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Ein Klaps auf den Hintern schadet nicht – oder?

Zum Tag der gewaltfreien Kindererziehung Ein Klaps auf den Hintern schadet nicht – oder?

Jedes Kind hat das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Daran erinnert jedes Jahr der Tag der gewaltfreien Kindererziehung, der am 30. April weltweit begangen wird. Seit 2003 ruft der Deutsche Kinderschutzbund zu diesem Tag auf. Die MAZ hat aus diesem Anlass einen Blick auf die früheren Erziehungsmethoden und heutigen Ansichten geworfen.

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Quelle: dpa

Brück/Bad Belzig. Bereits seit fast 20 Jahren treffen sich jeden Mittwoch die Frauen aus Brück und Umgebung im Evangelischen Pfarrhaus. Zu guten Zeiten kamen zu dem gemütlichen Beisammensein etwa 25 Damen, heute sitzen sie zu fünft im hellem Raum bei Kaffee und herzhaften, liebevoll dekorierten Schnittchen. An ihre Schulzeit können sich die Frauen noch ganz genau erinnern. Gelegentlich gab es körperliche Züchtigungen – diese kamen aber nur sehr selten vor. Am internationalen Tag der gewaltfreien Kindererziehung wirft die MAZ einen Blick auf die früheren Erziehungsmethoden und heutigen Ansichten.

Haben noch eine strenge und autoritäre Erziehung erlebt (von links)

Haben noch eine strenge und autoritäre Erziehung erlebt (von links): Erna Witte (86 Jahre) aus Brück, Johanna Hoffmann (78 Jahre) aus Brück, Rosemarie Hasseloff (71 Jahre) aus Gömnigk, Doris Schulz (64 Jahre) aus Freienthal und Heidi Strunk (73 Jahre) aus Brück.

Quelle: Johanna Uminski

Ihre Erziehung sei gewaltfrei gewesen, erinnert sich Heidi Strunk aus Brück. „Wir wurden erzogen, immer nett und freundlich zu sein.“ Über die heutigen Erziehungsmethoden wundere sich die 73-Jährige schon. Dennoch hat sie über eine positive Begegnung mit Jugendlichen zu berichten. „Ich bin zuckerkrank und war in Bad Belzig unterwegs als es mir plötzlich nicht gut ging“, sagt Strunk. Jugendliche hätten sie gesehen und ihr nachgerufen, dass sie betrunken sei. „Daraufhin habe ich ihnen gesagt, dass ich Zucker habe und sie mir vom Bäcker eine Schrippe holen sollen.“ Das taten die Jugendlichen bereitwillig und halfen damit der Brückerin.

Religionslehrer behalf sich mit Rohrstock

Auch Doris Schulz aus Freienthal habe keine „Dresche“ bekommen. Aber auch sie erinnert sich an einen autoritären Erziehungsstil. „Wir hatten zwar Zeit zum Spielen, aber mussten auch viel in der Landwirtschaft arbeiten“, erinnert sich die 64-Jährige. Die Kinder hätten vor Lehrern und Eltern großen Respekt gehabt. „Wenn ich höre, wie heute manche Kinder mit den Lehrern umgehen, da müsste mehr durchgegriffen werden.“ Rosemarie Hasseloff kann sich daran erinnern, dass ihr Vater sie ein einziges Mal geschlagen hat: „Ich weiß aber nicht mehr warum – ich habe wohl was Schlimmes gemacht“, sagt die 71-Jährige.

Antigewalttag seit 2003

Jedes Kind hat das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Daran erinnert jedes Jahr der Tag der gewaltfreien Kindererziehung, der am 30. April weltweit begangen wird.

Seit 2003 ruft der Deutsche Kinderschutzbund zu diesem Tag auf.

Das Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung ist auch in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten, die Deutschland 1992 unterzeichnet hat.

Um die Kinderrechte in Deutschland vollständig umzusetzen, setzt sich der Deutsche Kinderschutzbund für eine Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz ein.

Laut Auskunft des Deutschen Kinderschutzbundes gehören für fast ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland Schläge zum Alltag.

Weitere Informationen unter: www.dksb.de.

In lebhafter Erinnerung sei vor allem der damalige Religionslehrer geblieben. „Er war sehr streng“, sagt Haseloff. „Wenn er jähzornig wurde, kam auch der Rohrstock zum Einsatz.“ „Man wurde mit Arbeit erzogen“, ergänzt Erna Witte, die ebenfalls neben der Schule sehr viel in der Landwirtschaft arbeiten musste. Die autoritäre Erziehung habe die 86-Jährige aber nie als streng empfunden. „Es war selbstverständlich.“ Auch wenn der Erziehungsstil anders sei als heute, habe es auch in ihrem Haus keine körperlichen Züchtigungen gegeben. Eine besondere Situation sei der Brückerin dennoch im Gedächtnis geblieben. „Vier von uns Mädchen haben im Erdkundeunterricht nicht aufgepasst.“ Das habe der Lehrer mitbekommen und allen vier Mädchen eine Backpfeife gegeben. „Er war eigentlich ein guter, aber strenger Lehrer.“

Ohrfeigen können sich ins Gedächtnis einbrennen

Dass nicht überall eine so strenge Hand in den Klassenzimmern herrschte, zeigt auch das Schulhaus in Reckahn, das 1773 errichtet wurde. Der Unterricht war philanthropisch, also kinderfreundlich und praxisnah. Friedrich Eberhard von Rochow (1734-1805) lehnte körperliche Züchtigung ab und war überzeugt, dass der Lehrer den Kindern Freund, Vater und Seelsorger sein soll. „Die Realisierung der Schulzucht unter Rockows Lehrer Heinrich Julius Bruns geschah durch Blicke, Ermahnungen, hörbares Händeaufschlagen, Warnen, Belehren oder Rügen und Gespräche – auch mit den Eltern“, sagt Silke Siebrecht-Grabig, Leiterin der Reckahner Museen. Nur in Einzelfällen sei der Rohrstock zum Einsatz gekommen. „Dies geschah zwischen 1773 und 1794 nur ein Mal“, so die promovierte Museenleiterin. „In der Reckahner Schule veränderte sich nach 1830 die Situation hin zur üblichen Unterrichtsmethodik mithilfe des Rohrstocks.“

Eine Ohrfeige schade immer, sagt Daniela Wiederhold vom Netzwerk Gesunde Kinder und Leiterin der interdisziplinären Frühförder- und Beratungsstelle in Bad Belzig. „Man kann vorher nicht einschätzen, welche emotionale Lage das Kind hat.“ Eine solche Ohrfeige könne sich ein Leben lang ins Gedächtnis einbrennen. An fragwürdige Erziehungsmethoden kann sich auch Daniela Wiederhold erinnern: „Wir hatten noch Nachkriegslehrer – ihre extrem autoritäre Erziehung war nicht angenehm. Dazu gehörte auch verbale Gewalt.“ Das habe immer Folgen für ein Kind und schwäche das Selbstbewusstsein. Wer sehe, dass ein Kind Gewalt erlebe – sowohl durch Gleichaltrige als auch durch Erwachsene – habe die Pflicht, nachzufragen und einzugreifen. „Im Zweifel ist immer die Polizei zu verständigen“, betont Wiederhold.

Von Johanna Uminski

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