zur Verhandlung begleiten, darunter Werders Bürgermeisterein Manuela Saß und Stadtwehrführer Robert Teschke. „Ich bin als Bürgermeisterin natürlich bewegt“, sagt Manuela Sass. „Ich bin heute hier, weil ich meinen Ehrenamtlern zeigen möchte, dass wir zu ihnen halten und ihre Arbeit würdigen. Es ist selbstverständlich, dass wir ihnen auch in einer nicht ganz einfachen Situation den Rücken stärken“.

Fünf Personen wurden verletzt

Als die Feuerwehr Werder am 6. Mai 2016 alarmiert wird, gehen die Einsatzkräfte von einem Großbrand aus. Mit seinem Löschfahrzeug erreicht der Angeklagte gegen 20.25 Uhr die Eisenbahnstraße, wo es auf Höhe der Hausnummer 34 zum Unfall kommt. Das Löschfahrzeug streift zunächst mit der A-Säule, dann mit dem rechten Außenspiegel die geöffnete Klappe des Bierwagens – eine Art Vordach. Als auch noch der Kofferaufbau am Heck des Lasters gegen die Klappe knallt, reißt sie ab und fliegt in eine Besuchergruppe. Fünf Personen werden verletzt. Sie erleiden unter anderem Schädelprellungen und Gehirnerschütterungen.

Weshalb er die Route übers Baumblütenfest nahm? „Alles andere wäre ein Umweg gewesen“, so der Angeklagte. „Die Eisenbahnstraße war fast menschenleer und als Rettungsweg ausgewiesen.“ Allerdings seien die Klappen der Verkaufswagen bei der Durchfahrtprobe geschlossen gewesen: „Sonst wär’s vielleicht aufgefallen, wie eng es ist.“ Als er die Kurve erreichte, habe er das Tempo gedrosselt, weil plötzlich Menschen auf der Straße waren. „Ich habe versucht, keinen zu erwischen und bin wohl zu weit rübergekommen – da ist es passiert. Wenn man nach unten guckt zu den Leuten, ist die Klappe unsichtbar.“

Haarscharf an der Unfallflucht vorbei

Das Gutachten der Dekra kommt zu dem Schluss, dass der Unfall vermeidbar gewesen wäre. Belastend: Der Fahrer legte keine Notbremsung ein, als es zum ersten Mal krachte, sondern brachte den Laster erst zum Stehen, nachdem die Klappe abgerissen war. Dass er nach dem Crash noch mehr als 100 Meter weiter fuhr, habe ihm leicht als Unfallflucht angelastet werden können, so Richter Francois Eckardt. Weil man eine Feuerwehr anders als einen privaten Pkw aber weithin sieht, kam dieser Punkt nicht zum Tragen. Auch die eine Stunde nach dem Unfall gemessene Blutalkoholkonzentration von 0,32 Promille hatte keine Relevanz – in Deutschland gilt Alkohol am Steuer ab 0,5 Promille als Verkehrsordnungswidrigkeit, auch für Einsatzkräfte der freiwilligen Feuerwehr.

Dass das Gutachten davon ausgeht, dass der Angeklagte mit einer Geschwindigkeit von etwa 30 Stundenkilometern unterwegs war – laut Anklage unangemessen schnell –, hätte Verteidiger Seehaus gern widerlegt. Von seiner Forderung, eine zweites Gutachten einzuholen, sah er nach einer Beratung mit seinem Mandanten aber ab. Für die Gegen-Expertise hätte man einen Crashtest mit einer Feuerwehr und einem Bierwagen durchführen müssen. Das kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit – und den Angeklagten weiterhin Nerven. „Mein Mandant möchte das hier beenden. Zur Not mit einem Urteil“, so Seehaus.

Bis zu drei Jahren stehen auf fahrlässige Körperverletzung

Für eine fahrlässige Körperverletzung sieht das Gesetz einen Strafrahmen von der Geldstrafe bis hin zu einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vor. Der Verteidiger plädierte für „eine Bestrafung am unteren Rand“. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft forderte 40 Tagessätze à 40 Euro. Das Gericht blieb mit seinem Urteil – 50 Tagessätze à 30 Euro – ein wenig darunter. „Sie haben Glück gehabt, dass nicht mehr passiert ist“, sagte Richter Francois Eckardt. „Ein Einsatz rechtfertigt es nicht, andere Menschenleben zu gefährden. Sie hätten zwei Kollegen rausschicken können, um nachschauen zu lassen, ob sie mit dem Wagen vorbei kommen – aber nein: Sie fahren einfach durch.“

Wie eine Geldstrafe berechnet wird

Das Tagessatzsystem ermöglicht es, die Einkommens- und Vermögensverhältnisse des Beschuldigten bei der Bemessung der Geldstrafe zu berücksichtigen – es führt also dazu, dass Geldstrafen gerecht sind. Das wären sie nicht, wenn sie absoluten Summen verhängt würden. Ein Beispiel: Lautet der Strafbefehl auf „Geldstrafe in Höhe von 3000 Euro“ wäre diese Summe für einen vermögenden Beschuldigten einfach aufzubringen, für einen ALG-II-Empfänger aber nicht. Obwohl beide in der Summe gleich bestraft wären, träfe die Strafe den mittellosen Angeklagten härter. Es wird also in Tagessätze gestückelt.

Die Anzahl der Tagessätze darf zwischen 5 und höchstens 360 liegen. Strafen über 90 Tagessätze führen zu einer Eintragung im Führungszeugnis.

Die Höhe eines Tagessatzes wird nach den persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters bestimmt. Dabei geht das Gericht in der Regel von dem durchschnittlichen Nettoeinkommen aus, das der Täter an einem Tag hat. nf

Von Nadine Fabian

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