Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Leben mit der Grenze

Kleinmachnow Ein Leben mit der Grenze

Georg Heinze hatte als Kleinmachnower Naturschutzbeauftragter zu DDR-Zeiten auch Zugang zu den Grenzanlagen – was er dort erlebte, hat er nun aufgeschrieben. Entstanden ist ein Buch, das den alltäglichen Wahnsinn an der Mauer dokumentiert und auch die Opfer nicht vergisst.

Voriger Artikel
Gänsematen: Es bleibt bei Tempo 30
Nächster Artikel
Die Geschichte vom Ritter Sloteko

Georg Heinze zückte Stift und Kamera, als die Wende 1989 die Welt veränderte. Seine Erinnerungen gibt es jetzt als Buch.

Quelle: Kobel-Höller

Kleinmachnow. Als Georg Heinze als junger Mann das Konzentrationslager Buchenwald besuchte, fielen ihm die Stacheldrahtzäune auf und er dachte sich: „Wie kann man Menschen nur so begrenzen?“ In Kleinmachnow begegnete er dem Stacheldraht wieder: an den massiven Grenzanlagen zu Westberlin. Die Dokumentation dieser Begrenzungen hat sich der Schlesier, der mittlerweile seit rund 50 Jahren in der Gemeinde südlich von Berlin lebt, zur Aufgabe gemacht. Unter dem Titel „Kleinmachnow eingegrenzt – Die Grenze 1961-1990“ hat Heinze nun seine Erinnerungen als Buch veröffentlicht und so allen die Möglichkeit gegeben, eindrucksvolle Impressionen aus der DDR-Zeit und von der Wende zu gewinnen. Mit vielen Fotos illustriert er dabei seine persönlichen Erzählungen, schildert die Chronik von bekannten Gebäuden wie der Hakeburg, dem Freibad Kiebitzberge oder der Bäkemühle, erläutert den Aufbau der Grenzanlagen, oder berichtet von Situationen, in denen er selbst für das Regime etwas unbequem wurde.

1984 zum Ortsnaturschutzbeauftragten ernannt, genoss Heinze völlige Bewegungsfreiheit: Mit seinem Grenzpassierschein kam er bis direkt an den Zaun und die Mauer und „so bin ich aktiv geworden und habe mir viel angeschaut“, erzählt der heute 79-Jährige, der nie SED-Mitglied war. Mit dem Fotografieren hat er allerdings erst 1989 angefangen, nach der Wende. „Das war schon so eine Zeit. Man musste immer aufpassen, nichts gegen den Staat oder die Regierung zu sagen oder zu tun.“ Die ersten Bilder vom Kontrollpunkt Drewitz/Dreilinden sind am 3. November mit einem Teleobjektiv entstanden. Den vollen Film hat Heinze sofort danach im Keller versteckt und erst ein Jahr nach der Wende wieder gefunden, erzählt er. Fast merkt man ihm die Aufregung noch heute an.

Später wurde er mutiger. Als er nur eine Woche später, am 10. November, morgens zufällig am Volkspolizeikreisamt in Teltow vorbeifuhr, dokumentierte er nicht nur den enormen Ansturm auf das Amt, in dem es die ab sofort so wichtigen Reisepässe gab – am Vorabend hatte Günter Schabowski Reisefreiheit für DDR-Bürger angekündigt, die dieses Dokument vorweisen könnten –, sondern entschied kurzerhand, alle drei Stunden erneut ein Bild zu machen. Bis zu 2000 Menschen sammelten sich hier in der Warteschlange – Heinze selbst zählte nicht dazu, er selbst hat sich erst später einen Pass geholt, sagt er.

Doch in seinem Buch geht es nicht nur um die Wende, sondern auch um die Zeit davor. Um die Zeit der Eingrenzung eben, als die mächtigen Anlagen, die Mauer und der Stacheldraht noch den Alltag der Gemeinde beherrschten. Kleinmachnow war nur über zwei Straßen angebunden, erinnert er sich, und über eine dritte, die nur für Fußgänger war. Nach Berlin kam man nicht über den heutigen Zehlendorfer Damm (damals Philipp-Müller-Allee), die Mauer verlief hier quer über die Straße. „An der Schleuse stand so viel Militär“, fällt Heinze ein, der sich erinnert, dass sein Wagen dort zwei Mal komplett durchsucht wurde – Ausbau der Rückbank inklusive –, weil wohl sowjetische Soldaten auf der Flucht waren, wie er später erfuhr. Und der Teltowkanal war nicht nur auf die Hälfte eingeengt, um besser kontrollieren zu können, sondern auch mit einem U-Boot-Netz ausgestattet, um Schwimmer und Boote abfangen und den kompletten Flusslauf sperren zu können.

Doch es gab immer wieder Fluchtversuche, den Toten an der Grenze widmet Heinze in seinem Buch ein Kapitel, und auch Fluchtgeschichten kann er erzählen: Ein Nachbar, der mit einer Leiter an der Stammbahn über die Mauer entkam, nachdem er lange die Posten beobachtet hatte, so dass er deren Abläufe gut kannte. Oder junge Mitarbeiter der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft „Alpina“, in der er als Gärtner arbeitete, die mit dem Lastwagen der Firma bis an die Grenze fuhren, dort aber aufgegriffen wurden, „weil sie nicht das richtige Werkzeug hatten“ und wohl zwei Jahre später freigekauft wurden. Viele dieser Erinnerungen hat Heinze in seinem Buch mit Fotos verewigt. Eine Ausstellung in Potsdam hat er bereits hinter sich. „Da gab so viele Gespräche – und so kam die Idee, ein Buch zu schreiben und alles zusammen zu haben. Man wird ja auch vergesslich.“

Info: „Kleinmachnow eingegrenzt – Die Grenze 1961-1990“, Georg Heinze, Buchkontor Teltow.

Von Konstanze Kobel-Höller

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam-Mittelmark
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg